Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Simon Rattle dirigiert im Gasteig

Simon Rattle - hier bei einem früheren Konzert im Herkulessaal der Residenz. Foto: Peter Meisel

Ein heißer Kandidat für die Jansons-Nachfolge: Simon Rattle mit Mahler, Mozarz und Ravel im Gasteig 

 

Auffällig ist es ja schon, dass Sir Simon Rattle derzeit wiederholt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auftaucht. Als Mariss Jansons noch lebte und Corona als bloß abstrakte Gefahr erschien, hätte er nur das übliche Gastkonzert absolviert. Doch dann kam alles anders und Rattle, seit 2018 nicht mehr Chef der Berliner Philharmoniker, erwies sich als ein Mann für alle Jahreszeiten: In einem kurzfristig anberaumten Livestream führte er das Symphonieorchester aus der pandemiebedingten Unterbrechung der Saison. Jetzt kehrt er für ein echtes Konzert zurück.

Bahnt sich da was an? Und was würde Orchester und Publikum dann erwarten? Viermal wird dieses gut einstündige Programm an zwei Tagen gespielt, der Rezensent hörte die erste Version. Wer darauf spitzt, dass zwischen dem BR-Symphonieorchester und dem Engländer gerade etwas Besonderes passiert, wird enttäuscht, zumindest in dieser Momentaufnahme.

Beide Seiten zeigen sich verbindlich, doch ein Funke will nicht überspringen. Es überrascht, dass sich Rattle, der sonst zu einer gewissen gestischen Hyperaktivität neigte, sogar als ziemlich indifferent zeigt. Mit Werken zwischen Wolfgang Amadeus Mozart und Maurice Ravel beweist er seine breite Repertoire-Vielfalt, doch er dirigiert alles mit großen, pauschalen Bewegungen und kann somit keine enge Verbindung zum Gesamtklang herstellen.

Glanz und Konvention

Die Feinkoordination überlässt er den Musikern, was immer wieder zu kleinen Unwägbarkeiten führt – die schlafwandlerische Sicherheit des Zusammenspiels, für die Mariss Jansons berühmt war, erreicht Rattle nicht. So nimmt er die Ouvertüre zu Mozarts „Le nozze di Figaro“ gebührend rasch, doch die einzelnen Gruppen artikulieren weder rhythmisch noch trennscharf, sodass das Gekicher der Holzbläser in den Weiten der von Rattle ja explizit ungeliebten Philharmonie verloren geht.

In der vollständigen Fassung von Ravels „Ma mère l’Oye“, ist die Dynamik sehr weit aufgefächert, doch zwischen superleisen Streicherklängen und einem vordergründig brillanten Tutti kann sich die subtil poetische Atmosphäre dieser Bilder nicht einstellen.

Die Mezzosopranistin Magdalena Kozená würde man sich mit einem Chefdirigenten Rattle wohl gleich mit einhandeln. Nur stellt sich die Frage, ob seine Ehefrau auch wirklich für jeden Part die Idealbesetzung wäre. Ihre ohnehin nie allzu charakteristische Stimme scheint an Material und Zwischentönen eingebüßt zu haben: In den Rückert-Liedern von Gustav Mahler werden einzelne Töne verschluckt, obwohl die Begleitung kammermusikalisch gehalten ist; die mangelnde Tragfähigkeit ihres Gesangs kann sie mit betont konsonantenreichem Sprechen nicht wettmachen.

Wie gesagt, das war eine Momentaufnahme und sicherlich kein schlechtes Konzert. Und Rattle ist ein höchst erfahrener Dirigent, der als ehemaliger Chef der Berliner Philharmoniker und derzeitiger Chef des London Symphony Orchestra Glanz verbreiten und nicht zuletzt wohl auch die Hörer in die Konzerte locken würde.

Doch unter rein künstlerischen Gesichtspunkten hat Sir Simon eine eindeutige Empfehlung für die Nachfolge Mariss Jansons hier noch nicht abgegeben.

Das Konzert kann man in Kürze auf www.br-so.de/brso-mediathek/videos anhören

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading