Tanz Das Programm des Festival Tanzplattform Deutschland

Das Ensemble von Tanzmainz. Foto: Andreas Etter

Nach 22 Jahren kehrt das Festival Tanzplattform Deutschland nach München zurück

 

Insidertreffer mit Öffentlichkeitscharakter: 25 Jahre nach ihrer Gründung in Berlin und einer ersten Ausgabe 1998 in München kehrt die Tanzplattform Deutschland nach Bayern zurück. Da die städtische und freie Szene sich hier gern vernetzt, wenn es um Spartengroßereignisse geht, ergänzen zahlreiche Begleitveranstaltungen die 15 Hauptbeiträge.

Zu letzteren zählt „Unstern“ als Wiederaufnahme des freien Münchner Choreografen Moritz Ostruschnjak. Die Reaktivierung der Dance-History-Touren bietet Gelegenheit, bau- und geschichtsträchtige Orte der Stadt mit Verbindung zur Tanzmoderne Anfang des 20. Jahrhunderts per Fahrrad neu zu entdecken. In die Au, ins Westend und nach Neuhausen führen performative Spaziergänge der in diesen Vierteln ansässigen Institutionen HochX, Iwanson International und Tanztendenz München.

Zu Gesprächen mit Künstlern und Diskussionen lädt bei freiem Eintritt das Goethe-Institut ein. Kurzpräsentationen im kleinen Konzertsaal des Gasteig gewähren Einblick in die Arbeit ausgewählter Choreografen. 444 Produktionen standen im Fokus einer fünfköpfigen Fachjury. Organisatorisch federführend dabei: Tanzwerkstatt-Europa-Macher Walter Heun.

Das tolle junge Ensemble von Tanzmainz-Direktor Honne Dohrmann wird mit bahnbrechenden 55 Minuten Tanz im gefühlsexzentrischen Zehenspitzengang zu Techno-Beats visuell aufrütteln. Danach übernimmt das Bayerische Staatsballett zum Auftakt seiner Ballettfestwoche eine Arbeit der israelischen Choreografin Sharon Eyal. „Soul Chain“ – krasses Auftragswerk im emotionalen Dauerausnahmezustand – wurde 2018 mit dem Deutschen Theaterpreis „Faust“ ausgezeichnet und gipfelt in physischer Erschöpfung, die sich kontinuierlich in die Gesichter der Interpreten gräbt.

In der digitalen Welt

Auf einer Nebenspur tritt Jule Flierl in Erscheinung. Patin ihrer Ton-Tanz-Suche „Störlaut“ mit grober Schminke und verzerrter Gesichtsanatomie ist Grotesk-Tänzerin Valeska Gert. Sheena McGrandles spielt lieber mit der Replay-Taste. Sie bringt das Duett „Figured“ mit, in dem eine Bewegungssequenz in ständigen Wiederholungen zerstückelt wird. Dritte Berlinerin im Bunde: Kat Válastur, die in ihrer Choreografie „Rasp your soul“ den italienischen Performer Enrico Ticconi in abstrakter Umgebung permanenten Einflüssen einer digitalen Welt aussetzt. Diesen kann man außerdem im gestischen Parcours „Harleking“ gemeinsam mit Kreations-Partnerin Ginevra Panzetti erleben. Einem dämonischen Vergnügen zweier Identitätswandler in Commedia dell’Arte-Manier.

Zwei Jahre lang wurden die Produktionen ausgewählt, die nun exemplarisch Lebendigkeit, Bandbreite und Einzigartig der freien Tanzszene sowie von Kompanien an Teatern in Deutschland aufzeigen sollen. Hybride Organismen – halb Mensch, halb Maschine – findet man bei „Vis Motrix“ von Cocoon Dance aus Bonn strukturstark in Szene gesetzt. Ex-Forsythe-Tänzerin und Choreografin Rafaële Giovanola nutzt dafür Techniken des Breaking und Krumping. Für die Eröffnung hat man sich das Gruppenstück „Reflected“ der Berlinerin Isabelle Schad herausgepickt. Ihre 14 Performer ergründen die Bühne als sozialen Versammlungsort und testen Kräfte aus, die uns bewegen.

Liberale Farbblindheit

Auf ein ambivalentes Spiel um Tabus und gesellschaftliches Anecken mit viel schwarzem Humor darf man in „Coexist“ der Ungarin Adrienn Hód für das Ensemble Unusual Symptoms des Theater Bremen gefasst sein: Zehn Tänzer, stets bereit, beim Zuschauer das Phänomen Wahrnehmung neu zu justieren. Ähnlich und doch anders: „Kabuki Noir“ von Monika Gintersdorfer/Knut Klaßen. Seit 2005 entwickeln die Regisseurin und der bildende Künstler gemeinsam Projekte zu kultureller Differenz. Codes der japanischen Theaterform reiben sich hier an der Pariser Erfindung von Musikern der Elfenbeinküste: dem Coupé Decalé.

Das Trio „Playlist“ der Choreografin/Tänzerin Joana Tischkau schreit dagegen nach liberaler Farbblindheit, während Reut Shemesh in „Atara – for you, who has not found yet the one“ Besonderheiten ihrer Tel Aviver Heimat zwischen weltlichen und religiösen Belangen sowie die Rolle der Frau darin beschäftigen.

Sozial-politische Einschläge schwingen ganz klar mit. „Pink Unicorns“ des Künstlerkollektiv LaMacana aber ist ein ungewöhnliches Duell im Spannungsfeld der Generationen. Wildes Tanztheater, performed von dem kubanischen Tänzer Alexis Fernández und seinem Sohn. Simone Aughterlony und Petra Hracanec wiederum agieren – bezugnehmend auf den „Odyssee“-Epos und eine Roman-Trilogie der Ungarin Ágota Kristóf in „Compass“ wie Zwillinge auf einer Expedition in das jeweils eigene Innere.

Tanzplattform Deutschland, 4. bis 8. März 2020, verschiedene Spielorte (u.a. Kammerspiele, Muffathalle, Schwere Reiter, HochX, Utopia, Gasteig). Karten über München Ticket (Telefon 54 81 81 81). Infos unter www.tanzplattform2020.de

 

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