Tatort-Putze "Mich würgt's auch mal"

Peter Anders räumt die Tatorte auf. Foto: bayernpress.com

Peter Anders taucht immer da auf, wo ein Mensch zu Tode gekommen ist. Er beseitigt die Spuren. Die AZ sprach mit ihm.

 

AZ: Herr Anders, Sie sind Tatort- oder Leichenfundortreiniger. Was haben Sie gedacht, als Sie die Nachricht vom Tod von Gunter Sachs gehört haben, der sich erschossen hat?

PETER ANDERS: Der Selbstmord von Gunter Sachs ist eine tragische Geschichte. Ich als Tatortreiniger denke dann unweigerlich darüber nach, dass da jemand professionell saubermachen muss. Das wirkt auf viele sicherlich unpassend oder befremdlich. Aber die Angehörigen sind in solchen Fällen meist schwer traumatisiert. Das Saubermachen kann man meiner Meinung nach den Angehörigen nicht zumuten. Dem Hausmeister auch nicht. Unsere Arbeit ist sowohl psychisch als auch körperlich sehr belastend.

Wie wurden Sie Tatortreiniger?

Ich bin seit 25 Jahren bei der Berufsfeuerwehr München. Ich habe einfach erkannt, dass hier Handlungsbedarf besteht. Das geht natürlich nicht, ohne dass der Partner dazu steht. Meine Frau meinte zuerst, ich hätte schon genug Leid gesehen hätte. Aber ich habe sie überzeugt. Heute nehme ich meine große Tochter, die Medizin studiert, manchmal mit zu Einsätzen – allerdings nicht zu den knallharten.

Worauf kommt es bei Ihrer Arbeit an?

Man braucht Erfahrung und Erfindungsreichtum. Man muss pietätvoll mit den Angehörigen umgehen können. Und man muss perfektionistisch arbeiten. Wenn zwei Quadratzentimeter Leichenfluss übersehen werden, stinkt es wieder.

Was war Ihr schlimmster Einsatz?

Emotional am schlimmsten ist es, wenn ein Kind getötet wird. In Freising hat ein Albaner seinen schlafenden fünfjährigen Sohn erschossen. Die Frau und der dreijährige Sohn überlebten schwer verletzt. Oder es gab einen Einsatz, bei dem wir den Keller gereinigt haben, nachdem sich dort der 15-jährige Sohn erschossen hatte. Schlimm sind auch Einsätze mit viel Blut. Wir hatten einen Laster, in dem sich ein Mann die Pulsadern aufgeschnitten hat. Der Laster schwamm im Blut, da bist du selber voll davon. Das ist sehr unangenehm. Nach diesem Einsatz haben wir uns flüssigkeitsdichte Anzüge aus Gummi angeschafft.

Sie rücken auch aus, wenn Tote wochen- oder sogar monatelang unentdeckt geblieben sind.

Ja. Das macht sogar 70 Prozent unserer Einsätze aus. Die Zahl nimmt stark zu, das zeigt mir, wie vereinsamt viele leben. In diesen Fällen ist die Geruchsbelästigung extrem.

Wie schaut Ihre Ausrüstung aus?

Wir tragen immer Vollschutzkleidung und zwei Paar Handschuhe. Außerdem eine Atemschutzmaske, sie mildert den Geruch. Sie verhindert auch, dass einem die Fliegen ins Gesicht fliegen.

Was haben Sie noch dabei?

Schrubber, Bürsten, Spachtel, jede Menge Werkzeuge und zwei mal 20 Liter hochkonzentrierte Chlorbleichlauge und Wasserstoffperoxyd. Die Lauge bindet die Gerüche. Damit schrubben wir oft sämtliche Böden und Wände.

Empfinden Sie noch Ekel oder sind Sie mittlerweile abgebrüht?

Ich empfinde jedes Mal wieder Ekel. Mich würgt’s auch mal. Nach heftigen Einsätzen bekomme ich immer Herpes. Im August hatten wir mal drei Einsätze in der Woche, da bin ich an meine Grenze gekommen.

Trotzdem wirkt es so, als ob Sie Ihren Job gern machen.

Ja, ich mache ihn gern, weil ich anderen eine große Last abnehme. Wenn wir mit unserer Arbeit fertig sind, kann hier neues Leben beginnen. Ich fotografiere die Wohnungen immer vorher und nachher. Das ist schon ein Riesen-Aha-Effekt. Wir machen normales Wohnen wieder möglich. Wie schalten Sie nach einem Einsatz ab? Nach der Arbeit waschen wir uns: entweder am Auto oder in der Wohnung, die ist ja dann wieder blitzblank sauber. Und danach gehen wir zusammen essen. Das ist wie ein Ritual.

Gestern ist sein Buch „Was vom Tode übrig bleibt. Ein Tatortreiniger berichtet“ (Heyne Verlag, 8,99 Euro) erschienen.

 

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