Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Robin Ticciati dirigiert Wagner, Sibelius und George Benjamin

Der britische Dirigent Robin Ticciati. Foto: dpa

Robin Ticciati dirigiert Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

 

Wir wissen nicht, ob Robin Ticciati jemals Michael Ende gelesen hat. Möglich wäre es, dass sich der Dirigent von dessen Romanfigur Momo hat inspirieren lassen. Denn mit dieser teilt der Mittdreißiger eine Eigenschaft, die unter Kollegen seiner Generation zu selten ist: Er kann zuhören. Und zwar auch noch in der Konzertsituation, wenn viele nur noch ans Koordinieren denken.

Im Vorspiel zum „Parsifal“ von Richard Wagner tastet sich das „Liebesmahlmotiv“ vorsichtig voran. Ticciati lauscht der schrittweisen Ausbreitung des As-Dur nach und moduliert dabei jeden einzelnen Ton. Auf eine pedantische Koordination verzichtet er und nimmt somit eine gewisse Streuung der einzelnen Instrumente in Kauf, die hier eigentlich unisono spielen, also gleichzeitig.

Ticciati tut dies offenbar bewusst: Wenn er nicht wollte, dass die Streicher und die Holzbläser immer wieder einmal leicht auseinandertreten, könnte er ja mit kleineren Bewegungen Eindeutigkeit herstellen. So aber bildet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eine einzigartig atmosphärische Klangwirkung mit dosierten Unschärfen aus. In dieser konzentrierten Umgebung resonieren Pizzicati wie Paukenschläge voll und rund, die Stimmen wie etwa die der Bassklarinette schleichen sich sensibel ein. Wann hat man das zum letzten Mal so magisch gehört?

Die Magie der Unschärfe

Diese Auszüge aus Wagners letztem Musikdrama hat Claudio Abbado vor knapp zwanzig Jahren zu einer Art symphonischen Suite ohne Gesangssolisten zusammengestellt. Sie bringt neben dem Vorspiel noch Passagen aus dem dritten Akt, mündend im Ritteraufzug, den der BR-Männerchor gebieterisch und eindrucksvoll sprechend in den Raum stellt (Einstudierung: Yuval Weinberg). Am Schluss schwebt von oben der Frauenchor ein und vollendet das Weihegeschehen. Der ganze Herkulessaal beginnt zu klingen. Wem da nicht das Herz aufgeht!

Dass Robin Ticciati auch anders kann, zeigt der zweite Teil. Das bereits 1993 uraufgeführte Stück „Sudden Time“ (Unerwartete Zeit) des englischen Komponisten George Benjamin treibt er mit präziser Entschlossenheit voran und wirkt somit nach Kräften dem unentschiedenen, zwischen Belanglosigkeit und unmotivierter Katastrophik pendelnden Gesamteindruck entgegen.

Mehr Gelegenheit zur künstlerischen Entfaltung gibt ihm die Symphonie Nr. 7 C-Dur von Jean Sibelius. Hier ist die Streuung des Klangs, die Ticciati bei Wagner suchte, einkomponiert. Der Engländer spürt ihr mit wachen Sinnen nach, wobei er weniger die für den Komponisten typischen Klippen, die schroffen Kontraste, betont als vielmehr das bruchlose Erstehen der Großform. Man hört bei Ticciati mehr als bei den meisten Kollegen: weil er dem Orchester selbst zuhört.

 

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