Subunternehmen DHL-Delivery Weniger Lohn: Deutsche Post lagert Paketzusteller aus

Volle Trucks, viele Pakete: Die Arbeit von Paketzustellern ist hart. Jetzt will die Post ihre befristet Beschäftigten in Subunternehmen auslagern. Foto: dpa

Die Deutsche Post DHL will ihre befristet beschäftigen Paketzusteller künftig in ein Subunternehmen auslagern. Dort bekommen sie einen Festvertrag - aber unterm Strich weniger Lohn.

MünchenEs gab Zeiten, da war Michael N. motiviert. Da schob der befristet angestellte Paketzusteller in Aschheim Überstunden, arbeitete hart. Manchmal, wenn besonders viel los war, stapelten sich die Umschläge und Päckchen sogar bis auf den Beifahrersitz. „Ich hab’ gedacht: Das bringt mir was – eine Festanstellung.“ Inzwischen ist er bitter enttäuscht. Denn ab 1. April wird er den lang ersehnten Festvertrag zwar bekommen, leider aber ganz anders als gedacht.

Die Deutsche Post DHL hat ein Subunternehmen gegründet, in das die befristet angestellten Paketzusteller übernommen werden sollen. Das Problem: Unterm Strich verdienen sie dort weniger. Die Gewerkschaft nennt das „Lohndumping im eigenen Haus.“

DHL Delivery GmbH heißen die neu gegründeten Regionalgesellschaften, in der die bislang befristet beschäftigten Zusteller künftig arbeiten sollen. Schaut man ins Handelsregister, sind die neuen Gesellschaften bereits in 46 Städten präsent, in Bayern unter anderem in Augsburg, Nürnberg, Straubing – und eben auch in München und Freising.

Befristete Angestellte werden "bevorzugt eingestellt"

Zusteller, die bislang einen befristeten Vertrag bei der Post AG haben, werden in den Regionalgesellschaften „bevorzugt eingestellt“, heißt es in Mitteilungen des Bonner Konzerns. Dort lockt ein unbefristeter Vollzeitvertrag. Auf den ersten Blick wirkt das sehr positiv. Die Post verkauft es auch entsprechend: „Die neuen Arbeitsplätze werden sichere, unbefristete Jobs in einer Wachstumsbranche sein“, sagt Post-Sprecher Dieter Nawrath. Bundesweit wolle man bis zu 10 000 Stellen schaffen.

Auch Paketzusteller Michael N., der eigentlich anders heißt, hat den Vertrag mit der DHL Delivery vor kurzem unterschrieben. Eigentlich dürfte er sich öffentlich gar nicht äußern, aber sein Frust ist groß. Seit gut zwei Jahren arbeitet der Mitte 30-Jährige in Aschheim bei der Post. Sein befristeter Vertrag läuft Ende März aus. Danach wird er einer der über 240 unbefristeten Neuangestellten der GmbH sein, die das Subunternehmen in München und Freising bereits angeworben hat. Für N. ist das kein Grund, glücklich zu sein.

Für die Beschäftigten der DHL Delivery liegt der Haken im Detail. Bislang galt für die Befristeten bundesweit der Haustarifvertrag: 1970 brutto hieß das im Monat, plus zahlreiche Zulagen. In den neuen Gesellschaften gilt das nicht mehr. Dort werden die Beschäftigten nach den Bestimmungen der Speditions- und Logistikbranche bezahlt. Die Gewerkschaft Verdi hat diese für unterschiedliche Regionen ausgehandelt. Jeweils in verschiedener Höhe. „In Bayern gehen wir von einem Lohnverlust von etwa zehn Prozent aus, in anderen Bundesländern kann es sogar noch mehr sein“, sagt Edwin Then von der Gewerkschaft DPVKomm. „Unterm Strich gehen den bayerischen Beschäftigten rund 1000 Euro netto pro Jahr verloren.“

Und das, obwohl sich weder an ihrer Tätigkeit, noch an ihrer Arbeitsbelastung etwas ändert. Am Grundlohn liegt die Kürzung ebenfalls nicht: Der steigt in Bayern von 1970 Euro brutto auf die von Verdi ausgehandelten 2067 Euro. Das Urlaubsgeld steigt ebenfalls von pauschal 332,34 Euro auf pauschal 17 Euro pro Urlaubstag. Auch hier klingt auf den ersten Blick alles positiv.

Gekürzt wird beim Weihnachtsgeld

Gekürzt wird an anderer Stelle. „In der Post AG gab es Leistungsprämien bis zu 2500 Euro brutto im Jahr. In der GmbH sind nur noch maximal 650 Euro möglich“, kritisiert Then. Ein weiterer Punkt ist das Weihnachtsgeld: In den Regionalgesellschaften gibt es nicht wie bei der Post AG ein 13. Monatsgehalt. Das Weihnachtsgeld ist gestaffelt: Einsteiger bekommen 204 Euro, maximal gibt es 807 Euro – aber erst ab dem 10. Arbeitsjahr.

