Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Wer der beste Nachfolger für Mariss Jansons wäre

Vielfalt ist das Markenzeichen eines modernen Symphonieorchesters wie dem des Bayerischen Rundfunks – hier auf einem Dach im Werksviertel, wo der neue Konzertsaal entstehen soll. Foto: BR/Tobias Melle

Was der Nachfolger von Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks können muss - wer es werden könnte

 

Das Gedenkkonzert ist vorüber. Nun gilt es, den Blick nach vorne zu richten: auf den Nachfolger von Mariss Jansons. Nach einer prägenden Ära von 16 Jahren unter dem gleichen Chefdirigenten ist kaum mit einer schnellen Entscheidung zu rechnen. Hier einige Überlegungen zu den notwendigen Eigenschaften – und ein paar Namen.

DIE SITUATION
Die britische Zeitschrift „Grammophone“ setzte das BR-Symphonieorchester 2008 in einem weltweiten Orchesterranking auf Platz 6. Das Orchester wird international geschätzt, seine hohe Spielkultur hat sich seitdem noch weiterentwickelt und verfeinert.

STÄRKEN
Alle wichtigen Dirigenten der jüngeren, mittleren und älteren Generationen gastieren hier gern. Dazu gehören Experten für historische Aufführungspraxis wie John Eliot Gardiner. Die regelmäßige Beschäftigung mit Neuer Musik in der Reihe musica viva hält das Orchester ebenfalls frisch. Es steht heute besser da denn je zuvor und ist in der Lage, sich auf verschiedene Stile einzustellen, ohne sein Herz preiszugeben: den kraftvoll-emotionalen Klang.

DEFIZITE
Das Orchester hat sich – vor allem durch Plakate und eine geschickte PR – ein frisches und jugendliches Image gegeben. Das hat vor allem taktische Gründe: Education-Arbeit ist der Speck, mit dem staatliche Mäuse für den Konzertsaalneubau im Werksviertel gefangen werden. Einige Musiker engagieren sich stark auf dem Gebiet. In der Summe beschränken sich die Aktivitäten auf das Schaufenster. Hier ist einiges zu tun – auch im Vergleich mit den Münchner Philharmonikern, die seit Jahren neue Formate wie Clubkonzerte ausprobieren.

STELLENBESCHREIBUNG
Auch hier gilt: Nichts bleibt gleich, die Welt ist in ständigem Fluss. Der künftige Chef müsste das Orchester klanglich und im Repertoire weiterentwickeln, auch jenseits von Schubert und Schostakowitsch. Von Vorteil wäre ein Schwerpunkt, der sich deutlich von dem seines Vorgängers unterscheidet: Im Idealfall verstünde sich der neue Mann sowohl auf die Musik vor Beethoven wie auch auf die nach 1945.

NEBENJOB
Mindestens so wichtig wie die musikalischen Fähigkeiten wären die organisatorischen und kommunikativen Qualitäten des neuen Chefdirigenten, vor allem im Hinblick auf das Konzerthaus im Werksviertel. Die Äußerungen des Ministerpräsidenten am Tag des Gedenkkonzerts für Mariss Jansons beweisen, dass der Neubau kein glatter Durchmarsch wird.

EVERDING DRINGEND GESUCHT
Dem Konzerthaus fehlt, was August Everding vor fast 30 Jahren für die Renovierung des Prinzregententheaters war: der bekannte Kopf. Der neue Chefdirigent muss sich das Projekt des Konzerthauses zu eigen machen und seine Notwendigkeit öffentlich deutlich machen. Mariss Jansons tat das zwar, im Zweifel aber lieber im Hinterzimmer von Freundeskreisen. Die sind sicher wichtig, aber in der Sache nicht entscheidend. Das alles schließt übrigens jeden Maestro aus, der irgendwo in der großen weiten Welt ein Zweitorchester dirigiert.

DAS INTERIM
Wenn der Gasteig im Herbst 2021 schließt, wird sich auch das BR-Symphonieorchester mit dem Interim an der Hans-Preißinger-Straße anfreunden müssen. Das Konzerthaus im Werksviertel wird frühestens fertig, wenn auch der Gasteig wieder öffnet – um 2026 herum, wenn nicht erheblich später.

CHANCEN UND RISIKEN
Die Abonnentenumfrage der Philharmoniker hat ergeben, dass fast ein Drittel des (älteren) Stammpublikums beim Umzug aus dem Gasteig ins Interim mit dem Konzertstreik droht. Allerdings ist der Ortswechsel auch eine Chance für neue Formate und eine Verjüngung. Die Philharmoniker setzen sich mit dem Problem auseinander, der BR – bisher – offenbar nicht. Auch dafür braucht man einen Chefdirigenten, der begeistert und die Leute mitnimmt. Eine Überwinterung des BR-Symphonieorchesters im Herkulessaal kann keine Lösung sein.

