Theater der Jugend Andrea Gronemeyer über die Pläne der Schauburg

Michael Schröder und Nele Sommer mit den Hauptfiguren von Roland Schimmelpfennigs „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ in Andrea Gronemeyers Inszenierung für Kinder ab sieben Jahren in der Schauburg am Elisabethplatz. Foto: Cordula Treml

Die Intendantin der Schauburg über ihre Pläne im städtischen Jugendtheater

 

Es ist ihre dritte Spielzeit in München, die außergewöhnlich erfolgreich zu werden schien. Zwischen September im vorigen Jahr und Ende März hatte das Theater für junges Publikum eine märchenhafte Platzauslastung von 97 Prozent. Dann kam das Corona-Virus und die Schauburg musste, wie alle anderen Theater auch, schließen. Jetzt stehen Andrea Gronemeyer und ihr Team unmittelbar vor einem Neustart unter seltsamen Bedingungen. Die AZ sprach mit der Intendantin der Schauburg.

AZ: Frau Gronemeyer, wie laufen gerade die Proben?
Andrea Gronemeyer: Am Anfang war es schwer, sich an Abstand und Maske zu gewöhnen. Jetzt ist uns das in Fleisch und Blut übergegangen. Eine erstaunliche Erfahrung ist, dass ich bei den Proben zu „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ für eine Szene sogar eine bessere Lösung fand, als ich sie ursprünglich geplant hatte.

Wird der Corona-Stil vielleicht die neue Bühnenästhetik?
Ich hoffe nicht. Aber bei diesem Märchen geht es mit Abstand, weil der Zinnsoldat und seine Angebetete immer voneinander getrennt sind. Es gibt natürlich auch andere Stücke. Wir wollten jetzt die Uraufführung von „Fake It Till You Make It“ machen, aber das würde einen solchen Eingriff nicht überstehen. Wir verschieben das einfach.

Sie dürfen seit gestern wieder spielen. Was läuft dann?
Zu meinem großen Kummer laufen nur die Proben für die Premiere, denn wir wollten ein geeignetes Stück spielen. Wir durften sehr lange nicht proben und waren deshalb noch nicht weit genug. Unter den Corona-Bedingungen müssen wir die Teams trennen und haben nicht alle Schichten zur Verfügung. Im Moment warten wir noch auf die Genehmigung des Gesundheitsamts für unser Hygienekonzept. Man ist langsamer durch Corona.

Wie geht es weiter?
Wenn alles glatt läuft, dann werden wir hoffentlich eine Eröffnung mit einer Premiere haben. Mit dem „Zinnsoldat“ werden wir am 26. Juni unser Haus wiedereröffnen. Wir haben uns auch für die Premieren der nächsten Spielzeit, die noch unter Corona-Bedingungen entstehen, fest vorgenommen, zu sagen: Da spiegelt sich auch im Theater die Realität wider. Da darf die Maske auch vorkommen. Es geht darum, dass die Künstler gute Lösungen finden für eine Situation, die für alle schwierig ist. Wir können auch einmal lustvolles Vorbild sein, das alles nicht nur als Defizit zu betrachten.

Kann die Seuche ein Thema für Sie sein?
Ich würde nicht die Seuche thematisieren. Aber wir werden uns in der nächsten Spielzeit mit einem Wert zu beschäftigen, der in dieser Krise ganz besonders eingeschränkt ist: die Freiheit. Wir hatten das ohnehin vor, aber es hat noch eine ganz andere Brisanz bekommen. Es gibt zwei Dinge, die uns als Menschen ambivalent machen. Einerseits wollen wir individuell und selbstbestimmt sein, auf der anderen Seite wollen wir dazu gehören und in der Gruppe geschützt sein. Was als Nebenthema unbedingt dazu gehört, ist die Demokratie, die die Staatsform ist, die beides am besten unter einen Hut bringt. Im Spiegel dieser Krise stehen grundlegende Fragen unserer Gesellschaft wieder zur Überprüfung. So sehen wir uns als Kinder- und Jugendtheater auch als jemand, der die grundsätzlichen Werte vermittelt und diskutiert.

Für Familien waren die letzten Wochen so etwas wie ein Stresstest. Konnten Sie Signale dazu aus Ihrer Zielgruppe empfangen?
Zum Einen natürlich aus dem eigenen Betrieb heraus, denn viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben kleine Kinder. Wir haben ja nicht nicht gearbeitet, sondern die Dinge weiter vorbereitet. Aber natürlich haben wir auch viele Rückmeldungen auf unsere Online-Angebote. Wir haben kleine Sachen produziert und ausgewählte Mitschnitte von Generalproben gezeigt, die eigentlich gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind. Wir waren erstaunt, wie stark das von den Familien angenommen wurde. An einem Sonntag wurde das Figurentheaterstück „Tür zu!“ 800-mal von Familien angeklickt. Das sind weit mehr Zuschauer, als sie jemals in unser Theater passen. Es gab sogar Anfragen aus anderen Städten und nach DVDs, denn die Kinder wollten das immer wieder sehen. Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis nach uns.

Zu den aktuellen Spielregeln gehört die Obergrenze von 50 Zuschauern. Wie kommen Sie damit zurecht?
Zu uns kommen vor allem Familien und so genannte „Virusgemeinschaften“, die mit Oma und Opa zu fünft oder zu sechst zusammen sitzen dürfen. Wir müssen nicht zwischen jedem Zuschauer den Abstand halten. Je mehr Leute zusammen sitzen, weil sie zusammen leben, desto mehr können rein. Wenn nach der Sommerpause, wie es angedacht ist, die Zahl auf 100 erhöht wird, dann können wir entsprechend mehr reinlassen.

Eine große Klientel sind aber auch die Schulen.
Im Moment sind sie froh, wenn sie unterrichten können und haben nicht als Erstes im Sinn, ins Theater zu gehen. Aber für viele Kinder ist der Theaterbesuch über die Schule der einzige Weg, überhaupt einmal ins Theater zu kommen. Die Zusammenarbeit mit den Schulen ist für diese Kinder wichtig. An jedem Vormittag bildet sich in unserem Zuschauerraum die ganze Münchner Stadtgesellschaft ab. Auf diese Weise schaffen wir etwas mehr an kultureller Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe.


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 
 

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