Teil 2 der AZ-Serie Gerd Müller: Wie er zum Scharfschützen wurde

Keiner zielt besser: Gerd Müller legt 1966 an, neben ihm der damalige Bayern-Trainer „Tschik“ Zlatko Cajkovski. Foto: imago

Als 18-Jähriger kommt der Nördlinger an die Säbener Straße – der Grundstein für eine Weltkarriere. Auszüge aus der neuen Biografie.

 

München - Er ist – und wird es ewig bleiben – der Bomber der Nation. „Der beste Stürmer, den wir je in Deutschland hatten. So einen werden wir wohl nie wieder sehen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw über Gerd Müller, als die Alzheimer-Erkrankung des Torjägers öffentlich wurde. Müller, der Weltmeister 1974, der Europameister 1972, der WM-Torschützenkönig 1970, der EM-Torschützenkönig ‘72, der in der Bundesliga sieben Mal die Goalgetter-Kanone gewann. 365 Treffer in 427 Liga-Spielen, 78 Tore im Pokal in 62 Partien, 68 Mal müllerte es in der Nationalmannschaft (62 Spiele) und im Europapokal traf er 66 Mal in 76 Spielen.

Doch Müllers Karriere beginnt ganz bescheiden. Pfingsten 1964 gewinnt der TSV Nördlingen, angehender Aufsteiger in die Landesliga Schwaben, einen Test beim FC Oberstdorf mit 7:2. Gerd Müller macht vier Tore, er wird vom FC Bayern angesprochen und verpflichtet. Ein Neuanfang in München, als 18-Jähriger.

Die AZ druckt Auszüge aus der Müller-Biografie „Der Bomber der Nation“ von AZ-Autor Patrick Strasser und Udo Muras, die am 12. Oktober erscheint.

Er allein in der großen Stadt. Ohne Familie, ohne eine Freundin, ohne jede Vorstellung von dem, was da kommt. Er kennt den Trainer nicht, er kennt die neuen Kollegen nicht, nicht mal aus dem Fernsehen. (...) Müller: „Ich kam als kleines Würstchen aus Nördlingen, hatte Angst vor der großen Stadt und keinen Führerschein. Die zehn Kilometer vom Trainingsplatz zur Wohnung am Rosenheimer Platz ging ich zu Fuß, damit ich mir den Weg merken konnte.“(...)

Müller wird vom FC Bayern ein Zimmer bei einer pensionierten Studienassessorin in Haidhausen am Rosenheimer Platz vermittelt. Er ist nun ein möblierter Herr, die Miete beträgt 120 DM und wird vom Verein übernommen. Sein Reich enthält zwei Schlafgelegenheiten, einen Tisch, das Waschbecken ersetzt die Dusche – und als besonderen Luxus gibt es ein Radio. So sieht sie aus, die erste eigene Bude im Leben des Gerd Müller. Es ist mehr, als er vorher hatte im Doppelzimmer mit Bruder Heinz, und es genügt ihm völlig. „Ein wunderschönes Zimmer“, schwärmt er noch 2005 ... Gerd hat zunächst weniger Geld als zuvor als Schweißer in Nördlingen. Die Bayern zahlen ihm 160 DM im Monat, das Minimum, was ein „Vertragsspieler“ bekommen kann. Lukrativer ist da seine Tätigkeit als Halbtagskraft bei einem Möbelhändler – 400 DM. Fußballer in den Sechzigern können vom Fußball allein nicht leben. (...)

Als er sich im Juli 1964 vor dem ersten Training in der Kabine leise schwäbelnd vorstellt, da lachen sich alle schier kaputt. Sepp Maier, mit dem er Weltmeister werden und alle Sterne vom Fußballhimmel holen wird in den folgenden 15 Jahren, schildert den Moment so: „Wir haben uns halb krankgelacht, als wir ihn zum ersten Mal sahen. Der Rundschädel mit dem kurz geschorenen Haar, der übergroße Rumpf, die krummen Beine. ‘Ich bin der Torjäger aus Nördlingen’, hatte er schüchtern gesagt. Eine richtige Galavorstellung. Wir schrien vor Lachen.“ Dann erinnert sich Maier daran, wie er sich ein Jahr zuvor bei seiner eigenen Vorstellung gefühlt hat, und bekommt Mitleid mit Müller. Also nimmt er ihn zur Seite und erklärt ihm alles, „und das hat er mir nie vergessen“. (...)

Die Einweisung durch Trainer Zlatko Cajkovski, den alle „Tschik“ nennen, ist weniger freundlich. Er hat den neuen Stürmer vorher nie gesehen. Trainer in den Sechzigern müssen noch nehmen, was ihnen die Präsidenten vor die Nase setzen. (...) Als Vorstandsmitglied Peter Sorg nun Cajkovski den Stolz Nördlingens vorstellt, soll der Trainer (mit seinem legendären jugoslawischen Akzent – d. Red.) gepoltert haben: „Hast du Sohn mitgebracht? Ist er Ringer!“ In der Sportschule Grünwald versucht Cajkovski, aus dem „Ringer“ aus der Provinz einen Fußballer zu machen. Nach acht Tagen Vorbereitung ist Müller am Ende. „Mei, wie schön wäre es jetzt doch daheim“, seufzt er. (...)

Auch nach dem elften Spieltag hat er in der Regionalliga Süd noch kein Spiel absolviert. Die Presse kritisiert den Vorstand: drei Neue, und keiner spielt. Präsident Wilhelm Neudecker will nun nicht länger zusehen, es sind doch „seine“ Neuen. Vor dem Spiel beim Freiburger FC lässt er sich von Cajkovski auf einer Serviette die geplante Aufstellung aufschreiben. Neudecker: „Müller war wieder nicht dabei. Da strich ich einen Namen aus, kritzelte Gerd Müller drüber.“ (...) Cajkovski entzieht sich dem drohenden Zwei-Fronten-Krieg und stellt Müller widerstrebend auf. Bayern München gewinnt am 18. Oktober mit 11:2 (!), was allerdings nur unwesentlich an Müller liegt – er schießt nur das 3:0, und das gegen einen Torwart mit Hexenschuss. Aber er bleibt in der Mannschaft. Bis zu seinem traurigen Münchner Ende im Februar 1979 wird Gerd Müller aus sportlichen Gründen in fast 15 Jahren nie mehr bei Anpfiff eines Bayern-Spiels fehlen. Nun geht sie los, die Fließbandproduktion in Müllers Torfabrik am neuen Standort München.

Morgen lesen Sie: Teufel Alkohol – wie Müllers Leben nach der Karriere aus dem Ruder lief und wie ihn der FC Bayern rettete.

 

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