Suzie Quatro zum 70. Geburtstag Sie wollte nie ein Sexsymbol sein

Die Sängerin und Bassistin Suzie Quatro. Foto: dpa

Suzi Quatro wollte eigentlich auf Tour sein, aber zum 70. Geburtstag gibt es immerhin eine neue Dokumentation

 

Schwarzer Lederoverall, schwerer Bass, dazu eine echte Höllenröhre: Suzi Quatro war der erste weibliche Rockstar der Siebzigerjahre mit Hits wie „Can The Can“, „48 Crash“, „If you can’t give me Love“ oder „Stumblin’ In“ und Pionierin von „Girl Power“. Heute wird die 1,52 m große Rocklady 70. Sie setzte stets mehr auf Musik als auf Sexappeal – und fand viele Nachahmerinnen, etwa Joan Jett („I love Rock’n’Roll“). 2019 erschien ihr Album „No Control“, mit dem sie auch auf Tour ging und in München im ausverkauften Circus Krone auftrat.

AZ: Suzi Quatro klingt cool. Ein Künstlername?
Suzi Quatro: Nein. In meinem Pass steht Susan Kay Quatro. Der Name ist kein Fake. Aber: Mein Großvater väterlicherseits war einst von Italien nach Amerika ausgewandert. Er hieß Michele Quatrocchio. Bei der Emigration auf Ellis Island war den Beamten dieser Name zu kompliziert, also wurde er einfach zu „Quatro“ verkürzt. Mein Opa hieß fortan Michael Quatro.

Berühmt wurden Sie mit Rock’n’Roll, einer ziemlichen Männerdomäne. Wie haben Sie sich da als junge Frau durchgesetzt?
Mit meinen 152 cm bin ich sicher nicht die Größte, wohl aber die Taffeste. Ich gebe nicht viel auf dieses Gender-Ding, von dem jetzt alle sprechen. Ich sehe mich nicht als weiblichen Musiker, sondern als Musiker. Punkt. Und ich habe früh erfahren, dass du zurückbekommst, was du gibst und ausstrahlst. Ich sehe mich als ernsthafte Musikerin, kompetent und zuversichtlich, stehe für: No Bullshit! Damit bin ich immer gut gefahren, die härtesten Jungs haben Respekt vor mir. Machos merken, dass sie sich mit mir besser nicht anlegen.

Das Thema Sexappeal haben Sie nie übertrieben eingesetzt, wirken bis heute oft burschikos.
Ist es nicht lustig, dass es trotzdem geklappt hat mit der Karriere. Ich wollte nie Pin-Up-Girl oder Sexsymbol sein. Das hat nicht ganz geklappt, für manche Fans bin ich schließlich doch eine Art Sexsymbol. Aber das ist vielleicht das Geheimnis meines Sexappeals: Dass er nicht gewollt ist, nicht „in your face“, wie wir in Amerika sagen. Ich versuche nicht verzweifelt, sexy zu sein. Mir geht’s um die Musik.

Wieso haben Sie ausgerechnet für den Bass entschieden?
Ich hatte gar keine Wahl, der Bass kam zu mir. Zuvor hatte ich Klavier und Schlagzeug gelernt. Dann gründete ich mit meinen beiden älteren Schwestern und zwei anderen Mädchen die Band Pleasure Seekers. Bei einer Telefonkonferenz schrie jede in den Hörer: Ich will dies spielen, ich will das spielen. Ich kam als jüngste gar nicht zu Wort. Am Ende blieb nur der Bass. Aber ich verliebte ich mich auf Anhieb in das Instrument.

Waren Sie damals schon Sängerin?
Ich war Leadsängerin der Gruppe, sang jeden Song. Hey, ich war die Show! Ich denke, ich bin ein geborener Showman. Nach etwa anderthalb Jahren veränderten wir den Bandnamen in Cradle und nahmen unsere jüngere Schwester Nancy in die Gruppe auf. Ich trat vom Mikro zurück, ließ sie singen und konzentrierte mich auf den Bass.

Bis Sie um 1970 ein Talentscout entdeckte.
Ja, der berühmte Mickie Most, der schon in den frühen Sechzigern mit Jeff Beck und Jimmy Page gearbeitet hatte und der The Animals mit Eric Burdon und Herman’s Hermits entdeckt hatte. Er suchte eine Nachfolgerin für die gerade verstorbene Janis Joplin. Mickie war damals in Detroit mit Jeff Beck im Studio und kam zu einer Show unserer Band. Danach nahm er mich zur Seite: „Suzi, du bist ein Star, komm mit mir nach London“. Das habe ich tatsächlich gemacht. Es war meine große Chance.

Sie kamen 1950 in der Autostadt Detroit zur Welt. Ihr Vater Arthur soll ebenfalls Musiker gewesen sein…
…aber nur abends. Tagsüber arbeitete er bei General Motors und verdiente ordentliches Geld.

Ihre Leidenschaft für Musik haben Sie von ihm?
Ja. Schon als Kind habe ich ihm gern beim Proben zugesehen. Er hat mir früh beigebracht, dass Musiker ein ernsthafter Beruf ist und dass man dem Publikum gegenüber verpflichtet ist, Leistung zu bringen, denn die Leute haben Eintritt gezahlt. Das nehme ich mir bis heute zu Herzen.

Gab es in Ihrer Kindheit ein besonderes Erlebnis?
1956, mit sechs, sah ich Elvis Presley zum ersten Mal im Fernsehen. In der Ed Sullivan Show sang er „Don’t Be Cruel“. Ich war sofort verknallt. Mein Vater fand ihn aber abstoßend und schaltete sofort den Fernseher ab. Zu spät: Ich war bereits vom Rock’n’Roll infiziert und wusste, dass ich sowas auch mal machen wollte.

