Sündenfall von Polizei und Presse "Gladbeck": Verfilmung eines Verbrechens und eines Versagens

Am Mittwoch und Donnerstag zeigt das Erste den Zweiteiler "Gladbeck" über das berühmte Geiseldrama, bei dem Polizei und Presse sich mitschuldig machten. Heute, 30 Jahre später, sind die damaligen Ereignisse kaum zu fassen.

 

Zaudernde Polizei, gierige Presse: Das Geiseldrama von Gladbeck gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Nachkriegszeit, bei dem ganz Deutschland 54 Stunden lang dem Totalausfall von Behörden und Medien rat- und tatenlos zuschaute. Am 7. und 8. März (jeweils um 20:15 Uhr im Ersten) wird die Verfilmung eines der unfassbarsten Verbrechen ausgestrahlt, mit anschließender Dokumentation "Das Geiseldrama von Gladbeck - Danach war alles anders" am 8.3. um 21:45 Uhr. Wir erklären, was sich damals tatsächlich zugetragen hat.

Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski waren weder gerissen, noch sonderlich organisiert. Dass ihr Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank derart ausartete, lag auch an einer nicht enden wollenden Reihe von Fehlern beim Polizeieinsatz. Angefangen mit den ersten Einsatzwagen, die direkt vor dem Fenster der Bankfiliale hielten, deutlich sichtbar für die Täter, die sich daraufhin zur Geiselnahme entschlossen.

Um die Geiseln nicht zu gefährden, wählte die Polizei die Strategie des "scheinbar verfolgungsfreien Abzugs": Die Täter konnten sich unbehelligt mit zwei Menschen auf den Weg machen, vorbei an Scharen von Kameras und Reportern. Unterwegs konnten sie sogar Rösners Freundin Marion Löblich zusteigen lassen, ohne von Beamten aufgehalten zu werden. Der Auftakt zu einer tagelangen Odyssee über Bremen, Wuppertal, Köln - kurz schaffen es die Täter bei Oldenzaal sogar über die holländische Grenze. Die Reise endete in einem Kugelhagel auf der A3 bei Bad Honnef, bei der eine Geisel starb - das letzte von drei Opfern des Geiseldramas.

Polizeifehler nicht nur in Gladbeck

Bis es dazu kam, vergingen rund 40 Stunden, in denen die Polizei weitere folgenschwere Fehler begangen hat. Als Rösner und Degowski einen Linienbus kaperten, erfuhren die Beamten die Sachlage - wie der Rest der Nation - über Live-Aufnahmen im TV. Anstatt mit den Tätern in Kontakt zu treten, überwältigten sie Rösners Freundin Löblich, was die Situation vollends eskalieren ließ: Weil die Frist für ihre Freilassung - ebenfalls durch die Presse kommuniziert - verstrich, erschoss Degowski den 15-jährigen Emanuele de Giorgi. Da kein Rettungswagen bereitstand, erlag der Teenager seinen Verletzungen. Zur gleichen Zeit verunglückte der Polizist Ingo Hagen bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zum Einsatzort.

Am Ende, nach mehr als zwei Tagen, wurde aus verfolgungsfreiem Abzug Zugriff um jeden Preis - ein Einsatzfahrzeug rammte das Fluchtauto, doch der Einsatz des Sonderkommandos verlief chaotisch: Mehr als 60 Schüsse treffen das Fluchtauto, mehrere Menschen wurden verletzt, darunter auch die Täter, doch es ist eine weitere Geisel, die im Kugelhagel starb.

Der Sündenfall der Presse

Verblüffend ist aus heutiger Sicht nicht nur das Verhalten der Polizei, sondern auch das der Presse. So unmittelbar nah sollten Reporter einer Kriminalgeschichte nie wieder kommen: Im Rausch der Zeitgeschichte verloren sie kollektiv jeglichen Blick für ihre Grenzen und waren am Ende nicht Zeugen des Verbrechens, sondern dessen Instrumente.

Große Teile des 54-stündigen Dramas waren live im Fernsehen zu sehen. Mitunter mutete das Verbrechen an wie eine bizarre Pressekonferenz, etwa wenn ein Pulk an Journalisten Hans-Jürgen Rösner interviewte, der eine Waffe in der Hand hielt. Eine der Geiseln wurde befragt, während Dieter Degowski ihr eine Waffe an den Hals hielt. Wie sie sich denn gerade so fühle, wollte man damals von Silke Bischoff wissen. "Gut", lautete die Antwort, sie habe nur Angst, dass jemand umgebracht werden würde. Ein Fotograf, der im entscheidenden Moment nicht auf den Ablöser gedrückt hatte, bat Degowski, Bischoff die Waffe doch bitte noch einmal an den Kopf zu halten. Die 18-Jährige starb später bei dem finalen Schusswechsel durch eine Kugel aus Rösners Waffe.

Eingreifen statt beobachten

Die gesamte Branche machte sich damals mitschuldig. Abgesehen davon, dass die Masse an Reportern, stets um das beste Bild bemüht, den Polizeibeamten enorm im Weg war, griffen Journalisten aktiv ins Geschehen ein. Ihre Forderungen diktierten die in der Bank verschanzten Geiselnehmer nicht etwa der Polizei, sondern Reportern, die für ein Interview in der Bank angerufen hatten.

Auch prominente Namen waren damals beteiligt. Frank Plasberg war als Reporter für den Radiosender SWF3 einer derjenigen, die Rösner ein Mikrofon vor die Nase gehalten hatte. Hans Meiser hatte für RTL in der Bankfiliale angerufen, um mit den Geiselnehmern zu sprechen. Der spätere "Bild"-Chefredakteur Udo Röbel stieg ins Fluchtauto ein, um Rösner und Degowski zur Autobahn zu navigieren.

Degowski ist wieder auf freiem Fuß

Dass das Geiseldrama von Gladbeck nun verfilmt wurde, hatte Hans-Jürgen Rösner noch zu verhindern versucht. Während der Dreharbeiten wollte er eine einstweilige Verfügung gegen Kilian Riedhofs Film erwirken - ohne Erfolg. Nun arbeitet er an einer vorzeitigen Entlassung, wie es bei Dieter Degowski bereits geschehen ist: Der heute 61-Jährige ist seit Februar auf freiem Fuß, er gilt als "nachgereift" und "psychisch stabil", wie es im Bereich des Rechtsausschusses hieß. Dass Rösner, bei dem bei seiner Verurteilung eine besondere Schwere der Schuld festgestellt worden war, dies ebenfalls gelingt, gilt als fraglich. Eine Therapie - die Mindestvoraussetzung für eine Haftentlassung - soll er jedenfalls begonnen haben.

Sowohl Polizei als auch Presse, die eine Änderung des Pressekodex vornahmen, die Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens verbietet, haben aus ihren Pannen gelernt. Doch in Zeiten, in denen sich jeder Smartphone-Besitzer zum Dokumentar des Zeitgeschehens machen kann und in denen eine Gaffermentalität Rettungskräften verstärkt die Arbeit erschwert, lohnt es sich allemal, sich ein 30 Jahre altes Verbrechen wieder in Erinnerung zu rufen.

 

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