Tennis Tommy Haas: "Da geht noch mehr"

Tommy Haas wird 35 Jahre alt. Doch trotz fünf Operationen und zig Rückschlägen fühlt er sich fit wie nie. Ein Weggefährte verrät sein Geheimnis.

 

FLORIDA Wenn sie sich in den letzten Tagen begegneten, vor den Toren Miamis, dann war es wie ein familiäres Wiedersehen. Gut zwei Jahrzehnte sind sie große gemeinsame Wegstrecken im Tenniszirkus gegangen, Nick Bollettieri, der berühmteste Coach im Profigeschäft, und Tommy Haas, einer seiner talentiertesten Schüler. Haas hat einen besonderen Platz in Bollettieris Herzen, schnell werden die Augen des alten Tennissoldaten feucht, wenn er „von dem Riesenspieler Haas” spricht.


„Gibt es einen Spieler, der in seiner Karriere mehr Pech hatte als Tommy”, fragt der sonnengegerbte Achtziger und gibt sich gleich die Antwort dazu: „Nein, da ist er leider die Nummer eins.”
Und so erzählt er auch seinen jungen Kadetten in Bradenton, in dieser gewaltigen Ausbildungsstätte für Tenniskids, auch immer wieder gern die verrückte Geschichte von Haas, dem unbeugsamen Fighter. Die Geschichte eines Mannes, der trotz fünf schwerer Operationen nie aufgegeben hat – und der nie anders konnte, als immer wieder aufs Neue sein Glück an heiklen Comebacks zu versuchen. „Ich habe Hochachtung vor Haas”, sagt Bollettieri, „und das gebe ich den jungen Leuten auch mit auf den Weg. Man muss immer den Kopf oben halten, an sich glauben.”


34 Jahre ist der unentwegte Haas inzwischen, in einer Woche wird er 35, und alles andere als müde ist er. Spielen will der Achtzehnte der Weltrangliste noch ohne jegliche eigene Begrenzungen, ohne ein zeitliches Stoppschild im Kopf – nicht zuletzt, weil er sein Tennisalter wegen der vielen Auszeiten und Zwangspausen „ganz anders einschätzt” als sein tatsächliches Alter: „Ich bin jünger als Athlet, vielleicht Anfang 30. Und das ist heute ein gutes Alter”, sagt er. Warum also aufhören, wo die Dinge doch gerade so gut laufen, wo der Körper endlich einmal allen Belastungen standhält?
Das Gute an Haas, dem Mittdreißiger, ist: Er hat über die Jahre und Jahrzehnte gelernt, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Er verzettelt sich nicht mehr in wilden Hetzjagden und ist – nachdem er sich oft genug in andere Dienste und unter die nationale Fahne gestellt hat – auch mal Egoist genug, um ausschließlich ans eigene Fortkommen zu denken.


Dass er noch einmal unter die besten 20 der Welt rutschen könnte, hat Haas im letzten Jahr, im Jahr seines letzten Comebacks in Wahrheit nur geträumt. Den entscheidenden Schub hatte ihm freilich der Pokalcoup im letzten Juni im westfälischen Halle gegeben, der Triumph gegen den Freund und sonstigen Spielverderber Roger Federer. Danach nahm Haas auch von dem Vorhaben Abstand, das ganze Engagement besinnlich 2012 ausklingen zu lassen – und mit einem halbwegs geglückten Comeback den Schlussstrich zu ziehen. Haas erkannte: „Ich bin wieder oben dabei, ganz oben. Da geht noch mehr.”


Nun ist er wieder mittendrin im Kampfgetümmel. „Ich hänge nicht irgendwelchen Wahnsinnsideen nach”, sagt Haas, „ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr alles aufholen kann, was ich früher verpasst habe – eben auch wegen der vielen Verletzungen.” Achtungs- und Ausrufezeichen bei den Grand-Slam-Wettbewerben will der immer noch beste deutsche Professional setzen, und Siegchancen realisieren bei mittelgroßen Turnieren, vielleicht aber auch einmal bei einem Masters-Spektakel wie in Miami. Zu spät ist es nie für manche Überraschungen. Wer wüsste das nicht besser als der ewig junge Haas. 

 

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