Stolperstein verlegt Das organisierte Morden in Haar

Zur Erinnerung an einen Ermordeten: Der Künstler Gunter Demnig verlegt den Stolperstein in der Von-der-Tann-Straße. Foto: Daniel von Loeper

Ein Stolperstein in der Von-der-Tann-Straße erinnert jetzt an Max Sax: Er ist eines von 300.000 Opfern der Nazi-Euthanasie. Die unfassbare Geschichte...

Maxvorstadt - Max Sax war 70 Jahre alt und „unheilbar krank“, als ihn Ärzte der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, der Vorgängerklinik des heutigen Krankenhauses Haar, am 30. Juli 1943 vorsätzlich verhungern ließen. Schon am 1. November 1939 hatte sich der Direktor der Eglfinger Anstalt, der Psychiater und Neurologe Hermann Pfannmüller, in einem Brief an die Regierung von Oberbayern erboten, „dass wir Ärzte hinsichtlich ärztlicher Betreuung lebensunwerten Lebens auch die letzte Konsequenz im Sinne der Ausmerze ziehen“. Der auch als NS-Gauredner auftretende Medizin- und Geschäftsmann fühlte sich einfach „verpflichtet, wirkliche Sparmaßnahmen aufzuzeigen“.

Gestern ist in der Von-der-Tann-Straße (Maxvorstadt), wo Max Sax gewohnt hatte, ein Stolperstein verlegt worden. Es ist der erste von bisher 46000 in ganz Europa verlegten Stolpersteinen, der an die Opfer der von den Nationalsozialisten angeordneten Art von „Euthanasie“ erinnert. Bisher hat eine private Initiative derartige Bodenplatten ausschließlich zum Gedenken an jüdische Opfer, einige auch an Zeugen Jehovas und an Homosexuelle vor deren einstigen Wohnstätten ins Straßenpflaster eingefügt.

In München allerdings nur auf privatem Grund. Über die oft beklagte Zurückhaltung der Stadtverwaltung soll im September im Stadtrat diskutiert werden. Die Geschichte der Nazi-Euthanasie ist zwar im Großen und Ganzen dokumentiert, es fehlen aber noch viele Details. An der Aufklärung und Aufarbeitung dieser massenhaft und systematisch betriebenen Morde beteiligt ist vor allem der frühere Kaufbeurer Anstaltsleiter Professor Michael von Cranach, Leiter der Arbeitsgruppe „Psychiatrie und Fürsorge im Nationalsozialismus“. Forschungsarbeit betreibt auch das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der TU München.

Am 18. Januar 1940 verließ auf einem eigens und eilends verlegten Versorgungsgleis ein Zug der Reichsbahn den Vorort Haar. Er brachte 25 psychisch kranke oder geistig behinderte Männer nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, wo die Nazis eine geheime und zentrale Tötungsanstalt unterhielten. Zwei Tage später folgte ein Waggon mit 20 Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar.

Es handelte sich um die ersten Opfer einer „Aktion T4“ – eine Tarnbezeichnung für den geplanten Massenmord. Bei diesem systematischen Staatsverbrechen sind im Deutschen Reich – in eigens installierten Gaskammern, in so genannten Hungerhäusern, in so genannten Kinderfachabteilungen von psychiatrischen Anstalten – etwa 300000 Menschen grausam zu Tode gebracht worden. Der Medizinhistoriker Gerrit Hohendorf nannte diese fürchterliche Zahl 2013 bei einer Rede auf dem Marienplatz in München. Auch mindestens 3000 Bürgerinnen und Bürger der Stadt, wo das Schreckensdrama uraufgeführt wurde, zählten zu den Opfern.

Die systematisch betriebene „Ausmerze der nutzlosen Esser“ begann mit einem Führererlass. Und sie verlief ebenso bürokratisch wie später der Massenmord an den Juden, als dessen „Probelauf“ die Aktion T4 von Historikern bezeichnet wurde. Auf Meldebögen mussten die Anstaltsleiter zunächst alle Pfleglinge mit „Erbkrankheiten“ registrieren, darüber hinaus auch Alkoholabhängige und Schwachsinnige.

Die fatale Entscheidung traf der Anstaltsleiter. In Haar war es der Neurologe Professor Hermann Pfannmüller. Nach Gutdünken und Gesinnung malte er infamerweise ein rotes Kreuz auf den Meldebogen. Es bedeutete den Abtransport in die für den „Gnadentod“ vorgesehenen Zentren – und in der Regel den Tod. Behinderte mit „eingeschränkter Arbeitsleistung“ und nicht arische Patienten hatten keine Chance.