Haben Sie den King mal persönlich getroffen?
Ich hätte können, habe aber abgesagt.

Das müssen Sie erklären!
In den 70ern hatte ich eine Version von Elvis’ Hit „All shook up“ aufgenommen. Als ich in Memphis, seiner Heimatstadt, auftrat, klingelte in meinem Hotelzimmer das Telefon. Es war Elvis’ Management, das den Song gehört hatte: „Mr. Presley möchte Sie gerne sprechen“. Ich wäre fast gestorben. Mein Herz schlug wie wild. Dann kam Elvis an den Apparat und lud mich nach Graceland ein. Und was mache ich? Sage ihm ab, sage, ich sei beschäftigt. Heute denke ich, dass ich damals mental noch nicht bereit war, mein Idol zu treffen.

Sein früher Tod muss Sie dann getroffen haben!
Sehr! An jenem 16. August 1977 war ich bei einem Casting für die TV-Serie „Happy Days“ in Hollywood und wartete auf die Entscheidung der Produktion. Just in dem Moment, als ich die Zusage für 15 Episoden erhielt, flimmerte die News von Elvis Tod über den Bildschirm. Ich war todtraurig, Elvis war Teil meines Lebens.

Stimmt es, dass Sie durch Presley zu Ihrem schwarzen Lederoutfit inspiriert wurden?
Stimmt. Mein Lederoverall war eine Hommage an das coole Lederoutfit, das er 1968 bei seinem grandiosen Comeback-TV-Special trug. Und ich ließ das Teil von Nudie, Elvis’ berühmtem Designer schneidern. Mein Produzent Mickie Most war strikt dagegen, dass ich damit auftrete. Er fand’s altmodisch, denn es war die Zeit des bunten, schrillen Glam-Rock. Aber ich setzte mich durch. Mit Glam hatte ich nie was am Hut, auch wenn ich oft in eine Schublade mit T.Rex, David Bowie, Sweet und Slade gesteckt wurde. Ich trug damals nicht mal Make-Up, die Glam-Jungs dagegen mehr als genug.

Sie wurden schließlich zur Rock-Ikone, zum Vorbild für unzählige weibliche Rocker, etwa auch Joan Jett und die Runaways.
Joan Jett war mein größter Fan. Sie kam oft zu meinen Konzerten in Los Angeles oder wartete am Hotel auf mich, mit jeder Menge Fotos und LPs, die ich signieren sollte. Als ich später hörte, dass sie auch eine Band, eben die Runaways, gegründet hatte, fand ich das cool.

Es läuft nach wie vor bei Ihnen. Vor einiger Zeit verlieh man Ihnen an der University of Cambridge gar die Ehrendoktorwürde. Gratulation!
Dankeschön. Ich bin jetzt Dr. Quatro und werde dort bald eine Vorlesung halten! Ich bin mehr als nur Rockmusikerin, ich bin auch Schriftstellerin, habe einen Gedichtband veröffentlicht, eine Novelle und eine Autobiographie. An der Uni werde ich den Studenten ein paar Überlebenstipps geben.


Die gar nicht so heile Welt der Suzie Q

Die meisten Musik-Dokumentarfilme funktionieren nach Schema F: Sie erzählen chronologisch von den wichtigsten Karriereschritten des Stars, Wegbegleiter erinnern sich und nachgeborene Musiker erklären in pathetischen Worten, wie toll der Protagonist doch sei. All das gibt es auch in „Suzie Q“ zu sehen, zackig montiert und mit ein paar schönen Bildideen. Doch der Film geht weit darüber hinaus - denn über allem schweben zwei interessante Themen.

Der Film erzählt erstens davon, wie eine Frau den Weg für viele andere bereitete. Suzi Quatro biss sich in der extremen Macho-Kultur des Rock durch, als erste Frontfrau und Bandleaderin. Damit inspirierte sie spätere Rockerinnen, die in dem Film zahlreich zu Wort kommen, aber auch Musikerinnen anderer Couleur wie Debbie Harry und Tina Weymouth von den Talking Heads.

Noch interessanter ist aber das zweite, persönliche Thema des Films. Denn Suzi Quatros Erfolg basierte auf einer frühen Entscheidung, für die sie ein Leben lang büßen musste. In den Sechzigern spielte sie in einer Girl-Band mit ihren ebenfalls begabten drei Schwestern. Der englische Erfolgsproduzent Mickie Most sah die Gruppe, wollte aber nur die Teenager-Frontfrau Suzi - und die folgte ihm aus ihrer Heimatstadt Detroit nach London.

Die heile Familie bekam einen Knacks, die Schwestern verziehen ihr nie. „Die Fans werden nicht an Deinem Sterbebett sitzen“, sagt eine von ihnen fünfzig Jahre später unerbittlich. Und so sieht man in diesem tollen Dokumentarfilm eine fast 70-jährige Star-Sängerin weinen, als sie über ihre Familie spricht - und über ihre verlorenen letzten Jugendjahre.

Die opferte sie ihrer Karriere, und irgendwo in ihr sei deshalb eine Leerstelle geblieben, sagt Suzi Quatro, diese so geradlinige wie reflektierte Frau. Nach fünf Jahrzehnten im Rampenlicht träumt sie sich zurück in ihr liebevolles Elternhaus, träumt davon, noch einmal das junge Mädchen in Detroit zu sein. Und noch ein paar Jahre länger zuhause zu bleiben, bevor sie versucht, die Welt zu erobern.
Dominik Petzold

Der Film ist im Arsenalfilmsalon auf Vimeo und bei Amazon Prime zu sehen
 

 

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