Suizid-Versuch Drama um Rafati und die Frage nach dem „Warum“

Zwei Jahre nach dem Freitod von Robert Enke ist der Fußball mit dem Suizidversuch von Babak Rafati erneut erschüttert worden – wieder stellt sich die Frage nach dem „Warum“. Foto: dapd/firo

Zwei Jahre nach dem Freitod von Robert Enke ist der Fußball mit dem Suizidversuch von Babak Rafati erneut erschüttert worden – wieder stellt sich die Frage nach dem „Warum“.

 

Köln - Bestürzung, Fassungslosigkeit, Betroffenheit – das Drama um den Schiedsrichter aus Hannover hat das Wochenende in der Fußball-Bundesliga mit dem Gipfeltreffen zwischen Bayern München und Borussia Dortmund (0:1) überschattet. DFB-Präsident Theo Zwanziger suchte mit betretener Miene nach Erklärungen für das, was er in Köln vorgefunden hatte. Mit aufgeschnittenen Pulsadern war Rafati im Kölner Hyatt-Hotel in der Badewanne seines Zimmers aufgefunden worden.

Der 41-Jährige sollte eigentlich das Spiel zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 leiten. Als Rafati um 13.30 Uhr nicht zur Spielbesprechung erschienen war, hatten seine drei Assistenten gedankenschnell Alarm geschlagen – und so womöglich sein Leben gerettet. „Sein Gesundheitszustand ist stabil“, sagte DFB-Sprecher Ralf Köttker am Sonntag auf dapd-Anfrage. Inzwischen liegt Rafati auf der Intensivstation des Krankenhauses in Köln-Holweide. Am Samstagabend hatte er bereits erstmals wieder mit seinen Angehörigen gesprochen. In einem kurzen Telefonat soll er sich bei seinem Vater Djalal für seinen Suizidversuch entschuldigt haben. „Er sagte nur: Papa, verzeih mir, was ich getan habe. Ich habe ihm gesagt. Natürlich, du musst dich jetzt erst einmal erholen“, berichtete Djalal Rafati dem Kölner „Express“.

Warum Rafati diesen Schritt gewählt hat, konnte sich der Vater nicht erklären. Er sei nach seiner Scheidung mit seiner Freundin seit einigen Jahren zusammen und glücklich gewesen. Auch von Depressionen oder Burn-out habe sein Sohn nie etwas erzählt. Wenn er das getan hätte, hätte er sofort reagiert, sagte Djalal Rafati. Auch Zwanziger, der seinen Besuch beim Frauen-Länderspiel in Wiesbaden abgesagt hatte und nach Köln geeilt war, stocherte bei möglichen Hintergründen im Dunkeln. „Ich kann es mir eben auch nur so erklären, dass der Druck auf unsere Schiedsrichter aus den unterschiedlichsten Gründen ungeheuer hoch ist und überhaupt in diesem Leistungssport ungeheuer hoch ist“, sagte der DFB-Chef und fügte hinzu: „Es gibt im Leben viele andere liebens- und lebenswerte Facetten. Man darf sich nicht in eine Sache so stark hineinbewegen, dass man zum Schluss in eine ausweglose Situation gerät.“

Ob es die Drucksituation tatsächlich war, die Rafati zu diesem Schritt trieb, blieb unklar. Sicher ist aber, dass der Bankkaufmann iranischer Abstammung seit Jahren in der Kritik stand. Dreimal wurde Rafati, der 2005 sein erstes von 84 Bundesligaspielen leitete, in einer Umfrage des Fachmagazins „Kicker“ unter den Bundesligaprofis zum schlechtesten Schiedsrichter gewählt. „Ich wünsche ihm, dass er diese Krankheit, die er im Moment akut hat, überwindet, dann aber auch die Ursachen beseitigen kann, die ihn dazu veranlassen mussten, eine solche Tat zu begehen“, sagte Ligachef Reinhard Rauball. Auch beim DFB stockte die Karriere. Erst im September dieses Jahres wurde bekannt, dass Rafati von der Liste der deutschen FIFA-Schiedsrichter gestrichen worden war.

So kommt die deutsche Schiedsrichter-Gilde nicht zur Ruhe. Mit dem Wettskandal um Robert Hoyzer begannen die Negativ-Schlagzeilen. Dann folgte der unappetitliche Sex-Skandal um Manfred Amerell und Michael Kempter sowie jüngst der Steuerskandal um mehrere deutsche Schiedsrichter. Parallel dazu wuchs die Kritik von Spielern und Trainern an den deutschen Unparteiischen. Bei der Polizei Köln dauerten am Sonntag die Ermittlungen noch an, wenngleich ein Polizeisprecher betonte, dass nichts auf ein Fremdverschulden deute und von einem Suizidvergehen ausgegangen wird. Anzeichen dafür, so sein Umfeld, habe es nicht gegeben.

Umso mehr lobte Zwanziger die drei Assistenten Patrick Ittrich, Holger Henschel und Frank Willenborg für ihr schnelles Eingreifen. Ihnen komme das entscheidende Verdienst zu, dass Rafati noch lebe. „Sie haben das Notwendige in dieser Situation gemacht, was man tun kann“, sagte Zwanziger, der zugleich mehr Anstand und Respekt im Umgang mit den Schiedsrichtern forderte. „Wenn ich sehe, was in den Stadien hochgehalten wird, was gesagt wird – mit der Sprache fängt es an, mit körperlicher Gewalt geht es weiter“, sagte Zwanziger dem „ZDF-Sportstudio“. Der Selbstmord von Enke im November 2009 habe schon „das Bewusstsein verändert“, wer aber glaube, dass sich alles plötzlich zum Guten gewendet habe, sei „nicht realistisch“, sagte Zwanziger weiter.

Am 10. November 2009 hatte sich der frühere Nationaltorhüter Robert Enke das Leben genommen, als er sich vor einen Zug geworfen hatte. Im Zuge dessen war das Thema psychische Erkrankungen im Fußball ein Stück weit enttabuisiert worden. So waren jüngst unter anderem der frühere Schalke-Trainer Ralf Rangnick und Hannovers Schlussmann Markus Miller mit ihrem Erschöpfungssyndrom an die Öffentlichkeit getreten.

 

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