Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Christoph von Dohnányi dirigiert Ives, Ligeti und Tschaikowsky

Christoph von Dohnányi bei einer Probe mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal. Foto: Peter Meisel/BR

Herkulesssaal: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Christoph von Dohnányi mit Ives, Ligeti und Tschaikowsky

Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat er Hans Werner Henzes Opern „Die Bassariden“ und „Der junge Lord“ uraufgeführt. Das – und mehr Engagement für lebende Komponisten – brachte ihm den Ruf eines kühlen Analytikers ein. Ältere Musiker Münchner Orchester wurden mit solchen Männern nie wirklich warm.

Das mag dazu beigetragen haben, dass es 30 Jahre gedauert hat, Christoph von Dohnányi wieder zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einzuladen. Andere Orchester dieser Stadt hat er – unseres Wissens – zwischenzeitlich auch nicht dirigiert.

Der bald 90-Jährige begann sein Konzert im Herkulessaal mit „The Unanswered Question“ von Charles Ives. Die Streicher des Symphonieorchesters flüsterten ihre Choralmelodie zartestmöglich. Die von einem Co-Dirigenten unterstützte Flötengruppe antwortete so zufällig, asynchron und zugleich extrem präzise auf die Ferntrompete im Foyer.

Präzision und Klangfarben

Danach György Ligetis Doppelkonzert für Flöte und Oboe, das Dohnányi 1972 bei den Berliner Philharmonikern uraufgeführt hat. Es steht ziemlich genau in der Mitte zwischen Ligetis Klangfarben-Periode und seiner vorsichtigen Annäherung an traditionelle Formen.

Henrik Wiese zeichnete präzise nach, wie sich das Konzert vom dunklen Klangraum der Bass-Flöte langsam über die Alt-Flöte zur C-Flöte aufhellt, sein Kollege Tobias Vogelmann unterstützte ihn nach Kräften mit mikrotonalen Reibungen an der Oboe. Wieder einmal zeigte sich: Die Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist – mit Engagement gespielt – eine von Musikern wie vom Publikum immer noch unterschätzte Bereicherung des Konzertbetriebs.

Danach Peter Tschaikowskys „Pathétique“, beginnend mit einem bohrenden Fagottsolo als Teil der sehr kernig, aber nie lärmend spielenden Bläsergruppe. Dohnányi inszenierte das exaltierte Gefühlstheater der Symphonie Nr. 6 vergleichsweise sachlich und unterkühlt. An einigen Stellen, etwa dem wie immer etwas zu lauten Choral des Blechs am Ende des ersten Satzes, drängte sich auch das beliebte Bild vom buchstabieren auf.

Altbekanntes neu erzählen

Dohnányis Tschaikowsky hatte etwas von einem Brahms mit Spezialeffekten. Aber das ist schlüssiger wie der Versuch, bei diesem Stück den Russen zu geben und führt zu einem erzählerischen Mehrwert. In dieser emotional sorgfältig abgetönten Aufführung kam viel klarer als sonst heraus, dass am Ende des ersten Satzes eine religiöse Tröstung angeboten wird, anschließend der Walzer in Melancholie versinkt und der symphonische Held vom Marsch verhöhnt wird, ehe sich im Adagio rückhaltlose Trauer verbreitet.

Dohnányi erzählte, klar und deutlich, eine Geschichte. Es ist immer wieder überraschend, wie sich bei gleichbleibender (oder auch steigernder) musikalischer Präzision altbekannte und oft gespielte Werke neu erschließen. Dohnányi versteht sich darauf. Deshalb ist es schade, dass er 30 Jahre auf eine Wiedereinladung warten musste.

Das Konzert kann auf br-klassik.de online nachgehört werden

 

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