Teil drei der AZ-Serie Marcel Reif: "London ist meine dritte Herzensstadt"

"London ist anders, mehr, fast ein tiefes Heimatgefühl, das jedoch unaufgeregt daherkommt. Eher so: back again", sagt Marcel Reif. Foto: Andreas Heimann/dpa, firo/Augenklick, AZ-Montage

Teil drei der AZ-Serie: In seinem Buch "Auswärtsspiel" spricht Kommentatoren-Ikone Marcel Reif über besondere Städte, außergewöhnliche Menschen und einzigartige Begegnungen. Heute: London.

 

Madrid oder Mailand – Hauptsache gut gegessen. Was auch für Paris, Liverpool, Amsterdam oder Istanbul gilt. Kommentator Marcel Reif kennt die Fußball-Metropolen, die Stadien und hat dort unzählige Spiele kommentiert. In seinem neuen Buch "Auswärtsspiel" (mit AZ-Reporter Patrick Strasser als Co-Autor) nimmt er die Leser mit auf die Reise an die magischen Orte sowie zu seinen Lieblingsplätzen, Restaurants oder Cafés.

Auszug dem Kapitel "London":
London ist meine dritte Herzensstadt. An erster Stelle steht Zürich, mein Lebensmittelpunkt, dann kommt Mailand, meine Favoritin in Italien. In London habe ich knapp zwei Jahre für das ZDF als Politik-Korrespondent gearbeitet, 1981 bis 1983. Das prägt, hat sich festgesetzt.

In die anderen Städte in diesem Buch reise ich mit dem Impetus: Ach, schön, dass ich mal wieder hier bin. London ist anders, mehr, fast ein tiefes Heimatgefühl, das jedoch unaufgeregt daherkommt. Eher so: back again. Würde mir jemand plötzlich sagen: Marcel, du musst hierbleiben, es gibt kein Zurück, würde ich antworten: Okay, dann müssen wir aber meine Familie nachholen. So weit geht meine Verbundenheit und Liebe zur Hauptstadt Großbritanniens. Meine Schwester Ewa hat in Notting Hill gelebt, noch bevor der gleichnamige Film mit Julia Roberts und Hugh Grant in den Hauptrollen die Welt eroberte. Plötzlich war ihr Apartment das Fünffache wert. Ich bin Fan von Kensington und Chelsea, liebe diese Bezirke im West End, am Hyde Park. Eine prachtvolle, aber sehr teure Gegend. Mein Sohn Tim studiert in London, wohnt in Shoreditch, einem Ortsteil von Hackney im Nordosten. Das ist momentan the place to be. Ein Künstlerviertel, das Mekka der Hipster. (…)

Schon sind wir mittendrin im Multikulti, was ich an London so liebe. Hier versammeln sich zig Städte und Dörfer in einer Metropole. Alle Länder, alle Sitten, alle Kulturen und Religionen. Es gibt Industrie- und Bankenviertel, Einkaufsmeilen und königliche Paläste, aber auch – mit Verlaub – etwas heruntergekommene Viertel. Wenn ich bei gutem Wetter und bester Sicht nach London reinfliege, gehe ich in Gedanken schon mal die Wege ab. (…)

Marcel Reif: "Fußball in London nur mit Fish & Chips"

An der legendären Stamford Bridge, dem Stadion von Chelsea, war ich erstmals in meiner Studienzeit, habe mit Freunden Chelsea gegen Burnley gesehen. Etwa 1969/1970 muss das gewesen sein, damals hatte das Stadion noch einen Erdwall ohne Überdachung als Zuschauer-"Tribüne". Dieser Abend, dieses Spiel vereinte alles, was ich am englischen Fußball zu lieben begann. Das Stadion, die Atmosphäre, die Trikots, einmalig. Dazu die Art des Fußballs: Kick & Rush vom Feinsten. Mittelfeldspieler bekamen eine Halswirbelblockade, weil die Bälle nur so über sie hinwegflogen. Außerdem war es meine Feuertaufe für Fish & Chips, eingewickelt in Zeitungspapier. Nur dann sind sie original. An diesem Abend ist die für mich bis heute bindende Regel entstanden: Fußball in London nur mit Fish & Chips. Ich kann seit damals kein Spiel mehr gucken oder kommentieren, ohne vorher Fish & Chips zu essen. Ein Muss.

Mit Michael Palme, dem ZDF-Redakteur und wunderbaren Freund, der mir assistierte, ging ich eine Zeit lang vor Spielen in London stets in die unglaublich riesige Lebensmittelabteilung des Kaufhauses Harrods, um uns im "Sea Grille" eine Portion Fish & Chips zu gönnen, auch wenn die dreimal so teuer waren wie an jeder Bude. Bis ich den in München geborenen Journalisten Raphael Honigstein kennenlernte, der seit 1993 in London lebt und arbeitet. Er sagte: "Wir sind doch keine Touristen, das machen wir anders." Seine Empfehlung: "Scott's" in Mayfair, das beste Fischrestaurant der Stadt. Toppt jedes Sternelokal. Mit Austern- und Champagnerbar – bitte, wer kann und möchte. Da gibt es Fish & Chips vom Kabeljau mit Erbsenpüree und die besten, weil handgeschnitzten Pommes der Welt, dazu Tartarsauce. Herrlich! Man kann wunderbar Promis gucken, hier saß eines Tages Chelsea-Legende Frank Lampard am Nebentisch, ein anderes Mal Schauspieler Liam Neeson. (…)

Marcel Reif: In London zum Italiener - und Clooney treffen

Vor dem Champions-League-Finale 2013 zwischen Bayern und Borussia Dortmund war ich gezwungen, mit ein paar Freunden aus der Schweiz zum Italiener zu gehen. Die wollten keine Fish & Chips, nicht zum Inder, wollten dies nicht und das nicht. Die wollten zum Italiener! In London! Ich habe doch mein Italien, wieso soll ich in London zum Italiener? Passt in meiner Welt nicht zusammen. Die Fahrt von unserem Hotel zum Leonardo war der Horror – für meine Frau. So gegrummelt und gegrantelt habe ich lange nicht mehr. Sie beruhigte mich: "Jetzt hör doch auf, wird schon schön!" Im Restaurant sitzen am Nebentisch dann drei lässig gekleidete Männer, gutaussehend, wohlriechend. Ich schaue rüber, erkenne George Clooney und flüstere meiner Frau ins Ohr: "Guck mal." – "Aha", sagt sie nur, "London. Und beim nächsten Mal bitte den Papst, sonst reise ich ab." (...)

Hat man Karten für ein Spiel von Chelsea an der Stamford Bridge, einfach mal checken, was eine Übernachtung im Millennium & Copthorne Hotel“ (4 Sterne) oder im "La Reserve Hotel" (3 Sterne) kostet. Der Witz dabei: Gerade noch hast du dich im Hotelzimmer vor dem Spiegel gekämmt, und nur Minuten später sitzt du auf deinem Platz im Stadion. Außerdem ist die Umgebung mit Fulham und Kensington sehr hübsch, da kann man schön herumscharwenzeln.


Buchinfo: "Auswärtsspiel" (erschienen am 18. Februar 2020 im Verlag Edition Michael Fischer GmbH, 272 Seiten, Hardcover, 18 Euro).

Lesen Sie hier den ersten Teil der AZ-Serie mit dem Kapitel "Mailand"

Lesen Sie hier den zweiten Teil der AZ-Serie mit dem Kapitel "Amsterdam"

 

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