Tatort aus München Rupert Henning über seine "Tatort"-Folge „One Way Ticket“ 

Der am 1969 in Klagenfurt geborene Autor, Regisseur und Schauspieler Rupert Henning (im Hintergrund, vorne Hans-Uwe Bauer). Foto: BR/Roxy Film/Marco Nagel

Der Münchner „Tatort: One Way Ticket“ ist ein komplexes, spannendes Ratespiel

 

Man wähnt sich erst mal im falschen Film: Eine exotische Schönheit schreitet barfuß über einen Traumstrand. Diese laszive Zeitlupensequenz steht am Anfang des Münchner „Tatorts“. Geübte Krimizuschauer ahnen allerdings, dass es sich bei einer solchen Ouvertüre um eine Falle handeln muss. Im „Tatort“-Krimi „One Way Ticket“ (Buch und Regie: Rupert Henning) werden die Hauptkommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit einer finsteren Geschichte konfrontiert, die auf abenteuerliche Weise triste deutsche Sozialrealitäten mit hochbrisanten internationalen Verstrickungen verrührt.

AZ: Herr Henning, Sie packen die Rentenfrage, 30 Jahre Wiedervereinigung und die afrikanischen Stasiverbindungen in einen Krimi. Man kann wirklich nicht behaupten, Sie hätten ein unterkomplexes Drehbuch verfasst.
RUPERT HENNING: Der Ausgangspunkt war ein „Spiegel“-Artikel, da wurde von einem Rentner erzählt, der in Kenia im Gefängnis sitzt, weil er für ein europäisch-afrikanisches Drogenkartell als Geldkurier gearbeitet hatte. Die logistische Masche, unbescholtene Rentner als Kuriere einzusetzen, schien mir interessant. Das fand Eingang in eines meiner vielen Notizbücher, in denen sich puzzleartig Ideen und Beobachtungen im Laufe der Jahre ansammeln. Bei „One Way Ticket“ habe ich unterschiedliche Themen wie Schichten übereinandergelegt. Und erst im Laufe des Films kristallisiert sich klar heraus, wie alles zusammenhängt.

Sie sprechen es an, es ist ein besonderer Fall geworden, aber im Gegensatz zu vielen „Tatort“-Experimenten ganz klar ein Krimi.
Der „Tatort“ ist eine der letzten heiligen Kühe der TV-Unterhaltung. Für mich ist der Reiz beim „Tatort“ immer, das Genre nicht zu verraten, nicht den Krimi zu dekonstruieren, sondern das Format mit Umsicht auszureizen. Ich finde, dass man das Publikum auf gar keinen Fall unterschätzen darf. Wenn man allerdings den Film als 08/15-Hintergrundberieselung konsumiert oder sich währenddessen mit seiner Frau streitet, wird man damit keine Freude haben. Aber wenn man sich drauf einlässt, ist es eine dichte, spannende Geschichte.

Sie haben es sowohl in Wien wie in München mit Kommissar-Konstellationen zu tun, die die Vertrautheit alter Ehepaare haben.
Was ich immer toll finde ist, wenn man sich wirklich mit den Figuren beschäftigt und sie nicht als menschliche Maschinen einsetzt, die aus dem 20. Stock springen, ein Kleinflugzeug fliegen, aber auch einen ganz tollen Cappuccino machen. Das finde ich kindisch. Man muss die Figuren ernst nehmen, das heißt auch, ihre Schwächen zu thematisieren. Es war mir beim Münchner „Tatort“ wichtig, die unterschiedlichen Verbindungen im Team zu zeigen, auch wenn es nur kleine atmosphärische Tupfer sind. Ich bin aber auch kein Freund davon, Privatismen und Befindlichkeiten der Kommissare in den Mittelpunkt eines Krimis zu stellen. Das Tolle bei der Arbeit mit diesen Teams wie in Wien und München ist, dass die wahnsinnig eingespielt sind und trotzdem hungrig bleiben. Miro und Udo sind nach wie vor total interessiert und wach – von der ersten Drehbuchbesprechung an.

Wir sehen in diesem „Tatort“ auch Szenen aus Afrika, das ist sehr ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass „Tatorte“ heute viel weniger Drehtage haben als vor zwanzig Jahren. Wie haben Sie das gemacht?
Ich bin ein Vorbereitungsjunkie, ich überlege mir schon beim Schreiben des Buches, wie es auszusehen hat. Wie der von mir geradezu pathologisch verehrte Billy Wilder mal gesagt hat: „Ein Film steht und fällt mit seinem Drehbuch.“ Ich bin aber auch ein Kommunikationsjunkie. Wenn ich eine Idee habe und früh mit der Produktion spreche, dann kann man manche Dinge logistisch lösen. Es kommt ja nicht plötzlich eine Fee mit einem großen Geldsack ums Eck. Nein, der „Tatort“ hat ein festes Budget und da fährt die Eisenbahn drüber. Aber ich bin der Roxy Film dankbar, dass die nicht gleich gesagt haben, ,Oh Gott, was hast Du Dir dabei gedacht?‘, sondern konstruktiv überlegt haben, wie man etwas realisieren kann.

Was heißt das konkret? Die Strandszenen…
... die haben wir mit einem sehr kleinen Team in Mauritius gedreht, an einem Tag. Das ist sozusagen Rock’n’Roll oder Punk, kein Erholungsurlaub. Die Bilder aus Nairobi hat ein dort ansässiger Kameramann für uns gedreht.

Und der afrikanische Knast?
Ist in der Außenaufnahme ein Knast in Mauritius und für die Innenaufnahmen haben wir die alte Papierfabrik in Dachau genutzt. Die Ausstattung in diesem Film ist wirklich sehr außergewöhnlich.

„Die Wahrheit ist ein grobes Viech“, heißt es in Ihrem Film. Ist das von Ihnen?
Nein, das ist doch ein altes bairisches Sprichwort, das mir irre gut gefallen hat und das ich mir deswegen aufgeschrieben habe. Etwas poetischer ausgedrückt und mit Ingeborg Bachmann gesprochen heißt es: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“ Aber beim Dreh haben wir auch diskutiert, ob das urbairisch ist. Da hatte jeder Darsteller eine eigene Meinung.

ARD, 26. Dezember, 20.15 Uhr
 

 

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