"The Imitation Game" AZ-Kritik Oscarreif mit Cumberbatch und Keira Knightley: Plötzlich ist man Gott

Benedict Cumberbatch als Alan Turing (vorne), umringt von seinen Mitstreitern beim Durchbruch: gerade ist es gelungen, die Dechiffrierungsmaschine der Deutschen Wehrmacht, Enigma; zu knacken! Links: Keira Knightley Foto: Square One

"The Imitation Game" über das Schicksal des Wissenschaftlers Alan Turing ist ein Meisterwerk spannender, aufrüttelnder Erzählkunst mit Benedict Cumberbatch und Keira Knightley

 

Schon die Figurenzeichnung ist außergewöhnlich und genial: Da ist dieser arrogante Kotzbrocken, der sich für ein Mathematikgenie hält und derart verdruckst, unkollegial, fast autistisch ist, dass man ihn am Liebsten kräftig durchschütteln würde.

Aber immer mehr ahnen und sehen wir, wie einer so geworden ist: angefangen vom gepiesackten Schüler, der immer mehr lernen muss, dass die Außenwelt feindlich ist, weil sie sich durch sein Anderssein und – fast noch schlimmer – Intelligenter-Sein provoziert fühlt. Er zieht sich in seine kühl-mathematische, emotional nicht enttäuschende Welt zurück und versucht, seine unausgelebten Triebe durch Gewaltläufe zu betäuben. Bizarr bleibt ihm als letzter Kontakt jener zu seiner geliebten Maschine „Christopher“, dem vom ihm erfundenen Ur-Typ des Computers.

Alle Aspekte klar herausgearbeitet und elegant verwoben

Alan Turing hat das erlebt, bis er sich einsam, wegen seiner homosexuellen Neigung richterlich kastriert, am 7. Juni 1954 das Leben nahm. Dabei war er einer der größten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, einer, der Hunderttausenden, vielleicht Millionen das Leben gerettet hat, eingesetzt vom britischen Militär unter der strengsten Geheimhaltungsstufe zum Knacken der „unknackbaren“ Dechiffrierungs-Maschine der deutschen Wehrmacht: Enigma.

Das Fantastische an der Verfilmung von Turings Leben ist, dass die vielen verschiedenen Aspekte alle klar herausgearbeitet und dramaturgisch elegant verflochten sind, so dass „The Imitation Game“ auf allen Ebenen funktioniert: Da ist der kriegsentscheidende Geschichtskrimi, der Wettlauf gegen die Zeit. Jeder Tag, an dem die Systematik von Enigma nicht entschlüsselt ist, fordert weitere tausende Tote.

Geschichtskrimi und Charakterstudie, packend in einem Film

Bald steht man vor der perversen Frage: Wie viele Menschen opfere ich weiterhin, damit die deutsche Militärführung nicht merkt, dass ich ihre Befehle schon kenne. Man muss als Herr über Leben und Tod plötzlich Gott spielen.

Diese spannenden geschichtlichen, moralisch-philosophischen Wahrheiten sind mit der persönlichen, tragischen Lebensgeschichte Turings verbunden, der sich uns öffnet, als eine Frau durch Selbstbewusstsein und Neugier seinen Hemmungs-Panzer durchbricht. Aber die Beziehung zu Joan Clarke (gespielt von Keira Knightley) kann nicht erfüllt sein und wird von erpresserischen Zwängen zerstört. Das eröffnet die dritte Ebene: Inszeniert ist „The Imitation Game“ auch als Vernehmungs-Krimi. Ein beinharter Kommissar will Turing der Sowjetspionage und Homosexualität überführen und spiegelt so eine Gesellschaft wider, die Homosexualität kriminalisiert, Menschen in Einsamkeit, Selbsthass und Heimlichkeit treibt und so Leben ruiniert.

Acht Oscarnominierungen überraschen da nicht

So überrascht es nicht, wenn „The Imitation Game“ für acht Oscars nominiert ist, weil er als unwiderstehlicher Cocktail den entscheidendem Kampf gegen die Nazis als auch politisch korrekt Homosexualität thematisiert und uns dabei staunen lässt, hier der weltumwälzenden Erfindung des Computers beiwohnen zu können.

Aber der Film ist mehr als nur diese oscar-reife Mischung. Denn spannender und eleganter, dabei mit Pathos, aber Anspruch auf Wahrheit, oft sogar mit Witz, aber ohne Kitsch kann man eine Geschichte, eingebunden in Geschichte, kaum erzählen. Und Benedict Cumberbatch gibt diesem kauzigen Genie und Opfer, diesem großen tragischen, fast unbekannten Helden des 20. Jahrhunderts, so wahrhaftig ungeglättetes Leben, dass wir kathartisch erschüttert und stark berührt das Kino verlassen.

Kino: Gabriel, Gloria, Leopold, Mathäser, Neues Arena, Eldorado (auch OmU) sowie Cinema und Museumlichtspiele in OF, Studio Isabella (OmU)
R: Morten Tyldum (GB, 114 Min.)

 

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