Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Er hatte noch so viel vor: Mariss Jansons ist tot

Der Dirigent Mariss Jansons. Foto: BR/Peter Meisel

Mariss Jansons, der langjährige Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, erlag seiner Herzkrankheit

 

Die Besucher der Konzerte im Gasteig und im Herkulessaal bangten seit Jahren um die Gesundheit des Dirigenten, der beim Applaus oft erschreckend starr, aschfahl und bisweilen dem Tod nahe wirkte. Die Herzkrankheit von Mariss Jansons war kein Geheimnis. Nun ist ihr der Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters erlegen: Am Sonntag starb er, wie es heißt, im Alter von 76 Jahren im Kreis seiner Familie, in St. Petersburg.

Im Oktober dirigierte Jansons, stark angeschlagen, zum letzten Mal in München. Auf dem Programm stand die Symphonie Nr. 10 von Dmitri Schostakowitsch, auf dessen fahle Grübelei und bedrohlichen Humor sich der Dirigent wie kein zweiter verstand. Danach musste er die meisten der Auftritte einer sich anschließenden Europatournee seines Orchesters absagen und dirigierte auch nur eines von zwei Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall. Auch bei den Wiener Philharmonikern ließ sich Jansons zuletzt von einem Kollegen vertreten.

17 prägende Jahre

Jansons war 17 Jahre Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters. Es galt auch schon vor ihm als deutsche Nr. 2 nach den Berliner Philharmonikern. Aber der gebürtige Lette holte an guten Abenden das absolute Optimum aus den Musikern heraus: die Synthese aus der von seinem Vorgänger Lorin Maazel kultivierten flexiblen Virtuosität und einer geerdeten Emotionalität, die bei diesem Orchester seit dem langjährigen Chefdirigenten Rafael Kubelik zur DNA gehört. Beides hob Jansons auf eine neue, höhere Stufe.

Der Dirigent war ein Spezialist für vermittelte Widersprüche. Der gebrochene Tonfall der Symphonien von Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch lag ihm besonders. Bruckners Symphonien hatte er sich in seiner Münchner Zeit eindrucksvoll erarbeitet. Sein Brahms war weniger stark, bei Beethoven bezog er auf eine sehr persönliche Weise Einsichten der historischen Aufführungspraxis ein, um sich vom deutschen Traditionspathos abzugrenzen.

Am stärksten war Jansons allerdings immer bei der Klassische Moderne zwischen Richard Strauss, Igor Strawinsky und Béla Bartók, auch wenn er in seinem Selbstverständnis als Allrounder diese Festlegung weniger liebte.

Besondere Wertschätzung

Geboren wurde Jansons 1943 im Ghetto des von den Deutschen besetzten Riga, worüber er nur selten sprach. Sein Vater Arvid Jansons war ebenfalls Dirigent, seine jüdische Mutter Iraida eine Mezzosopranistin. Jansons absolvierte seine Ausbildung am Konservatorium in Leningrad und durfte 1968 dort Herbert von Karajan bei einem Gastspiel vordirigieren. Der wollte ihn zu seinem Assistenten machen, was die sowjetischen Behörden hintertrieben. Jansons gelang es aber, seine Ausbildung in Wien beim legendären Dirigierlehrer Hans Swarowsky fortzusetzen und Karajans Osterfestspiele zu besuchen.

Jansons’ Karriere verlief äußerlich unspektakulär. Er wurde – wie sein Vater – stellvertretender Dirigent der Leningrader Philharmoniker unter Jewgeni Mrawinski, der seinen Stil und sein Repertoire entscheidend prägte. 1979 wechselte er nach Oslo, wo er das Symphonieorchester mit der ihm eigenen Akribie in fast 20 Jahren zu einem erstklassigen Klangkörper formte. Vor seiner Münchner Zeit war er Chefdirigent in Pittsburgh, von 2002 bis 2010 leitete er neben dem BR-Symphonieorchester auch das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester. Daneben gastierte er regelmäßig bei den Berliner und Wiener Philharmonikern, deren Neujahrskonzert er dreimal dirigierte – ein Zeichen besonderer Wertschätzung.

