Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Wagemut, wo bist du?

Mariss Jansons ist seit 2003 Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Foto: dpa

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der kommenden Saison: Bekannte Dirigenten, klassisches Programm

 

"Von einer Klassik-Krise spüren wir nichts“, sagt der scheidende Orchestermanager Stephan Gehmacher, der im Herbst nach Luxemburg wechselt. Seit Mariss Jansons das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dirigiert, ist die Zahl der Abonnenten um 136 Prozent gestiegen. Die Konzerte im Herkulessaal und in der Gasteig-Philharmonie sind bestens besucht: Die Auslastung liegt bei 98 Prozent - wenn man Ehren- und Pressekarten mit einrechnet.

Damit das weiter so bleibt, wird mit dem seit zehn Jahren amtierenden Chefdirigenten über eine Verlängerung verhandelt. Noch ist nichts unterschrieben, aber offenbar planen Gehmacher und sein Vize Nikolaus Pont schon jetzt weitere Jahre mit Jansons.

Die kommende Saison beginnt das Orchester mit einer Festival-Tournee, die in Saarbrücken beginnt über Salzburg, Hamburg, Berlin und Edinburgh nach Luzern führt. Für das hiesige Publikum haben solche Reisen mit dem Chef leider den Nachteil, dass sich Jansons diesmal in München rar macht: Er dirigiert hier nur fünf Programme. Dazu kommen ein Benefizkonzert und der Auftritt bei „Klassik am Odeonsplatz“.

Das erste Münchner Konzert des Orchesters leitet Esa-Pekka Salonen. Mit Luigi Dallapiccolas konzertanter Oper „Il prigoniero“ setzt er ein Statement für Menschlichkeit und Freiheit. Jansons konzentriert sich auf Bruckners Achte und Neunte, außerdem dirigiert er Verdis „Requiem“. Mit Ligetis „Atmosphéres“ und „Slonimsky’s Earbox“ von John Adams setzt er sich auch für die im Normalprogramm vernachlässigte Musik nach 1945 ein.

Unter den Dirigenten überwiegen alte Bekannte wie Herbert Blomstedt, Daniele Gatti, Bernard Haitink, Daniel Harding, Andris Nelsons und Franz Welser-Möst. Auch die jüngere Generation ist mit Yannick Nézet-Séguin, Robin Ticciati und Bernard Labadie gut vertreten. Wer Gustavo Dudamel erleben will, muss zu den Philharmonikern gehen: Das BR-Symphonieorchester leitet der Venezolaner nur auf einer Reise durch die iberische Halbinsel, nicht aber an der Isar.

Werke mit Chor sind ein Schwerpunkt der Saison: John Eliot Gardiner dirigiert eine Bruckner-Messe, Haitink nimmt sich Haydns „Schöpfung“ vor. Wie bei der städtischen Konkurrenz ist auch beim Bayerischen Rundfunk ein gewisser Sparstift bei den Solisten zu spüren. Kit Armstrong, Rudolf Buchbinder, Hélène Grimaud und Mitsuko Uchida spielen Klavier, neuer „Artist in Residence“ wird der Geiger Gil Shaham. Er spielt Bach und Kammermusik mit den Orchestermusikern und zäumt ansonsten die üblichen Schlachtrösser von Tschaikowsky, Bartók und Berg auf.

Es hat schon wagemutigere Spielzeiten gegeben, aber insgesamt ist die Mischung aus den üblichen Repertoirewerken und Raritäten noch halbwegs ausgewogen. Und der tiefere Sinn eines konzertanten dritten Aufzugs von Wagners „Parsifal“ in einer Stadt mit großem Opernhaus wird sich bis zum Schlussakkord schon noch einstellen. Das trauen wir Andris Nelsons zu.

0 Kommentare