Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Die neue Saison bringt manches, aber nur eine Frau

Orchestervorstand Norbert Dausacker, Chefdirigent Mariss Jansons und Orchestermanager Nikolaus Pont (von links) bei der Vorstellung der neuen Saison. Foto: BR

Die neue Saison beim Symphonieorchester des BR bringt zwar manches, aber nur eine Frau ans Dirigentenpult

 

Bei den Münchner Philharmonikern gastieren in der kommenden Saison vier Dirigentinnen: Barbara Hannigan, Susanna Mälkki, Karina Canellakis und Oksana Lyniv. Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dessen Chefdirigent mit altmodischen Ansichten zu diesem Thema aufgefallen ist: eigentlich keine.

Das ist – teilweise – Pech: Mirga Grazinyte-Tyla hat aus familiären Gründen abgesagt. Eun Sun Kim leitet zwar das Abschlusskonzert des ARD-Musikwettbewerbs. Aber das ist ein Termin zweiter Klasse, bei dem nur Herren aufgetreten sind, die beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks normalerweise nicht in Frage kommen.

Bei der Vorstellung der neuen Saison des Orchesters verbrannten sich einige Herren beinahe den Mund mit dem Wort „Qualität“, das in missverständlicher Weise im Zusammenhang mit dirigierenden Frauen kursierte. Orchestermanager Nikolaus Pont begrüßt es, dass der Beruf immer weniger als Männerdomäne wahrgenommen wird. Aber er möchte junge Talente nicht durch verfrühte Auftritte verheizen – unabhängig vom Geschlecht. Trotzdem bleibt ein spürbares Defizit bei Brahms, Beethoven & Co. Denn Susanna Mälkki dirigierte beim BR bisher nur Gegenwartsmusik in der der musica viva, Emanuelle Haïm und Simone Young kamen als Einspringerinnen.

Der übliche Gemischtwarenladen

Das Orchester eröffnet seine neue Saison mit Mahlers Symphonie Nr. 2 unter Daniel Harding. Den Schlusspunkt setzt Franz Welser-Möst mit einem reinen Beethoven-Programm bei „Klassik am Odeonsplatz“. Dazwischen gibt es die übliche Mischung aus bewährten Gästen und Debütanten, die zwar noch nie das BR-Symphonieorchester dirigiert haben, in München aber trotzdem nicht ganz fremd sind – wie Mikko Franck, vor langer Zeit ein regelmäßiger Gast der Philharmoniker war.

Chefdirigent Mariss Jansons setzt einen Beethoven-Schwerpunkt. Er dirigiert die „Missa solemnis“, das Tripelkonzert mit Anne-Sophie Mutter, Maximilian Hornung und Yefim Bronfman sowie ein Doppelprogramm mit Ouvertüren. Sonst gibt es den etwas unsortierten Jansons-Gemischtladen mit Mahlers Sechster, Brahms und Orchesterliedern von Richard Strauss.

Im Vergleich zu Valery Gergiev bei den Philharmonikern, der ein langfristiges Bruckner-Projekt verfolgt und in der Regel russische mit deutscher Musik zusammenbringt, wirkt Jansons vor seiner 16. Saison müde. Seine Programme stellt er vor allem mit Blick auf Gastspiele zusammen. Zunehmend stellt sich die Frage, ob das Orchester nicht gut beraten wäre, neben Jansons einen Ersten Gastdirigenten zu etablieren, der seinen Kopf in München für alle jene Zukunftsprojekte hinhält, für die der Chefdirigent gesundheits-, alters- und willensbedingt nicht in der Lage ist. So toll Mahler unter Jansons sein kann: Die Glaubwürdigkeit der bayernweiten Jugendprojekte des Orchesters leidet darunter, wenn sich der Chef daran nicht aktiv beteiligt.

Advent statt Aufbruch

Gergiev tut das bei den Philharmonikern. Beim anderen großen Orchester der Stadt ist im Vorfeld des Umzugs ins Gasteig-Interim an der Brudermühlbrücke ein starker Aufbruchswille zu spüren. Beim BR-Symphonieorchester, das seine Gasteig-Termine ebenfalls nach Sendling verlegen dürfte, war zu diesem Thema gar nichts zu hören.

Hier befindet man sich in einer Phase der Stagnation auf hohem Niveau, einem endlosen grauen Advent vor dem Weihnachten der Eröffnung des Konzertsaals im Werksviertel in der Mitte des nächsten Jahrzehnts.

Schwer verständlich ist auch, dass die Zusammenarbeit mit dem Chor des BR nachlässt. Der greift für Großprojekte wie Haydns „Schöpfung“ auf Gastensembles zurück, obwohl es auch noch das Rundfunkorchester gäbe. Das verwundert, wenn andererseits zu hören ist, dass das BR-Symphonieorchester wie andere Bereiche des Senders sparen muss.

Keine Vorverurteilung

Zur Personalie Daniele Gatti wurde ein ausführliches Papier verteilt. Dessen Inhalt in Kürze: Das Orchester hält an der Zusammenarbeit mit dem Dirigenten fest. Man nehme die Auflösung seines Vertrags in Amsterdam wegen „mit seiner Position unvereinbarem Verhalten gegenüber Mitarbeiterinnen“ zur Kenntnis. Das BR-Symphonieorchester fühle sich allerdings für ein Urteil „weder befähigt noch berechtigt“ und unterlasse jede Form von Vorverurteilung.

Das ist eine klare Position. Und weil sich das Orchester in dem Papier ausdrücklich von jeder Form von „Sexismus, Machtmissbrauch und Machismus“ distanziert, wirkt auch die Position in der Frage Dirigentinnen-Frage einigermaßen glaubwürdig. Denn die Welt ist immer komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. 

Das neue Saisonprogramm kann unter www.br-so.de bestellt und heruntergeladen werden
 

 

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