Theater Augsburg Brechts "Baal" beim Brechtfest

Daniel Schmidt und Andrej Kaminsky in „Baal“. Der fehlende Buchstabe in der Leuchtschrift liegt an anderer Stelle auf der Bühne. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Mareike Mikats punkige Variante von „Baal“ beim Brechtfestival in Augsburg

Widerständige Künstler, die sich nicht in ihre Karten schauen lassen – von Kritikern schon gar nicht! – hat es schon immer gegeben und gibt es auch weiterhin. „Ich werde das ganz bestimmt nicht interpretieren“, stellt Roman Pertl, blondiert und für einen Moment jenseits jeder Brecht-Rolle, auf der „Brechtbühne im Gaswerk“ in Augsburg fest. Dann liefert er ziemlich unernst einige Lesarten für einen Esel ab, der im „Baal“ zwar nicht vorkommt, aber in Angela Schanelecs neuem Film „Ich war zuhause, aber“, der gerade im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere hatte.

Ja, Angela Schanelec erwies sich in Berlin als recht widerborstige Regisseurin, die ihre Unlust, das eigene Werk zu deuten, während einer Pressekonferenz mit eben jenem Satz deutlich kundtat, den nun Roman Pertl wörtlich zitierte. Anything goes, das postmoderne Diktum gilt wohl gerade für einen wie Bertolt Brecht, der dem Theater alle realitätsnahen Illusionen austreiben wollte und dem hineingesampelten Fremd-Zitat wohl gar nicht so abgeneigt gegenüberstand, während die Brecht-Erben, zumindest zu Lebzeiten seiner Tochter Barbara Brecht-Schall, auf exakte Werktreue pochten.

Castorfsche Freiheiten

Noch vor vier Jahren gab es mächtig Ärger, als Frank Castorf Brechts „Baal“ im Residenztheater mit anderem Material vollstopfte, um aus dem gefräßigen Dichter Baal eine Metapher für den ebenfalls sich alles einverleibenden europäischen Kolonialismus zu machen. Das Stück musste abgesetzt werden – dieses Schicksal wird Mareike Mikats Variante, deren Premiere nun während des Brecht-Festivals stattfand, wohl nicht ereilen, auch wenn sie sich in castorfschem Ausmaß Freiheiten nimmt.

Während die eingestreute Schanelec-Passage den Gedankenraum vom Macho-Poeten Baal auf eine weibliche Künstlerperspektive aus dem Bereich des Kinos erweitert, haben Mareike Mikat und ihr Dramaturg Lutz Keßler insbesondere einen Transfer in die Welt der Musik, besonders des Punks, im Auge. So wird Baal von einer Frau gespielt, Natalie Hüning, die als Drummerin den Takt einer Band vorgibt, bestehend aus fünf Männern, die sämtliche Nebenrollen, auch die weiblichen übernehmen.

Cross-Besetzung

Diese Art von Cross-Besetzung ist schon seit einer Weile Mode an den Theatern. Die Absicht ist klar: Indem man Männerrollen mit Frauen besetzt und umgekehrt, ringt man den alten Stoffen mit ihren eingefahrenen Geschlechtsrollen womöglich noch was Zeitgemäßes ab. Als Generalschlüssel für neue Perspektiven erscheint diese Methode aber auf Dauer etwas abgeschmackt: Hey, probieren wir mal aus, die Geschlechterzuteilungen umzudrehen, und dann wird’s schon irgendwie spannend werden.

Tatsächlich geht Mikats Experiment mit „Baal“ aber ganz gut auf, auch wenn man sich zwischendurch fragt, ob das nun wirklich feministisch ist, wenn sich Natalie Hüning das männliche Gewaltgebaren Baals überstülpt und etwa dem weiblich markierten Daniel Schmidt eine Wurst in den Mund stopft, mit der Aufforderung, er solle die Nationalhymne singen. Der Phallus gehört an diesem Abend einer Frau und die darf sich saumäßig benehmen, darf das „Tier“ sein, wie Baal von anderen genannt wird.

Im luftigen Baustellen-Bühnenbild von Bernd Schneider inszeniert Mareike Mikat eine luftige Brecht-Show mit Revue-Charakter, was über weite Strecken unterhaltsam ist, aber die Konzentration aufs Wesentliche auch zerfasern lässt. Das Künstler-Dasein, damals wie heute, steht wohl im Mittelpunkt, wie ein Egomane wie Baal seine Umwelt traktiert und gleichzeitig in seine Genierolle hineingezwängt wird. Der Künstler muss liefern, und es tut schon weh, anzusehen, wie die behelmte Hüning an den Beinen gepackt und ihr Körper, Kopf voraus, brutal gegen eine große Trommel gebollert wird.

Wie sie alle nuckeln an ihren Sektflöten

Dass die alle missbrauchende Künstlerin, selbst so missbraucht, ihre Klientel letztlich nur hassen kann, versteht sich von selbst. „Wie sie alle nuckeln an ihren Sektflöten. Du stehst in ihrer Mitte und willst sie alle töten“, lautet der Beginn des Songs „Vernissage“, den sich die Baal-Band auf ihrem Tournee-Halt im Baustellen-Nirgendwo von einer Punkgruppe mit dem schnuckeligen Namen „Pisse“ ausgeliehen hat. Zum Repertoire, das sie in sehr gut einstudierter Harmonie spielen, gehört auch Nick Caves „Lay Me Low“ und „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“ von Ton Steine Scherben.

Natalie Hüning legt ihren Baal destruktiv wuchtig an, ist sehnig und hart, der Mutter (Andrej Kaminsky) ödipal zugetan und gegenüber den Kumpels Ekart (Patrick Rupar) und Johannes (Roman Pertl) ruppig und verantwortungslos. Die Männer entwickeln immer wieder „weibliche“ Zartheit, aber bilden genau die asoziale Gesellschaft, die sich Brecht für seinen asozialen Helden gedacht hat.

Das Heute schallt bei Mikat deutlich hinein, wenn wörtlich zitierte Gerald Fiedler gegen Ende das Radio anmacht und die aktuellen Nachrichten erklingen. Mist, Augsburg hat 5:1 gegen Freiburg verloren.

Die Guten siegen nun mal nicht immer, ja, wer ist eigentlich gut in diesem Match Künstler versus Publikum? Der Triebmensch Baal bringt am Ende Ekart um und zersticht eine Weltkugel. Glitzerkonfetti kommt heraus, und das passt nach einem Abend, der wunderbar zeigt, dass vom alten Bertolt aus weiter wildeste Assoziationen möglich sind. Lang lebe Baal, der Punk und das Brechtfestival. 

Nächste Aufführungen „Baal“, Brechtbühne im Gaswerk, morgen, 9., 15., 23., 30.3, 19.30 Uhr, Infos unter www.staatstheater-augsburg.de/baal; Brechtfestival bis 3. März, www.brechtfestival.de

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading