Tanzwerkstatt Europa Eine Zwischenbilanz

Louise Lecavalier und Frédéric Tavernini. Foto: Carl Lessa

Choreografien von Anna Konjetzky, Charlotte Le May, Louise Lecavalliers und anderen bei der Tanzwerkstatt

 

Vier Bildschirme prangen in Anna Konjetzkys „The Very Moment“ über fünf Tänzern. Mehr reale Interpreten bietet bei der diesjährigen Tanzwerkstatt Europa keiner der eingeladenen Künstlergäste auf. Zudem lässt die in München verortete Choreografin ihre Leute mächtig körperlich schuften und in unbequemen Stellungen gegeneinander antreten. Querverlinkt mit YouTube-Sequenzen werden so unter Einsatz von tänzerischen Momenten Effizienz und Anfälligkeit des menschlichen Funktionierens überprüft. Der Eindruck, der haften bleibt, ist Bewegung als Mittel zum Zweck.

Ähnliches konnte man bei der charmanten Charlotte Le May beobachten. Sie trat für das Choreografen-Duo Barbara Matijevic und Giuseppe Chico in den Performance-Ring. Eigentlich aber spielte in deren Solo „Forecasting“ der Laptop die Hauptrolle. Zum Vergnügen des Publikums, denn Le May gelang es, die unglaubliche Abfolge verrücktester Amateurvideos durch verbale Kommentare und hypergenaues Umspielen des Bildschirms in szenische Happenings zu transformieren.

Ein Hoch auf die Technik!

Geboten wurde dabei alles – von technischen Anleitungen über den Umgang mit Haustieren oder sexuellen Fetischen bis hin zur Faszination von Schusswaffen. Ein Hoch auf die medialen Möglichkeiten! Sie sind momentan im Tanzperformance-Sektor der Verführer Nummer Eins.

Die visuelle Grenzerweiterung auf die Spitze getrieben hat Soloperformerin Teresa Vittucci. Beim Publikumsgespräch hinterher ziert der Aufdruck „Queer/Fat/Feminist“ ihr T-Shirt. Provokation oder Bekenntnis? Die Zuschauer jedenfalls bekamen in „All Eyes On“ eine Stunde lang höchst intime Einblicke in die traurige Einsamkeit eines Live-Chat-Lebens, in dem immer neue Tweets aus der real zugeschalteten Community Teresa Vittucci zu stets drastischeren sexuellen Aktionen anstachelten. Was sie bald nur mehr obenrum mit einem roten Sweatshirt bekleidet auf einem verspiegelten Plateau mit falschen Nägeln, Synthesizer-Tastatur und Lasagne in der Mikrowelle ablieferte, war eine krasse, zwischen Theaterraum und Internet-Öffentlichkeit gut konzipierte Selbstentblößungs-Show. Gewürzt mit winzigen Anflügen tänzerischer Passagen, ansonsten von viel Karaoke- bzw. Playbackgesang getragen. So sorgten bekannte Disney-Songs für tatsachenablenkende Heiterkeit.

Der bisherige Höhepunkt

Ganz anders Louise Lecavalier. Einziges Spielzeug der ehemaligen Frontfrau der kanadischen Tanztruppe „LaLaLa Human Steps“ ist ihr energiegeladener Körper. Schon vergangenen Sommer stellte die drahtig-alterslose Senior-Tänzerin unter Beweis, dass physische Kondition nicht unbedingt etwas mit Jugend zu tun haben muss. Auch dieses Jahr konzentriert sich in ihrer Choreografie „So Blue“ alle Spannung auf ihre hyperschnellen, wie von Elektrizität durchströmten Bewegungen. Egal ob auf zwei gummiballartig hüpfenden Füßen, auf allen Vieren oder einer verträumten Sequenz im Kopfstand. Nach einiger Zeit lässt sie ihren Partner Frédéric Tavernini dazu stoßen.

Mit seinem Hintergrund als ehemaliger klassischer Solist bringt er an Lecavaliers Seite robotrig-fließende Moves zustande, die ihn regelrecht knochenlos erscheinen lassen. Mehr braucht eine Performance-Ikone wie die Lecavalier nicht, um ihr Publikum zu fesseln. Mit Tanz pur in einer von Scheinwerfern umstellten Arena. Den Boden architektonisch durch Rechtecke aus Licht und Klebemarkierungen für immer neue Bewegungsattacken und Wege unterteilt.

Ohne Schockeffekte ein absolutes Tanzhighlight voll intensiver, schier atemberaubender Leichtigkeit und virtuos bis heftigen Begegnungen im Duett zu einem eindringlichen Soundteppich des türkischstämmigen Musikers Mercan Dede. Der bisherige Höhepunkt bei der Tanzwerkstatt Europa.

Bis 10. August in der Muffathalle und im Schwere Reiter, Programminfos unter www.jointadventures.net/tanzwerkstatt-europa. Karten unter Telefon 54 81 81 81
 

 

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