Theater Augsburg Peter Konwitschny inszeniert "Lady Macbeth von Mzensk"

Szene aus "Lady Macbeth von Mzensk" im Theater Augsburg. Foto: A.T. Schaefer

Männergewalt und Weltenbrand: Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth vom Mzensk“, inszeniert von Peter Konwitschny am Theater Augsburg

 

Schostakowitsch ist nicht so schwer wie Mozart. Aber leicht auch nicht. Und so nötigt es einem Bewunderung ab, wie punktgenau die Augsburger Philharmoniker seine satirisch-tragische Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ spielen. An den Schlüsselstellen erscheint die Bühnenblaskapelle im Zuschauerraum. Wenn die Trompeter und Tubisten bei der Rammelmusik oder der Passacaglia auf das Fortissimo aus dem Orchestergraben noch zwei oder drei Grade mehr schneidende Lautstärke drauflegen, wackeln die Wände des renovierungsbedürftigen Stadttheaters.

Ein zwielichtiges Werk aus der Zeit von Stalins Terror

Aber der Abend ist nicht nur laut. Der neue Augsburger Generalmusikdirektor Domonkos Héja hat eine sehr glückliche Hand für Schostakowitschs satirisch-grotesken, bösartigen Tonfall. Er übersteuert den Klang nur, wenn es auf der Bühne richtig krass zugeht: bei der Massenvergewaltigung Sonjas, dem orgiastischen Sex-Zwischenspiel oder der Auspeitschung Sergejs, die Boris sexuell erregt. Und am Ende, wenn Katerina Ismailowa auf dem Transport ins sibirische Straflager von ihrem Ex-Geliebten in gemeinster Weise verlassen wird. Da bekommen der Dirigent und sein Orchester die heikle Wendung ins Ausweglos-Schwarze so bewegend hin, dass es auch abgebrühte Zuschauer mitreißt.

Gesungen wird auf Deutsch. Weil die Aufführung auch noch übertitelt ist, schlägt einem die Handlung in ihrer ganzen Brutalität wie mit der Faust in die Magengrube: Die mit einem impotenten Mann verheiratete Katerina wird vom Schwiegervater befummelt, der wenig später mit Rattengift beseitigt wird. Sie stürzt sich in ein Abenteuer mit einem zweifelhaften Charakter. Wenn Sergej und Katerina es treiben, lässt die überdrehte Musik keinen Zweifel daran, dass edlere Opern-Gefühle dabei keine Rolle spielen.

Deutlicher auch als sonst wird klar: Dieses 1932 uraufgeführt Werk ist so zynisch wie seine Entstehungszeit. Es schaudert einem bis heute bei dem Gedanken, dass dieses Werk zur Zeit der Massenmorde durch künstliche Hungersnöte in der Ukraine und kurz vor Stalins großem Terror uraufgeführt wurde. Ein zwielichtiges Werk, trotz der vielen Schwierigkeiten, die der Komponist zeitlebens mit der Kulturpolitik des Regime bekam.

Peter Konwitschnys Inszennierung ist ein Import aus Kopenhagen. Sie zeigt, wie heikel solche Zweit-Einstudierungen sein können. Der Regisseur stülpt dem Augsburger Ensemble sein Konzept über, ohne sich mit den Eigenheiten der Sänger zu belasten. Das überstehen nur urwüchsige Naturen wie Mathias Schulz, der den Sergej sehr kraftvoll singt und spielt. Die anderen lassen Federn: Young Kwon und Ji-Woon Kim schwächeln als Boris und Sinowi Ismailow. Die als Darstellerin immer etwas distanzierte Sally du Randt wächst erst im Schlussbild als Katerina über sich hinaus. Dann ist sie allerdings wirklich großartig.

Wir haben verstanden, Herr Oberlehrer!

Den mörderischen Aufstieg und tiefen Fall der Titelfigur illustriert die Ausstattung (Timo Dentler und Okarina Peter) durch den Wechsel von Primärfarben ins Grau. Sympathisierend mit Katerina rennt Konwitschnys Regie viele offene Türen ein. Männer sind durchwegs Idioten mit heruntergelassenen Hosen. Der Regisseur verwechselt öfter öde Regie mit inszenierter Ödnis. Sex und Gewalt werden mit stadttheaterhafter Routine abgearbeitet. Besser wäre es, dergleichen dem inneren Auge des Zuschauers zu überlassen. Denn die Musik schreit alles mit einer Deutlichkeit heraus, die sich kaum angemessen ins Bild setzen lässt.

Den Umbau zum Schlussbild überbrückt der Polizeichef (Markus Hauser) mit einem Stalin-Witz. Am Anfang sprießt ein Pilz per Video wie ein erregtes Gemächt. Dem antwortet gegen Ende ein aufsteigender Atompilz: Männergewalt führt zur schnurstracks in den Weltenbrand – jawohl, wir haben verstanden, Herr Oberlehrer!

Im Herbst inszeniert der andere große alte Frauenversteher des deutschen demokratischen Regietheaters den gleichen Schostakowitsch an der Bayerischen Staatsoper: Harry Kupfer. Auch der Kollege bleibt munter: Ein paar Tage nach dieser Premiere bringt Konwitschny am 4. Dezember mit Mozarts „Idomeneo“ in Augsburg seine erste Original-Inszenierung heraus. Auch wieder altmodisch auf Deutsch übrigens.

Wieder am 20., 24. und 30. April, 6., 13. und 21. Mai im Theater Augsburg. Infos und Karten www.theater-augsburg.de

 

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