Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Ein Zeichen der Solidarität

Christian Gerhaher (rechts) mit Musikern des BR-Symphonieorchesters bei einer Probe für Bachs Kantate „Ich habe genug“. Foto: Astrid Ackermann

Die Klangkörper des Bayerischen Rundfunks sammeln mit einem virtuellen Konzert am Sonntag Spenden für freischaffende Musiker

 

Am Sonntag ruft der Bayerische Rundfunk mit seinen drei Klangkörpern trimedial dazu auf, für den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung zu spenden. Als Gaststars sind die Sopranistin Regula Mühlemann, der Bariton Christian Gerhaher und die Geigerin Lisa Batiashvili bei diesem virtuellen Konzert mit dabei. Der für die beiden Orchester und den Chor verantwortliche Hörfunkdirektor Martin Wagner erläutert das Konzept.

AZ: Herr Wagner, seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es Livestreams, etwa aus dem Nationaltheater. Warum hörte man von Klangkörpern des BR, die alle technischen Voraussetzungen samt Sälen im Funkhaus haben, bis jetzt gar nichts?
MARTIN WAGNER: Es gab nicht nichts, sondern diverse Aktivitäten in den sozialen Medien. Der Grund ist ganz einfach: Wir durften nicht ins Studio. Dafür mussten erst die Bedingungen geklärt werden. Und ich bin dem Betriebsarzt sowie den Managern und Managerinnen Susanne Vongries vom Chor des BR, Veronika Weber vom Münchner Rundfunkorchester und Nikolaus Pont vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dankbar, dass mit großem Einsatz geklärt werden konnte, wie man im großen Studio mit kleiner Besetzung auftreten kann.

Braucht man dafür wirklich zwei Monate?
Sie wissen, dass die Debatten über Aerosole beim Singen oder den notwendigen Abstand bei Bläsern noch nicht beendet sind. Dazu gab und gibt es widersprüchliche Studien und Meldungen, daher führen wir aktuell in Kooperation mit dem LMU Klinikum München und dem Uniklinikum Erlangen auch eine eigene Untersuchung durch. Diese Klärung brauchte Zeit, und bei uns steht die Sicherheit der Kolleginnen und Kollegen an erster Stelle. Das gilt für alle, die beim BR arbeiten. Und natürlich auch für die Musikerinnen und Musiker.

Dass alle drei Ensembles gemeinsam auftreten, ist angesichts interner Rivalitäten und Animositäten durchaus ungewöhnlich.
Das habe ich so nie erlebt und in der aktuellen Situation erst recht nicht. Das Symphonieorchester, der Chor und das Rundfunkorchester waren sofort bereit, mitzumachen. Sie treten übrigens nicht gemeinsam auf – das ginge momentan auch gar nicht –, sondern nacheinander und zum Teil auch aufgezeichnet. Die Überlegung dahinter war: Wie können wir unsere Klangkörper hör- und sichtbar machen? Unser Intendant Ulrich Wilhelm hat vorgeschlagen, gemeinsam etwas zu machen, um denjenigen zu helfen, denen es deutlich schlechter geht als jenen, die durch eine Festanstellung ein Gehalt beziehen: den freien Künstlerinnen und Künstlern, die nicht auftreten können und derzeit kein Geld verdienen. Danach war viel Kleinarbeit beim Engagieren der Solisten und in der Organisation zu erledigen. Wir freuen uns sehr, dass auch 3sat das Konzert live überträgt.

Was steht auf dem Programm?
Howard Arman, der künstlerische Leiter des BR-Chors, dirigiert das Münchner Rundfunkorchester. Es begleitet die Sopranistin Regula Mühlemann in Arien von Händel. Darauf folgen kleinere Orchesterwerke wie die dritte Suite aus Respighis „Antiche danze ed arie“. Mitglieder des BR-Chors singen geistliche Gesänge von Tallis bis Poulenc – aufgezeichnet außerhalb des Funkhauses an einem durchaus überraschenden Ort - sowie Brahms und Hits aus den 1950er-Jahren. Das Symphonieorchester des BR führt Bachs Kantate „Ich habe genug“ mit Christian Gerhaher und Tschaikowskys Streichsextett „Souvenir de Florence“ mit der Geigerin Lisa Batiashvili auf.

Was passiert mit den Spenden?
Die gehen an den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung. Die Musikerinnen und Musiker unserer Klangkörper wissen, in welch einer besonderen Lage sie sich befinden und wie schwierig es für Leute ist, die seit acht Wochen keinen Euro eingenommen haben.

Auch die Klangkörper beschäftigen viele freie Musiker. Wie wurden die Ausfälle geregelt?
Wir waren kulant und haben, soweit rechtlich möglich, Ausfallhonorare gezahlt. Natürlich müssen wir uns dabei an die Tarifverträge halten.

Der BR hat alle Konzerte bis Ende der Saison abgesagt. Wie wird es danach weitergehen?
Das ist ein Problem, das nicht nur die Klangkörper des BR haben. Niemand kann vorhersagen, unter welchen Bedingungen im Herbst Solisten und Dirigenten reisen können. Wir wissen auch nicht, wie wir die Säle nutzen können. Ich vermute, dass es bis Ende des Jahres keine Konzerte mit voll besetzten Reihen und vielen Musikern auf einer großen Bühne geben wird. Das ist eine Herausforderung, weil es sich am Ende rechnen muss und wir auch nicht jedes Konzert erst um 16 Uhr spielen und dann um 20 Uhr wiederholen können.

Das alles wird zu Ausfällen bei den Einnahmen führen, mit denen die Klangkörper das künstlerische Programm finanzieren.
Das stimmt. Einnahmeausfälle gibt es im gesamten Bayerischen Rundfunk, unter anderem durch geringere Werbeeinnahmen. Wir gehen auf schwierige Zeiten zu, aber der BR steht zu seinen Klangkörpern. Und wir werden Lösungen finden.

Sie gehen bald in Ruhestand. Was machen Sie dann?
Ich habe darüber kürzlich mit dem städtischen Kulturreferenten Anton Biebl gesprochen und zu ihm gesagt: „Ich beneide Sie nicht. Ich muss mich ab Juli nicht darum kümmern, ob ein Konzert stattfinden kann oder nicht und unter welchen Bedingungen, ich kann frei alleine für mich entscheiden, wo ich hingehe.“ Es gibt viele Bücher, viel schöne Musik. Ich werde das Leben genießen.

Das Konzert wird ab 19 Uhr live per Videostream auf br-klassik.de/concert, in BR-KLASSIK (Hörfunk) und im Fernsehen auf 3sat übertragen sowie um 22 Uhr zeitversetzt in ARD-alpha. Spendenkonto: Deutsche Orchester-Stiftung, Kennwort: Nothilfefonds, IBAN: DE35 1004 0000 0114 1514 05, BIC: COBADEFFXXX

 

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