WER BESTIMMT
Das BR-Symphonieorchester ist nicht streng demokratisch organisiert wie die Berliner Philharmoniker, die den Chefdirigenten selbst wählen. Formal hat der Intendant des Bayerischen Rundfunks das letzte Wort. Aber die Stellung des Orchesters ist stark, es wird seinen Chef selbst aussuchen – unter Mitwirkung des Orchestermanagers Nikolaus Pont.

WER NICHT IN FRAGE KOMMT
Andris Nelsons ist der einzige Dirigent, der als Schüler von Mariss Jansons gelten kann. Er ist noch nicht lange Chef des Gewandhauses Leipzig und des Boston Symphony Orchestra und dürfte allein aus diesem Grund nicht zur Verfügung stehen. Es wäre auch falsch, ihn gewinnen zu wollen: Sein Repertoire ist dem seines Lehrers zu ähnlich. Nach 16 Jahren ist ein stilistischer Wechsel fällig, keine falsche Kontinuität.

EIN NAME
Daniel Harding war zuletzt mehr oder weniger der Erste Gastdirigent des Orchesters. Er sprang öfter für Mariss Jansons ein. Der Brite zehrt ein wenig von frühem Ruhm, seine letzten Konzerte wirkten bei aller Verlässlichkeit weniger inspiriert. Als Kommunikator ist er nicht hervorgetreten.

MEHR NAMEN
Franz Welser-Möst hat seit seinem Rücktritt als Musikchef der Wiener Staatsoper in Europa kein festes Standbein mehr. Als Chef des Cleveland Orchestra bringt er Erfahrungen mit dem amerikanischen Foundraising-System mit. Er ist daher ein potenzieller Kandidat. Allerdings bleibt Welser-Möst in München im Vergleich mit seinen Salzburger Konzerten und Opernaufführungen unter seinen Möglichkeiten.

DER IDEALE MANN
Man könnte jetzt noch zehn Namen nennen, aber kommen wir auf den Punkt: Niemand hat das Bild des modernen Dirigenten so sehr gewandelt wie Simon Rattle. Er ist locker, kommunikativ und einnehmend. Er wäre der perfekte Mann, um München, Bayern und den Rest der Welt vom Konzerthaus im Werksviertel zu begeistern. Auch musikalisch verspräche sein eher analytischer Zugriff frischen Wind. Er versteht sich auf die Musik vor Beethoven, liebt Haydn wie Mozart. Er kann auch unbekannte Werke so vermitteln, dass der Abonnent seinen geliebten Brahms nicht vermisst.

WEITERER VORTEIL
Rattle arbeitet gern mit dem Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Übernächste Woche dirigiert er ein für ihn typisches Programm im Herkulessaal, das nicht ihn selbst, sondern das Orchester herausstellt und in dem der langjährige Solo-Hornist Eric Terwilliger verabschiedet wird.

IST DAS REALISTISCH?
Durchaus. Rattle wechselte 2017 von den Berliner Philharmonikern zum London Symphony Orchestra. Es spielt in der Barbican Hall, die als unzureichend gilt. „Wären die Musiker Tiere, dann würde die Tierschutzbehörde einschreiten“, sagte Rattle einmal dazu. Die Bemühungen um einen Neubau sind ins Stocken geraten. Rattle wirkte zuletzt unzufrieden. Das politische Klima um den Brexit tut womöglich sein Übriges.

WAS DAGEGEN SPRICHT
Rattle kann bei Brahms und Bruckner ganz schön langweilen. Er wird am Sonntag 65 Jahre alt. Er ist teuer. Aber wenn es um das Prestige und den Ankauf von Kompetenz geht, spielt Geld beim BR traditionell eine geringe Rolle. Überdies hat sich das Orchester in der Vergangenheit eher für bekannte Gesichter entschieden, um in Asien und dem Rest der Welt gefragt zu bleiben. Rattle in München wäre jedenfalls ein Coup.

WARUM KEINE DIRIGENTIN?
Das Staatstheater Nürnberg hat in Joana Mallwitz eine Generalmusikdirektorin. Marin Alsop ist Chefin des Radio-Symphonieorchesters Wien, Mirga Grazinte-Tyla leitet das City of Birmingham Symphony Orchestra, wo Rattles Aufstieg begann. Und bei der kommenden Premiere der Bayerischen Staatsoper steht Oksana Lyniv im Nationaltheater am Pult. Ganz oben, in der elitären Sphäre der Wiener und Berliner Philharmoniker und des BR-Symphonieorchesters ist die Luft für Dirigentinnen sehr dünn. Und zu keiner von ihnen hat das BR-Symphonieorchester bisher eine engere Beziehung aufgebaut. Daher wird frühestens die Nach-Nachfolge von Mariss Jansons weiblich sein.

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