Suche nach Thermalwasser Dieser Vibro-Truck scannt München nach heißen Quellen

Mit diesen Vibro-Trucks rüttelten sich die Stadtwerke durch die Münchner Straßen. Foto: Stadtwerke München

Heiße Quellen unter der Stadt: Ab Montag suchen Geothermie-Experten nach Thermalwasser in Münchens Untergrund per gigantischer Seismik-Messung. Und das wird ganz schön laut.

 

München - Der weiße Rüttler wiegt 29 Tonnen, ist zehn Meter lang und macht einen Höllenlärm. Und wenn er die Stahlplatte zwischen seinen vier Riesenrädern gegen den Asphalt spreizt, dann bebt die Erde.

„Seismischer Vibrator“ – so nennen Geothermie-Experten die rollenden Riesen-Trucks, die ab Montag fünf Monate lang kreuz und quer durch die ganze Stadt rumoren werden – vor der Haustür von zig hunderttausend Münchnern.
Was die Riesenmaschinen da machen? Sie messen mit Schallwellen das Erdinnere unter Münchens Stadtgebiet aus. Kilometertief und auf einer Fläche von 170 Quadratkilometern von Grasbrunn bis Gräfelfing, von Ottobrunn bis Moosach. Auf der Suche nach kochend heißem Thermalwasser für Münchens Heizungen und sein Warmwasser.

Der Wärmeschatz im Malm

Dahinter steht ein ehrgeiziges Sieben-Millionen-Euro-Projekt der Stadtwerke München (SWM), das der Bund zur Hälfte bezuschusst: Bis 2040 nämlich will München als erste Großstadt in Deutschland ihr Fernwärmenetz, komplett aus erneuerbaren Energien speisen.

Einen Kernbeitrag soll die Geothermie leisten. Und zwar so: Zwei bis drei Kilometer unter der Münchner Schotterebene verläuft eine poröse Kalksteinschicht, der sogenannte Malm. In ihr fließt heißes Thermalwasser – genau wie im niederbayerischen Heilbäderdreieck zwischen Passau und Rottal. Nur mit dem Unterschied, dass dort die Malm-Schicht sehr nah an der Erdoberfläche verläuft (siehe Bilderstrecke). Je tiefer das Wasser aber liegt, desto heißer ist es. Unter München, in rund 2000 bis 3000 Metern Tiefe, sind das 90 bis über 100 Grad Celsius.

Unbekannter Untergrund

Genau dieses riesige heiße Wasserreservoir wollen die SWM über Bohrungen anzapfen und an die Oberfläche holen. Bevor das Thermalwasser wieder zurück in die Tiefe fließt, wird ihm Hitze entzogen und über einen Wärmetauscher an das Wasser in Münchens Fernwärmeleitungen übertragen. Damit lässt sich maximal umweltfreundlich heizen.

Das Problem an der Sache: Während weite Teile Oberbayerns auf der Suche nach Erdöl schon ziemlich genau erkundet worden sind, weiß man über Münchens Untergrund vergleichsweise wenig. SWM-Seismik-Experte Christian Pletl: „Wir wissen, wie tief die Malmschicht liegt, aber wir kennen die Brüche und Unregelmäßigkeiten nicht.“ Die muss man aber lokalisieren können, um die Stellen zu finden, an denen die Thermalwasserschicht am dicksten ist. „Je besser unsere Anzapfstelle lokalisiert ist, desto mehr heißes Wasser können wir fördern.“

Wie wird gemessen?

Die Vibro-Messungen sollen nun ein genaues 3D-Bild des Untergrunds bringen: Jeweils zwölf Sekunden lang senken die Trucks an den Messpunkten ihre Rüttelplatten auf den Erdboden. Der beginnt spürbar zu schwingen, „aber nur so, dass Gebäude, Kanäle und Brücken keinen Schaden nehmen“, sagt SWM-Technik-Chef Stephan Schwarz.

Die Wellen reflektieren im Untergrund wie Echos an den diversen Gesteinsschichten und werden an der Oberfläche von sogenannten Geophonen aufgezeichnet. Ein Computer berechnet schließlich ein dreidimensionales Bild.

Wo fahren die Trucks?

Über das Stadtgebiet haben die Planer ein Raster mit Schnittpunkten alle 500 Meter gelegt. Engmaschig entlang der Rasterlinien (markiert mit Flatterbändern) fahren die Vibro-Trucks systematisch 7587 Messpunkte an – und zwar im Konvoi immer drei Trucks hintereinander. Vorneweg fährt zusätzlich ein Führungs- und hinten ein Absicherungswagen.

Der Konvoi wird in einer Art Schlangenlinie erst die Ostseite der Stadt auf einer Breite von 1,5 Kilometern durchfahren (und zwar aus dem Süden kommend in Richtung Norden), und sich auf die gleiche Weise dann immer weiter gen Westen bewegen.

Start ist am Montag im Münchner Osten im Bereich Keferloh. Mitte Dezember, schätzt SWM-Technik-Chef Stephan Schwarz, dürfte Haidhausen erreicht sein, im Februar dann Nymphenburg und am Ende Obermenzing und Neuried.

Den sehr eng bebauten Stadtbereich innerhalb des Altstadtrings, Schwabing und Bogenhausen lassen die Mess-Experten aus. Auf der Infoseite der Stadtwerke können Anwohner abrufen, wo genau die Vibro-Trucks sich wann befinden.

Wo entstehen neue Anlagen?

Mindestens ein Dutzend perfekte Anzapfpunkte wollen die Experten bei ihrer Schallwellensuche finden, damit bis 2025 (jeweils auf SWM-Grund) fünf neue Geothermieanlagen entstehen.

Bis 2018 wollen die Experten den riesigen Datenschatz ausgewertet haben. Dann starten die Bohrungen, von denen jede an die drei Monate dauern wird.

Am Heizkraftwerk Süd, wo ganz sicher ein Geothermiekraftwerk entstehen soll, könnte es 2018 schon losgehen. Dort bebt dann die Erde wohl noch ein bissl mehr.

Geothermie Freiham: Hier gibt’s bald Öko-Wärme

Wo München Thermalwasser nutzt

♦ Schon 2004 ist in Riem eine Geothermieanlage in Betrieb gegangen. Sie versorgt die Messestadt und Messe mit Wärme. (Tiefe: 3000 Meter)
♦ In Sauerlach wird seit 2013 derart heißes Wasser aus der Tiefe geholt, dass aus dem Dampf Strom erzeugt werden kann. 16 000 Haushalte beziehen aus der Anlage Strom und Fernwärme. (Tiefe: 4200 Meter)
♦ Freiham bohrt seit Ende September. 2000 Meter sind schon geschafft, etwa 300 Meter fehlen noch. Im Dezember hoffen die Experten in der Malmschicht auf 80 Grad heißes Wasser zu stoßen.

 

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