Auf diese Weise wurden über 2400 Pfleglinge von oder über Haar deportiert. Das dokumentiert heute dort ein kleines Museum, wo auch Erinnerungen an einige berühmte Patienten ausgestellt sind (etwa das Krankenblatt, das dem kriegsmüden, simulierenden Soldaten Oskar Maria Graf im April 1916 eine „Hysterie“ attestierte). Der Tod durch Ersticken erfolgte in der Regel durch Kohlenmonoxid. Die Leichen wurden vor Ort verbrannt. Den Angehörigen wurde Ableben durch Lungenentzündung und dergleichen vorgegaukelt.

Haar diente obendrein als Drehscheibe. Professor Walther Schultze und Regierungsrat Max Gaum vom Bayerischen Innenministerium organisierten – wie das TU-Institut ermittelt hat – die Verlegung eines Großteils der Bewohner der kirchlichen Heilerziehungs- und Pflegeheime. Über 500 Pfleglinge wurden allein aus Schönbrunn im Dachauer Moos abtransportiert, nur 293 überlebten. In der „Associationsanstalt“ einer klösterlichen Tuberkuloseklinik waren behinderte Kinder untergebracht.

Meist fuhren die Abholer mit den geisterhaften grauen Bussen vor, wenn die Franziskanerinnen beim Frühgebet waren. Manchmal rissen sich Kinder los und klammerten sich in Todesangst an ihre Betreuerinnen, wie eine von ihnen später schaudernd berichtete. Im Herbst 1941 wurden „Kinderfachabteilungen“ in Eglfing-Haar eingerichtet; hier wurden 330 Kinder und Jugendliche ermordet, meist durch hohe Dosen Luminal in Breiform. Nachgeholfen wurde notfalls mit Schlafmitteln.

Eine weitere Anregung kam wieder aus Bayern. Auf einer Konferenz im Münchner Innenministerium am 17. November 1942 erfand und empfahl der Direktor der Anstalt Kaufbeuren, dessen Nachfolger von Cramer heute der führende Kopf bei der Aufklärung ist, eine fürchterliche Methode: „Wir geben ihnen kein Fett, dann gehen sie von selbst.“ In abscheulicher Logik wurden nun in Eglfing-Haar zwei Pavillons in „Hungerhäuser“ umfunktioniert.

Dort kamen dann weitere 440 Menschen ums Leben – darunter Max Sax. Allein der Anstaltsleiter Pfannmüller soll in Haar 1119 „Geisteskranke“ als lebensunwert beurteilt und Tausende von weiteren Tötungen empfohlen haben; vielen Kindern in den „Fachabteilungen“ gab er selber die Morphinspritze.

Er wurde 1961 vom Schwurgericht München zu fünf Jahren Haft verurteilt, doch war die Strafe großenteils durch Internierung und Untersuchungshaft abgegolten. Der Mann starb zehn Jahre später. Die Anstalt führt heute den Namen „Isar-Amper-Klinikum München-Ost“ und betreut jährlich etwa 15000 Patienten. Nachweislich neun Kranke hat der in Schönbrunn tätige Tbc-Arzt Hans-Joachim Sewering mit Diagnosen wie „Unruhe“ oder „störendes Verhalten“ nach Haar geschickt, vier der Frauen wurden umgebracht.

Nach dem Krieg machte Sewering, früher SS- und NSDAP-Kämpe und dann aktives CSU-Mitglied, eine steile Karriere: Leiter einer Gemeinschaftspraxis und eines Fachkrankenhauses in Dachau, Honorarprofessor für Sozialmedizin, Mitglied des Bayerischen Senats, Präsident der Bundesärztekammer. Erst als er 1973 gar noch für die Präsidentschaft des Weltärzteverbandes kandidierte, kam seine Verstrickung in das NS-Euthanasieprogramm ans Licht. Er starb im Juli 2010.

Der erste kleine Stolperstein, die Tafel in Schönbrunn, der Gedenkstein in Haar sollen nicht alles gewesen sein, was in Bayern an die vergessenen Opfer und die Täter gemahnt. So wünschen die Mitarbeiter des Forschungsprojektes, dass die vollen Namen aller ermordeten Münchner Bürger in einem gedruckten und öffentlich zugänglichen Gedenkbuch genannt werden dürfen. Doch da ist noch die Bürokratie vor; sie bemüht vorerst das Archivrecht und den Datenschutz.

 

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