Theater der Jugend „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ in der Schauburg

Die Papiertänzerin – Nele Sommer – und den Zinnsoldaten Michael Schröder werden durch ein hinreißendes Abenteuer gewirbelt. Foto: Cordula Treml

In der Schauburg wird wieder gespielt, ganz wunderbar sogar mit „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“

 

Hinter jedem neuen Text stehen alte Texte, das ist ganz klar, auch wenn sich diese Erkenntnis erst im Laufe einiger Erlebnisse mit der Kunst, auch der Bühnenkunst, einstellt. Eine Portion Selbstreflexivität hat es im Werk des Dramatikers Roland Schimmelpfennig immer schon gegeben, und selbst wenn er für ein jüngeres Publikum schreibt, lässt er sich nicht nehmen, ein paar Meta-Momente einzubauen.

So ist gegen Ende von seinem Kinderstück „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“, das Schimmelpfennig 2019 am Jungen Staatsschauspiel Berlin selbst zur Uraufführung brachte, von einem „Schriftsteller“ die Rede. Die zwei titelgebenden Figuren überlegen, was denn wäre, wenn ein (männlicher) Autor sich ihrer Geschichte annehmen, aber nur auf eine Sicht konzentrieren würde...

In der Münchner Premiere des Stücks, inszeniert von Schauburg-Intendantin Andrea Gronemeyer im eigenen Haus, zieht sich der formidable Musikus Greulix Schrank an dieser Stelle einen Zylinder auf, bindet eine Krawatte zur Fliege, als kleine Reminiszenz an Dänemarks Schriftsteller-Ikone Hans Christian Andersen, der für seinen Dandy-Look bekannt war und dessen Kunstmärchen „Der standhafte Zinnsoldat“ von 1838 die eingleisige Vorlage für Schimmelpfennigs zweigleisiges Stück ist.

Eine Parallelmontage

Zweigleisig – denn Schimmelpfennig renoviert nicht nur die Geschichte des Zinnsoldaten, sondern schenkt auch im Dienste der Gleichberechtigung der Papiertänzerin ein Abenteuer. So ist sein Stück eines der ständigen Parallelmontage: Beide, Zinnsoldat und Papiertänzerin, werden von ihrem Besitzer, einem Jungen, auf dem Fensterbrett vergessen, fallen am nächsten Morgen aus dem Fenster und erleben jeweils eine Reise, die sie am Ende zu ihrem Ausgangspunkt zurückführen wird.

Während der Zinnsoldat – Schimmelpfennig bleibt dem Original ziemlich treu – mit einem Papierschiff in die Kanalisation fährt, am Rande eines Flusses die Passkontrolle durch eine (in der Schauburg-Version daherwienernde) Ratte übersteht und wie einst Jonas in der Bibel im Bauch eines Fisches landet, schwebt die Papiertänzerin gen Himmel, trifft auf einen Drachen, eine Wolke und schließlich eine Elster, welche die Tänzerin als Entertainerin für ihre sechs Kinder einspannen will.

Ja, Unterhaltung für jede Altersgruppe muss sein, auch in Zeiten von Corona. Andrea Gronemeyer hatte Schimmelpfennigs Stück schon lange vor dem Ausbruch der Pandemie im Auge, musste aber die Premiere vom April auf Ende Juni verschieben. Aber immerhin: Die Premiere konnte stattfinden, weil Schimmelpfennigs Stück auch den gebotenen Sicherheitsabstand zufälligerweise schon intus hat. Der Zinnsoldat ist unten unterwegs, die Papiertänzerin oben, und die seltenen Stellen der Berührung haben Gronemeyer und Dramaturgin Anne Richter gestrichen. Eine Umarmung geht auch im Geiste.

Ein ganzes Märchenuniversum

Das Publikum sitzt stark vereinzelt auf Holzbänken im Kreis um die Bühne, die aus einem runden Podest besteht plus einem randständigen Musikbereich für Rhythmus-Guru Greulix. Zumindest von ihrer familientauglichen Ausrichtung kann die Schauburg profitieren: Eltern und Kinder dürfen zusammensitzen, ein Junge legt während der Premiere gar seinen Kopf in den Schoss seiner Mutter.

Der Abstand Publikum-Podest ist ebenfalls korrekt: Das mitreißend beherzt spielende Duo Nele Sommer und Michael Schröder kann so ausgiebig um das Rund spurten und sich angemessen-abgemessen positionieren. Greulix treibt sie mit urbanen, gar nicht niedlich-kindertheatrigen Sounds (Mit-Kompositeur: Taison Heiß) zusätzlich an, und wie eine Trommel sieht auch das Podest aus, dessen obere Kante als Scheibe inklusive Leinwand bald in die Höhe fährt und zur Projektionsfläche wird, für Himmelsbilder beispielsweise oder Regentropfen, so groß im Bild wie unter einer Lupe.

Nicht immer gelingt es der Regie, die obere Spielsphäre von der unteren deutlich abzugrenzen. Viele Szenen finden im gleichsam gedämpften Licht statt; selbst der Himmels-Trip der Tänzerin ist recht düster, weil sie sich aber auch in die griesgrämige Schlecht-Wetter-Wolke hineinbegibt. Letztlich ist dieser Abend aber ein reines, helles Vergnügen.

Mit Mitteln des Schattentheaters, klug eingesetzten Projektionen und wenigen Requisiten, mit denen sich weitere Figuren pars pro toto markieren lassen (Krallen für die Elstern, rote Äuglein für die Ratte), erschaffen Gronemeyer und ihr Team ein ganzes Märchen-Universum und nehmen das Publikum Etappe für Etappe mit auf die zweifache Odyssee.

In ihrem 2013 uraufgeführten, preisgekrönten Tanzstück „Tanz Trommel“ erzählte Gronemeyer von der Annäherung einer Tänzerin und eines Perkussionisten, amalgamierte dabei zwei Künste. Bei Schimmelpfennig geht es nun um das Leichte und das Schwere, Papier und Zinn, Frau und Mann, darum, wie sie aus der Komfortzone des Kinderzimmers geworfen werden, auf eine nicht gerade wohl gesinnte Umwelt, also die harte Realität treffen, sich nach dem anderen sehnen und zuletzt wieder zusammenkommen. Um, wie bei Andersen, ins Ofenfeuer geworfen zu werden. Oder ist ein alternatives (weibliches) Ende denkbar? Gerade beim selbstreflexiven Erzählen ist ja vieles möglich.     

Schauburg, Große Burg, Karten unter Telefon 233 371 55
 

 

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