Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Simon Rattle im Geisterkonzert

Die Bläser des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks mit viel Abstand bei Mozarts „Gran Partita“ unter Sir Simon Rattle. Foto: Astrid Ackermann

Sir Simon Rattle dirigiert im Funkhaus das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: mit Werken von Mozart und Vaughan Williams

 

Ein Orchester meldet sich zurück. Zuerst die Streicher, dann die Holzbläser und vier Hörner; auf Trompeten, Posaunen und Schlagwerk müssen die Zuhörer noch verzichten. Ganz vereint ist das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in diesem ersten, kurzfristig realisierten Konzert nach der pandemiebedingten Unterbrechung der Saison also noch nicht.

Die Lockerungen sind vorsichtig: Alle Musiker spielen im Studio 1 des Funkhauses im vorgeschriebenen Abstand, Sir Simon Rattle dirigiert, wenn man das in der Übertragung im Internet richtig erkennen kann, in der Mitte, sodass er sich, wenn er Einsätze gibt, ab und zu um die eigene Achse drehen muss.

Distanz und Nähe

Natürlich ist das kein vollwertiger Ersatz für ein Konzert im Herkulessaal oder der vielgeschmähten Philharmonie. Doch die Freude darüber, die vom Podium bekannten Gesichter wiederzusehen, die ersten Violinen, wie sie ihrem umsichtigen Konzertmeister Radoslaw Szulc folgen, oder die einander antwortenden Holzbläsersolisten, ist doch spürbar, stärker noch als bei einem gewöhnlichen Saisonbeginn nach der Sommerpause.

Da sind es ja auch nur ein paar Wochen, die zu überbrücken sind, nicht mehrere Monate - mit ungewisser Zukunftsperspektive. Für ein Orchester, einem lebendigen Organismus, der beständig zusammen wirkt, um immer wieder zu vielgliedrigen Einheiten zusammenzuwachsen, ist die lange Isolierung auch eine künstlerische Prüfung.

Es ist es beruhigend zu hören und zu sehen, wie vertraut die einzelnen Gruppen sich nach wie vor sind. In der „Fantasia über ein Thema von Thomas Tallis“ von Ralph Vaughan Williams, die kurz vor der Übertragung aufgezeichnet wurde, sind die drei Streicherensembles stehend im Raum postiert. Es ergibt sich ein saftiger Gesamtklang, aus dem sich die Soli von Violine und Viola filigran abheben; auch das solistische Streichquartett erscheint wie aus einem Guss. Das ist unter diesen Bedingungen besonders zu loben, weil „social distancing“ beim Musizieren eigentlich nicht vorgesehen ist - hier kommt es gerade auf jene Nähe an, die genaues Aufeinanderhören erst ermöglicht.

Mit Lässigkeit

Dass die Akkorde immer leicht kraftlos anmuten, schnell ermatten, dass die Pizzicati weniger, wie vorgeschrieben, schwer nach vorne drängen, sondern ausgebremst werden, liegt an Rattles Lässigkeit. Er entdeckt in diesem hypnotischen Werk mehr wohliges Wogen als Struktur.

Sein Hang zur Lockerheit vermeidet aber in der live gegebenen Bläserserenade B-Dur, der „Gran Partita“ von Wolfgang Amadeus Mozart, auch das Blockhafte, das eine solche Bläserbesetzung schnell haben kann. Die zwölf Bläser und der grundierende Kontrabass des BR-Symphonieorchesters bilden kein robustes Blasorchester, sondern fügen sich mit trennscharf artikulierten Stimmen zu flexibel wechselnden Ensembles. Das Tutti ist federnd, atmend, durchlüftet.

Aufmunternd setzt Rattle rhythmisch dreinfahrende Akzente und tänzelt ansonsten lächelnd mit, mehr Animateur als Leitungsfigur. Vielleicht könnten manche Situationen plastischer vorgeführt werden, das übermütige Schmettern von Fanfaren, die Doppelbödigkeit der langsamen Sätze, der bisweilen grimmige Witz einzelner Episoden. Doch in unsicheren Zeiten tut auch ein wenig Leichtsinn gut.

Das Konzertvideo kann man sich auf www.br-klassik.de/concert ansehen

 

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