Stress in der Grundschule Großer Druck schon auf die Kleinsten

Nach einer neuen Studie des Kinderschutzbundes leiden immer mehr Kinder im Grundschulalter unter Stress und Leistungsdruck. Warum oft die Eltern und das Schulsystem eine Mitschuld tragen 

 

München Sie ist gerade mal acht Jahre alt. Sie ist verspielt, schmust gerne mit ihrem Kuscheltier. Die Schule – sie geht in die zweite Klasse einer Münchner Grundschule – besucht sie gerne: Eine nette Lehrerin und das spielerische Lernen taugen ihr. Doch jetzt sitzt Sofie (Name von der Red. geändert) mit Bauchweh und weinend vor einem Schulpsychologen. Denn das Mädchen mit dem blonden Lockenkopf steht unter Druck.

Ihre Eltern machen ihm immer wieder deutlich: „Dein Bruder hat es schon nicht erreicht, jetzt musst Du das Gymnasium schaffen!“ Sofie ist kein Einzelfall. Immer mehr Kinder schon im Grundschulalter leiden unter Leistungsdruck und Stress. Das geht aus Zahlen hervor, die der Deutsche Kinderschutzbund gestern vorgestellt hat. Ein Drittel der Zweit- und Drittklässler kennt nach dieser repräsentativen Umfrage Stress in der Grundschule. Danach ist die Schule für die Kinder fast bundesweit der meistgenannte Stressfaktor, noch vor „Ärger und Streit“ und Auslösern in der Familie. Bereits ein Viertel der Zweit- und Drittklässler fühlt sich oft oder sogar sehr oft gestresst.

„Bemerkenswert ist, dass Kinder in der dritten Klasse doppelt so häufig den Erfolgsdruck als Stress empfinden wie noch die Zweitklässler“, sagt Friedhelm Güthoff, Geschäftsführer vom Deutschen Kinderschutzbund. Dies seien bereits die „Vorwehen“ der bevorstehenden Wahl der weiterführenden Schule, kritisierte er.

Eine Münchner Expertin bestätigt die Studie

Die Beobachtungen, die von den Verfassern der Studie gemacht wurden, kann auch die Münchnerin Ortrud Essling aus ihrer Praxis bestätigen. Sie arbeitet an der Schulpsychologischen Beratungsstelle des Staatlichen Schulamtes. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie alle Hände voll zu tun, um verzweifelte Eltern und ihre gestressten Kinder zu betreuen. Und es werden immer mehr Hilfesuchende.

Meistens sind es, so Ortrud Essling, die Eltern, die den meisten Druck auf ihren Nachwuchs ausüben. Der sitzt dann mit psychosomatischen Beschwerden in der Sprechstunde: „Die sitzen hier und fühlen sich schuldig: Die Mama hat doch so viel mit mir geübt und jetzt habe ich es wieder nicht geschafft. Ich möchte nicht, dass sie traurig ist.“ Immer stärker werde der Zwang, es aufs Gymnasium schaffen zu müssen. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Bestimmte Stadtteile fallen besonders auf

Ortrud Essling: „Da ist zum Beispiel der Sozialstatus der Eltern. Wenn sie selbst Akademiker sind, kommt für ihre Söhne oder ihre Töchter natürlich die Realschule oder gar die Mittelschule überhaupt nicht in Frage.“ In München am stärksten ausgeprägt ist der Drang aufs Gymnasium an den Grundschulen in Stadtvierteln wie – wen wundert’s – Bogenhausen, Obermenzing und Lehel. Dort geht ein sehr hoher Prozentsatz aller Grundschulkinder nach der vierten Klasse aufs Gymnasium. Ein Ziel, das seine Eltern auch für Benno (9, Name geändert) bestimmt haben.

Doch die Noten des Buben lassen jetzt, in der entscheidenden vierten Klasse, zu wünschen übrig. Vorher war er ein guter Schüler. Trotzdem vermuten die Eltern, dass ihr Kind an einer Legasthenie oder anderen Lernschwäche leidet. Benno landet in der Beratungsstelle bei Ortrud Essling. Benno ist verschüchtert und zögerlich, erzählt, dass er tatsächlich plötzlich viele Fehler in den Proben gehabt habe. Weinend fragt er die Beraterin: „Mit mir ist doch alles in Ordnung?“ Ortrud Essling hat zunächst keine Erklärung für den Leistungsabfall. Dann macht sie mehrere Tests – Benno löst sie alle fehlerfrei. Schließlich stellt sich heraus: Bennos Stress ist Eltern-gemacht. Diese haben Angst, dass er ohne Gymnasialabschluss keinen Beruf findet, verlangen von ihm Noten, die zum Übertritt ausreichen. Auch viele andere Eltern projizieren ihre eigenen Ängste auf ihre Kinder: „Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist viel verbreiteter als früher. Eltern wollen alles tun, um ihren Kindern diese vermeintlich zu ersparen, in dem sie Tochter oder Sohn aufs Gymnasium schicken.“

Es gibt auch Alternativen zum Gymnasium

Die Hilfe für Kinder wie Sofie, Benno und Co. besteht meistens darin, ihnen aufzuzeigen, dass es Alternativen gibt, dass von der Realschule und auch von der Mittelschule aus gute Schulkarrieren gestartet werden können – entweder direkt aufs Gymnasium oder auf die Fachoberschule, die ebenfalls den Weg an die Uni ermöglicht. Über die Übertrittsmöglichkeiten hat der bayerische Elternverband eine ganz andere Meinung. Deren Vorsitzende Ursula Walther zur AZ: „Die gibt es zwar theoretisch, aber in der Praxis sind die Hürden auf eine andere Schule überzutreten, viel zu hoch.“

Bayern sei, neben Sachsen, das Bundesland, das die Messlatte am höchsten legt – und eines von nur noch vier Ländern, in denen der Übertritt von Noten abhängig ist. Walther: „Doch Noten sagen nichts über den wahren Leistungsstand.“ Unter diesen Umständen sei es verständlich, dass Eltern nicht auf die späteren Übertrittsmöglichkeiten vertrauen, sondern alles daran setzten, dass ihre Kinder direkt ins Gymnasium gehen: „Das hält für später die meisten Optionen offen.“ Das „verrückte bayerische Schulsystem“ trage die meiste Verantwortung für den Leistungsdruck, der schon Grundschüler unter Stress setzt. Allerdings gebe es auch Lehrer und Eltern, die mehr Druck als nötig erzeugen. Die von Ortrud Essling beobachteten psychosomatischen Erkrankungen bestätigen sich auch in der Umfrage des Kinderschutzbundes. Die häufigsten sind Bauch- oder Kopfschmerzen. Oft treten in Folge von Stress außerdem Symptome wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Gereiztheit auf. Auch eine verringerte Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen, kann laut Professor Michael Schulte-Markwort von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, damit in Zusammenhang stehen. Steht man unter Druck, produziert der Körper nämlich die Stresshormone Adrenalin und Cortisol. Gönnt man dem Organismus nicht die Zeit, diese abzubauen, macht das den Körper krank. Neben körperlichen Symptomen sind es auch psychische Krankheiten, die der Schul- und Freizeitstress der Kinder produziert. Das Bauchweh und die Tränen der kleinen Sofie sind also kein Einzelfall.

 

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