Michael N. hat sich schon ausgerechnet, dass für ihn künftig ein Minus beim Gehalt rauskommen wird. Für den Zusteller ist der neue Vertrag „ein Schlag ins Gesicht.“ Doch er weiß: Hätte er nicht unterschrieben, wäre er Ende des Monats ohne Arbeit dagestanden. Zähneknirschend hat er deshalb doch unterzeichnet.

„Für andere ist es noch schlimmer“, erzählt er. Viele seiner älteren, befristet beschäftigten Kollegen, die seit Jahren dieselben Routen fahren, würden in den Regionalgesellschaften zu so genannten „Springern“, Mitarbeiter, die immer wieder andere Gebiete beliefern. Der gute Kontakt zu den Kunden, den die Zusteller jahrelang aufgebaut hätten: plötzlich wertlos.

Bei der Post hält man die DHL Delivery-Lösung trotz der Kritik für eine gute Sache. Den Vorwurf der Gewerkschaft, Tarifflucht im eigenen Haus zu begehen, weist Post-Sprecher Nawrath weit von sich: In den neuen Gesellschaften werde nach Verdi-Tarif gezahlt. „Wo sollte hier ,Tarifflucht’ vorliegen?“, fragt Nawrath.

Post: Wir haben einen Wettbewerbsnachteil

Andererseits: Dass die Post die Löhne „anpassen“ will, gibt sie offen zu. „Wir haben seit Jahren einen signifikanten Wettbewerbsnachteil, weil die Löhne bei uns doppelt so hoch sind wie beim Wettbewerb“, sagt der Post-Sprecher. Der Haustarifvertrag der Post stamme in seinen Strukturen noch aus Zeiten, in denen die Post eine Behörde war.

Gewerkschafter Then geht bei diesem Argument nicht mit: „Die Post macht Milliardengewinne.“ Für 2015 peilt der Konzern an, den operativen Gewinn auf bis zu 3,2 Milliarden Euro zu steigern. Gerade hat das Unternehmen angekündigt, die Dividende von 0,80 auf 0,85 Euro zu erhöhen.

Michael N. ärgert auch das. Die Aktionäre verdienten dazu, während die Beschäftigten zurück stecken müssten: „Dabei erwirtschaften wir ja den Gewinn.“ Doch sein Ärger weicht der Resignation. Er weiß nicht, was man gegen die Post-Pläne tun könnte. „Wir sind eben nur das kleine Rad am Wagen.“

So sieht es bei anderen Zustellen aus

GLS: Im Vergleich zur Konkurrenz steht die Post DHL sogar noch gut dar. Bekanntes Beispiel für besonders harte Bedingungen ist GLS. Das zur „Royal Mail“ gehörende Unternehmen hat den Branchentarifvertrag nicht unterzeichnet. Es beschäftigt keinen einzigen eigenen Zusteller, Pakete werden nur von Subunternehmern ausgeliefert. Die zahlen offiziell den Mindestlohn von 8,50 Euro, Insider berichten jedoch von Stundenlöhnen unter 5 Euro. Dazu kommen harte und lange Arbeitstage, die teilweise bis zu 14 Stunden dauern können.

DPD: Auch die „Dynamic Parcel Distribution“ arbeitet nur mit Subunternehmern. Diese werden pro Paketlieferung bezahlt. Der Stückpreis wird nach Faktoren wie Gebietsgröße und Zeitaufwand berechnet. Den Zusteller, die bei den Subunternehmern beschäftigt sind, müsste der Mindestlohn gezahlt werden. Ob das in der Praxis so ist, wird von Gewerkschaften bezweifelt. Allerdings hat DPD nach kritischen Medienberichten angekündigt, Subunternehmer künftig besser zu prüfen.

Hermes: Das zur Otto Group gehörende Unternehmen lässt rund 90 Prozent seiner Pakete von Subunternehmern ausliefern, die Hermes prüfen lässt. Die Prüfer würden aber teilweise ausgetrickst, heißt es in der Dezember-Ausgabe von Stiftung Warentest. „Wir streben Löhne von mindersten 1300 brutto an“, heißt es bei Hermes. In einer vom Konzern selbst durchgeführten Umfrage bewerteten die Zusteller ihre Zufriedenheit 2013 trotzdem nur mit der Schulnote 3,7.

UPS: Das amerikanische Unternehmen lässt bis zu 70 Prozent der Pakete von eigenen Zustellern ausliefern, die ab 11,91 Euro pro Stunde verdienen. Der Rest sind Subunternehmer, für die der Tarif nicht gilt.

 

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