Theater der Jugend "Die Verwandlung" nach Kafka in der Schauburg

Anne Bontemps und Michael Schröder haben ziemliche Ähnlichkeit mit den Simpsons. Foto: Cordula Treml

In der Schauburg macht Regisseur Jan Friedrich aus Kafkas „Die Verwandlung“ einen starken Theaterabend

 

Es ist harter Stoff, mit dem die Kinder- und Jugendtheatermacher vom Elisabethplatz in die neue Spielzeit gestartet sind. Der Text ist zwar Schullektüre, durchaus mit reichlich surrealem Grusel, aber der 27-jährige Berliner Regisseur Jan Friedrich macht aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ einen schwindelerregend tief hinab in die Abgründe der Körperlichkeit wie der Bürgerlichkeit leuchtenden Horrortrip, der mit zwei Stunden und 50 Minuten zudem ein fürs Kinder- und Jugend-Genre außergewöhnliches Format hat.

Der berühmte Eingangssatz über Gregor Samsa, der nach unruhigem Schlaf erwacht und feststellt, dass er sich in ein „ungeheures Ungeziefer“ verwandelt hat, fällt erst nach einer Viertelstunde. In einem Video-Vorspiel sieht man einen höflichen jungen Mann, der unterwürfig seine Kunden hofiert und sein Einkommen dem Vater, der Mutter und der Schwester zusteckt. Die Livevideokamera, ohne die keine zeitgenössische Theaterproduktion mehr auszukommen scheint, spielt mit und kriecht in jeden Winkel dieses Haushalts, wie es nur Insekten können

Virginia Woolf mogelt sich in Kafkas Familienhölle

Dass Jan Friedrich, der hier auch als Kostümbildner wirkt, die Fernsehserie „Die Simpsons“ zitiert, macht die rätselvolle Geschichte nicht weniger unheilvoll. Die Zeichentrickserie aus dem Leben einer durchschnittlichen Familie macht sich seit 30 Jahren mit ätzendem Humor über die Alltagskultur der USA her und ist längst selbst ein amerikanisches Kulturgut. Auf der Bühne der Schauburg entwickelt die charakeristische Glupschäugigkeit der Figuren einen Gesichtsausdruck des chronisch von Schrecken erweiterten Blicks und das Gelb der Haut erscheint, anders als im Comic, beunruhigend maskenhaft und wirklich krank.

Der verwandelte Gregor hingegen ist rot wie eine Brandwunde und wird von drei Darstellern gespielt. Neben Janosch Fries und Michael Schröder gibt auch Simone Oswald dem Ungeziefer ihren Körper. Sie hat vor der Pause ein nervenaufreibend vezweifeltes Solo mit dem finalen Dialog zwischen Osvald Alving und seiner Mutter aus „Die Gespenster“ von Henrik Ibsen. Osvald leidet an einer „Hirnerweichung“ und hofft bei seinem Selbstmord, mit dem er der unausweichlichen und völligen Umnachtung zuvor kommen will, auf Mamas Hilfe.

Ibsen ist nicht der einzige, der Friedrichs Spielfassung textlich erweitert. Virginia Woolf mogelt sich ebenso in Kafkas Familienhölle wie der Regisseur selbst. Dem Vater (David Benito Garcia) gibt er ein umfangreiches Lamento über die Verwandlung, die seine Frau (Anne Bontemps) mit ihrer Schwangerschaft mit Gregor und seiner Geburt erlitten habe.

Dazu erklingt der Sound der Sechziger und Siebziger Jahre – locker sind Songs von Queen, Simon & Garfunkel oder den Beatles aus der Zeit, als die Eltern und Großeltern des heranwachsenden Zielpublikums popmusikalisch sozialisiert wurden, mit der Handlung verlinkt. Das Ensemble singt live traumhaft, beziehungsweise alptraumhaft schön in herzzerreißenden Arrangements (Felix Rösch). Das ist ein sehr starkes Stück Theater, das Kafkas Verstörungskraft verlustfrei und mit bedrängender Intensität in Bilder und Klänge transformiert. Mathias Hejny

Schauburg, wieder im November 15., 20 Uhr, 16., 19 Uhr, 18., 11 Uhr, 19., 10 Uhr, Telefon 23337155

 

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