Jansons galt als detailversessener Handwerker, als Workaholic, den gelegentlich nur seine Ehefrau Irina, eine ausgebildete Ärztin, hinter seinen Partituren hervorzuholen vermochte. Seine Stärke war die Detailarbeit nach akribischer Vorbereitung und analytischer Durchdringung der Musik. Vor der Aufführung von Edgard Varéses „Ameriques“ probte er beispielsweise einen Abend lang nur mit dem guten Dutzend Schlagzeugern, die dieses komplizierte Stück verlangt. Der Musikvermittlung, die zum Profil eines heutigen Chefdirigenten gehört, entzog er sich zwar nicht völlig, aber sie lag ihm generations- und herkunftsbedingt weniger.

Mobilisierung letzter Reserven

Von Beginn seiner Münchner Tätigkeit an nervte Jansons wechselnde Minister und Ministerpräsidenten mit seiner Forderung nach einem eigenen Konzertsaal für das BR-Symphonieorchester. Der Dirigent ließ sich durch Rückschläge und eine endlose Standortdebatte nicht beirren. Im Jahr 2015 fiel die Entscheidung für das Werksviertel, im Mai 2019 siegten die Bregenzer Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm im Wettbewerb. Derzeit läuft die Planung, mit dem Baubeginn ist kaum vor 2022 zu rechnen. 

Opern dirigierte Jansons selten – wohl auch deshalb, weil er 1996 bei einer Aufführung von Puccinis Oper „La Bohème“ in Oslo einen Herzinfarkt erlitt, den er nur knapp überlebte. In seiner Amsterdamer Zeit brachte er mit Martin Kusej eine exemplarische Aufführung von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mszenk“ heraus, die auf DVD festgehalten wurde. 

Im Sommer 2018 leitete er Tschaikowskys „Pique Dame“ bei den Salzburger Festspielen. Die letzte Aufführung dirigierte er dem Vernehmen nach gegen ärztlichen Rat unter Mobilisierung letzter Reserven, während ein Notarztwagen im Hof des Festspielhauses wartete. Danach fiel er für mehrere Monate aus und musste sich bei der Asien-Tournee des BR-Symphonieorchesters von Zubin Mehta vertreten lassen.

Keine Sorgen um das Orchester

Jansons’ Vertrag als Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters wurde 2018 bis 2024 verlängert. Zuletzt wirkte es ein wenig überraschend, welche Fülle von Projekten manche Veranwortliche dem Dirigenten angesichts seiner immer zahlreicher werdenden Absagen noch zutrauten.

In der laufenden Saison wollte er unter anderem noch Beethovens „Missa solemnis“ und Mahlers Symphonie Nr. 6 dirigieren. Die Salzburger Festspiele kündigten noch im November für den kommenden Sommer neben der Alpensinfonie von Richard Strauss, auch einen szenischen „Boris Godunow“ in der großen vieraktigen Fassung einschließlich der Polen-Bilder an.

Um das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks muss man sich trotz Jansons Tod keine Sorgen machen. In den letzten Jahren standen von Simon Rattle über Yannick Nézet-Séguin bis zum 92-jährigen Herbert Blomstedt regelmäßig alle wichtigen Dirigenten der jüngeren, mittleren und älteren Generation am Dirigentenpult. Als Chef war Jansons insofern eine Ausnahme, als er belebende Konkurrenz neben sich nicht nur duldete, sondern auch förderte.

In den vergangenen zwei Jahren gelang es dem Orchestermanager Nikolaus Pont außerdem, immer wieder erstklassige Einspringer zu finden. Der in solchen Fällen oft bemühte Daniel Harding war zuletzt – ohne diesen Titel formell zu führen – eine Art Erster Gastdirigent. Die jüngeren Musiker im BR-Symphonieorchester dürften auch wissen, dass sich Jansons Nachfolger stärker als Kommunikator einbringen muss. Denn es gilt, die Zeit im Gasteig-Interim bis zur Eröffnung im Werksviertel als Chance zu begreifen, das Orchester zukunftsfest zu machen.
  
Das BR-Fernsehen zeigt heute um 22 Uhr die Doku „Der Dirigent Mariss Jansons“ und um 22.45 Uhr eine Aufnahme der Symphonie Nr. 4 von Johannes Brahms, aufgenommen am 11. Oktober 2019 in München. Am Di., 3. Dezember folgt um 23.45 Uhr ein Mitschnitt von Mozarts Requiem

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