Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Das Klima wird kälter

Franz Welser-Möst und Igor Levit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Gasteig. Foto: Astrid Ackermann

Was der Abschied von Ulrich Wilhelm für die Nachfolgefrage beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bedeutet

 

Man sollte nicht zu viele Zusammenhänge sehen, wenn im Konzert des BR-Symphonieorchesters nicht nur der (scheidende) Intendant des Senders sitzt, sondern auch der trimediale Programmdirektor Kultur, der seit Anfang Juli auch für die Klangkörper zuständig ist. Ulrich Wilhelm und Reinhard Scolik müssen einen Nachfolger für den verstorbenen Chefdirigenten Mariss Jansons engagieren. Sie sind formal zuständig, auch wenn die Entscheidung tatsächlich mehr oder weniger demokratisch im Orchester fallen wird.

Zufällig stehen am Ende dieser erst vom Tod des Chefdirigenten und dann von der Pandemie überschatteten Saison drei der vier Dirigenten am Pult, die als heiße Kandidaten gelten. Vor einer Woche dirigierte Daniel Harding ein dramaturgisch wie musikalisch überzeugendes Programm mit den Streichern und Blechbläsern des Orchesters. Nächste Woche hat sich Simon Rattle als Überraschungsgast selbst aus dem Hut gezaubert. Diese Woche dirigierte Franz Welser-Möst. Nur der dem Vernehmen nach ebenfalls zum Kandidatenkreis zählende Kanadier Yannick Nézet-Séguin fand den Weg nach München nicht: Sein ursprünglich für April geplantes Konzert musste ersatzlos entfallen.

Pech für Igor Levit

Welser-Möst hätte am Freitag zusammen mit Igor Levit am Odeonsplatz auftreten sollen. Beide retteten sich mit verändertem Programm und viermal 100 Besuchern in den Gasteig. Leider wiederholte sich für Levit eine ähnlich unglückliche Konstellation wie im Januar, als er mit dem Dirigenten Iván Fischer ein Mozart-Konzert interpretierte. Wiederum passten der Dirigent und der Solist nicht wirklich zusammen.

Levit sprühte am Klavier vor Individualität und kapriziöser Energie. Er spielte, als würde er Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 (in Wahrheit die Nr. 1) im Augenblick improvisierend erfinden. Welser-Möst und das Orchester reagierten darauf kaum, sie begleiteten solide, aber letztlich uninspiriert. Nur im zweiten Satz, wenn der spielerische Ton der Mozart-Nachfolge dem feierlichen Ernst eines typischen Beethoven-Adagios weicht, fanden beide Seiten für Momente nicht nur räumlich zusammen.

Welser-Möst ist ein hervorragender Dirigent für die Werke von Gustav Mahler und Richard Strauss. Er fährt zu großer Form auf, wenn es darum geht, Massen zu strukturieren und den Breitwandklang zu ordnen. Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sieht man ihn – zu seinem Nachteil – leider mehr als Sachwalter der altösterreichischen Kapellmeisterei. Und so dirigierte er leider auch Mozarts „Prager“ Symphonie Nr. 38 KV 504: im vor-historisierenden Stil, als habe es Nikolaus Harnoncourt nie gegeben.

Behäbiger Glanz

Das kann man schon machen. Und es ist als Widerstand gegen die Moden der Interpretation im Interesse der Vielfalt auch wünschenswert. Insofern ist der fast demonstrative Beifall einiger Musiker für den Dirigenten nach dem Konzert durchaus verständlich. Nur dürfte Mozart dann nicht ganz so selbstverständlich dahinplätschern. Das BR-Symphonieorchester verbreitete einen behäbigen Glanz, nur in der langsamen Einleitung und ganz kurz vor Schluss, in der höchsten Verdichtung der Durchführung, erwachten alle Beteiligten ein wenig aus ihrem Phlegma. Aber Chefdirigent wird man nicht durch ein Konzert, sondern vor allem durch Proben, die Besucher und Rezensenten verborgen bleiben.

Die Frage nach der Jansons-Nachfolge hat am Freitag an Brisanz gewonnen, als bekannt wurde, dass Wilhelm keine dritte Amtszeit als Intendant anstrebt. Für die drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks bedeutet das nichts Gutes.

Wilhelm hat sich immer sehr demonstrativ zum Symphonieorchester, dem Chor und dem Rundfunkorchester bekannt und sie vor allzu großem Sparwillen geschützt. Darin unterscheidet er sich von einer Reihe von Intendanten-Kollegen, die Orchester und Chöre für einen verzichtbaren Luxus halten, der weder mit dem gegenwärtigen Auftrag öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten Sender noch mit dem Diktat der Quote vereinbar ist.

Ein Name, den auch Markus Söder kennt

Eben hat der NDR damit gedroht, sich seines ohnehin bereits geschrumpften Chors vollständig entledigen zu wollen. Und wer nicht allzu genau hinschaut, könnte die Vereinigung der beiden Orchester des SWR in Stuttgart und Freiburg unter Teodor Currentzis als Erfolg verbuchen, der zur Nachahmung anregt.

In der Zeit nach Wilhelm dürfte ein eiserner Sparkurs einsetzen. Den letzten Dienst, den Wilhelm dem Symphonieorchester erweisen sollte, ist das Engagement eines Chefdirigenten mit Glanz, Charisma und einem Namen, den auch Markus Söder und Landtagsabgeordnete aus Unterfranken schon einmal gehört haben.

Unter den obwaltenden Umständen kann das nur Simon Rattle sein. Nur ihm ist zuzutrauen, das von Kürzungen bedrohte Projekt des Konzertsaals im Werksviertel zu retten. Sollte der Neubau dem Geldmangel nach der Pandemie zum Opfer fallen, braucht auch ein weiter im Gasteig spielendes BR-Symphonieorchester eine klangliche und konzeptionelle Weiterentwicklung.

Ein Kommunikator muss er sein

Bei allem Respekt vor Welser-Möst amerikanischen Erfahrungen in Cleveland: Er ist nicht der Mann für das hinter dem Ostbahnhof oder im neuen Gasteig zentrale Education-Programm. Es muss vom Chefdirigenten mitgestaltet werden. Über Harding hört man auf diesem Gebiet nicht viel. Als großer Kommunikator ist er nie hervorgetreten, und bei Nézet-Séguin wird bei allen Qualitäten sein Chefdirigentenposten an der New Yorker Metropolitan Opera stets der Hauptjob bleiben.

Rattle taucht nach einem kurzfristig anberaumten Stream Anfang Juni am kommenden Wochenende nun schon zum zweiten Mal überraschend in München auf. Ihm scheint das Orchester etwas zu bedeuten. Das ist eine Chance, die genutzt werden muss. Sonst, so ist zu befürchten, hat das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks seine besten Jahre bereits hinter sich.

Das Konzert steht in Kürze in der Mediathek des Orchesters. Das Konzert unter Simon Rattle wird am 20. Juli, um 20 Uhr im Radio und als Livestream übertragen
 

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