Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Die erste Saison ohne Mariss Jansons

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf dem Podium der Philharmonie im Gasteig. Foto: Astrid Ackermann

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks stellt seine erste Saison nach dem Tod von Mariss Jansons vor – und sucht einen Nachfolger für den im Dezember verstorbenen Chefdirigenten

 

Wir haben uns lange gefragt, ob wir unsere neue Saison in einer Zeit vorstellen sollen, in der man nicht mal zu dritt an der Isar spazieren gehen darf“, sagt Nikolaus Pont, der Manager des BR-Symphonieorchesters. „Unsere Entscheidung hat pragmatische und emotionale Gründe. Einerseits funktioniert unser Betrieb nur mit entsprechender Vorplanung und andererseits möchte ich die Bekanntgabe unserer Pläne als offenen Protest gegen das Virus verstanden wissen.“

Für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beginnt – wenn alles gut geht – Ende September die erste Saison nach dem Tod von Mariss Jansons. „Wir kompensieren den fehlenden Chef durch die verstärkte Zusammenarbeit mit Dirigenten, die dem Orchester schon lange verbunden sind und die im Repertoire, das normalerweise ein Chefdirigent übernimmt, etwas zu sagen haben“, so Pont in der telefonischen Pressekonferenz. Franz Welser-Möst, Andris Nelsons und Herbert Blomstedt sind das im Fall von Anton Bruckner, Gustavo Dudamel, Jakub Hrusa und Simon Rattle bei Gustav Mahler.

Eine musica viva mit Simon Rattle

Rattle dirigiert – ungewöhnlich genug – auch ein Konzert der musica viva mit Werken von Ondrej Adámek, György Kurtág und György Ligeti. Womit sich der Gedanke aufdrängt, er laufe sich als Jansons-Nachfolger warm.

„Die interne Meinungsfindung wird sich noch einige Monate hinziehen. Und zwischen einer Nominierung und dem Amtsantritt könnten zwei bis drei Spielzeiten liegen“, sagt Nikolaus Pont dazu. Der neue Chefdirigent wird zwar formal vom Intendanten des Bayerischen Rundfunks ernannt, doch die Entscheidung liegt – wie bei Orchestern von vergleichbarem Rang – bei den Musikern.

Eine Stellenbeschreibung

Der künftige Chefdirigent müsse „die Tradition des Orchesters und das Vermächtnis seiner bisherigen Chefdirigenten in die Zukunft tragen“ so Pont. Zur Stellenbeschreibung gehören ein breites Repertoire, stilistische Vielfalt und „die Fähigkeit, höchste musikalische Intensität zu entfachen“. Wichtig ist auch „die Lust, mittels neuer Konzertformate, Kommunikationsformen und Vermittlungskanäle auf das Publikum von heute und von morgen zuzugehen.“

Das ist eine Beschreibung, die zwar auf Rattle zutrifft, aber eben nicht nur auf ihn. „Man kann davon ausgehen, dass es sich bei den potentiellen Kandidaten vornehmlich um Personen handeln wird, mit denen unser Orchester schon in der Vergangenheit erfolgreich zusammengearbeitet hat“, so Pont.

Igor Levit als Artist in Residence

Zurück zur näheren Zukunft: „Artist in Residence“ wird in der kommenden Saison der Pianist Igor Levit. Er nimmt sich unter anderem das sperrige Klavierkonzert von Ferruccio Busoni vor und spielt ein Familienkonzert. Der Komponist und Dirigent Peter Eötvös ist wie Rattle sowohl im Abo-Programm wie in der musica viva vertreten. Er kombiniert eine konzertante Aufführung von Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ mit einem eigenen Operneinakter. Ein weiteres konzertantes Opernprojekt liegt in den Händen von John Eliot Gardiner: Er dirigiert die französische Urfassung von Verdis „Don Carlos“.

Als Coup kann das Debüt des gastierunwilligen Christian Thielemann beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gelten. Er dirigiert Bruckners Fünfte. Weitere Konzerte übernehmen Riccardo Minasi, Robin Ticciati, Zubin Mehta und Daniel Harding. Auch Dirigentinnen werden vermehrt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks arbeiten: Susanna Mälkki und Mirga Grazinyte-Tyla setzen sich mit Sibelius auseinander, Oksana Lyniv bringt Schumanns Zweite mit Auszügen aus Wagners „Götterdämmerung“ zusammen.

Spielfähig bleiben

Die Musiker haben sich ab Herbst also einiges vorgenommen. Aber was machen sie jetzt, ohne Konzerte? „Ich habe 20 Jahre in Bayreuth gespielt, nicht nur, weil ich Wagner mag, sondern auch, weil ich zu lange Sommerpausen ohne Instrument vermeiden möchte“, sagt der Hornist und Orchestervorstand Norbert Dausacker. „Jeder von uns hat sein eigenes Tagesprogramm, mit dem er sich darauf vorbereitet, am Ende der Woche die Siebte von Bruckner zu spielen und in 14 Tagen eine Mozart-Symphonie, die ganz andere Anforderungen stellt.“

Die Musiker haben als Beschäftigte eines öffentlich-rechtlichen Senders keine Angst um ihren Job, sondern eher Angst um ihre Spielfähigkeit als Spitzenorchester. „Jeder von uns fürchtet den Moment, wieder mit den Kollegen auf der Bühne zusammenzutreffen“, so Norbert Dausacker.

Sorgen um das Gasteig-Interim

Auch das Management befindet sich in einer Warteposition. „Jeder kleine Spalt, der sich auftut und der sinnvolles Handeln ermöglicht, wird von uns genutzt werden“, sagt Nikolaus Pont. „Aber wann das der Fall sein wird, können wir alle nicht vorhersagen.“

Sicher scheint schon, dass die Planungen für das Konzerthaus im Werksviertel durch die Krise zurückgeworfen werden. „Aber mehr noch treibt uns um, was im Herbst 2021 mit dem Gasteig passiert, wenn die Philharmonie wegen der Generalsanierung geschlossen werden soll“, sagt Pont. „Wird es das Gasteig-Interim geben? Die Beantwortung dieser Frage wird für unsere Planung immer dringender.“   

Infos zu Abos und Karten unter unter www.br-so.de
 

 

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