Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Populismus und Extremismus: Wie rechts ist die Mitte?

Eine Demonstration der sogenannten Identiären Bewegung, einer neurechten Strömung. Ideologien solcher Organisationen finden mehr Anklag in der gesellschaftlichen Mitte, zeigt eine neue Studie. Foto: Paul Zinken/dpa

Mit dieser Frage beschäftigt sich eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es geht um gesellschaftliche Stabilität. 

 

München - Extreme Meinungen ausgleichen, die Demokratie stärken – dafür ist die gesellschaftliche Mitte da. Doch eine neue Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zeigt: Rechtspopulistisches, demokratiefernes und menschenfeindliches Gedankengut sind auch hier angekommen. Immerhin: Ein Großteil spricht sich für Demokratie und Gleichheit aus, wie die Zahlen der Mitte-Studie zeigen.

Neue Mitte-Studie: Nicht nur beunruhigende Ergebnisse

So halten es 86 Prozent der Befragten für unerlässlich, dass Deutschland demokratisch regiert wird, 93 Prozent sind der Ansicht, dass Würde und Gleichheit an erster Stelle stehen sollten.

Auch Sexismus und Feindlichkeit gegen Homosexuelle sind laut der Studie zurückgegangen. Dennoch gibt es Entwicklungen, die beunruhigend sind. Die AZ stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Befragt wurden 1.890 repräsentativ ausgewählte Personen zwischen 18 und 97 Jahren am Telefon im Zeitraum von September 2018 bis Februar 2019. Altersdurchschnitt: 51,4 Jahre.

Ergebnis I: Asylsuchende wertet jeder Zweite ab

Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt: Jede zweite befragte Person neigt zur Abwertung von Asylsuchenden.

Dieser Wert hat sich laut FES im Vergleich zu 2016 sogar noch erhöht, obwohl die Zahl der Asylsuchenden zurückgeht. 26 Prozent der Teilnehmer werteten Sinti und Roma ab, 19 Prozent hatten eine allgemein fremdenfeindliche Einstellung, ebenso viele eine muslimfeindliche.

Klassischer Antisemitismus ist bei sechs Prozent verbreitet – der Wert ist über die Jahre stabil. "Modernen" Formen des Antisemitismus, die sich auf Israel beziehen, stimmten 24 Prozent zu. "Wenn menschenfeindliche Vorurteile, rechtspopulistische wie rechtsextreme oder neurechte Einstellungen verbreitet sind, dann erleidet die Mitte der Gesellschaft Verluste und die Demokratie wird instabil", sagt Prof. Dr. Andreas Zick, Direktor des Instituts in Bielefeld, das die Studie durchgeführt hat.

Ergebnis II: Populismus ist verbreiteter als Extremismus

Nur zwei bis drei Prozent der von der Friedrich-Ebert-Stifung (FES) Befragten äußern sich klar rechtsextrem.

Dennoch stimmten etwa 17 Prozent der Aussage zu: "Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht." Und knapp acht Prozent waren der Ansicht: "Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen".

Weiter verbreitet sind "weichere" rechtspopulistische Einstellungen: Laut FES neigt jede fünfte befragte Person ganz deutlich dazu, bei 42 Prozent ließen sich Tendenzen feststellen.

Der Wert habe seit 2014 zwar nicht zugenommen. Rechtspopulistische Einstellungen seien aber stabil und dadurch in der Mitte normaler geworden. Erfasst wurde auch, dass AfD-Wähler deutlich häufiger menschenfeindliche Einstellungen äußerten.

Beunruhigend ist, dass laut der Studie auch Jüngere – bisher liberaler eingestellt als Ältere – bei einigen Abwertungen und rechtsextremen Einstellungen nachziehen, etwa bei Fremdenfeindlichkeit.

Ergebnis III: Viele glauben an Verschwörungstheorien

Erstmals hat die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung auch die Zustimmung zu beziehungsweise die Ablehnung von Verschwörungstheorien erfasst.

Das Ergebnis: Diese finden teils sehr hohen Zuspruch. Laut FES meinen 46 Prozent der Befragten, es gäbe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben.

Nahezu jeder Vierte glaubt, dass Politik und Medien unter einer Decke stecken und sogar jeder Zweite gab an, den eigenen Gefühlen mehr zu vertrauen als Experten. Wer an Verschwörungsmythen glaubt, zeigte sich auch misstrauischer gegenüber dem politischen System und war tendenziell gewaltbereiter.

Zudem ist fast ein Drittel der Meinung, dass die Demokratie eher zu faulen Kompromissen führt als zu sachgerechten Entscheidungen. Oftmals widersprechen sich die Antworten: So befürwortet zwar ein Großteil die Werte des Grundgesetzes (siehe oben), gleichzeitig ist aber mehr als ein Drittel gegen die Idee gleicher Rechte für alle. "Ein Teil der Bevölkerung wird den eigenen Werten nicht gerecht", sagt Wilhelm Berghahn von der Universität Bielefeld, welche die Studie durchgeführt hat.

Über ein Drittel fühlt sich von der Politik nicht vertreten und nimmt sich als politisch machtlos wahr. Im Osten Deutschlands fühlen sich die Menschen laut FES politisch machtloser als im Westen, das Vertrauen in die Demokratie ist geringer.

Auch die Wut auf die Zuwanderung ist im Osten (52 Prozent) höher als im Westen (44 Prozent).

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