Stephan Braunfels über das Haus der Kunst "So gut wird in München schon lange nicht mehr gebaut"

Das Haus der Kunst in der Prinzregentenstraße. Foto: dpa

Stephan Braunfels über den Umgang mit NS-Architektur in München und über den Umbau des Hauses der Kunst

MÜNCHEN - Es ist immer noch eines der umstrittensten Gebäude Münchens. Seit der britische Architekt David Chipperfield vorschlug, den einstigen Nazi-Kunsttempel in den Originalzustand von 1937 zurückzuversetzen, ist ein Streit darüber entbrannt, wie man mit dem historisch belasteten Ausstellungsklotz am Englischen Garten umgehen soll. Wir haben Stephan Braunfels um seine Meinung gefragt – schließlich wollte er das Haus der Kunst einmal in die Luft sprengen lassen.

AZ: Herr Braunfels, ist Dynamit für Sie immer noch eine mögliche Lösung der Probleme, die viele Leute nach wie vor mit dem Haus der Kunst haben?

STEPHAN BRAUNFELS: Wissen Sie, als ich 1989/90 vorschlug, das Haus der Kunst zu sprengen, war das provokativ gemeint. Ich hätte nicht geahnt, dass sich daraus eine große Debatte entwickelt.

Im Haus der Kunst war jahrelang in einer Endlosschleife ein Beitrag des BR-Magazins „Capriccio“ zu sehen gewesen, in dem die Sprengung überaus realistisch simuliert worden war…

Ich habe das selbst oft gesehen und mich gefreut. Aber lassen Sie mich kurz die Hintergründe erläutern. Zur Jahreswende 1989/1990 wurde intensiv darüber diskutiert, wie München endlich zu einem neuen Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts kommen könnte. Weil man keinen geeigneten Bauplatz für einen Neubau hatte, wollte man das Haus der Kunst erweitern, so ähnlich wie es während der Olympiade der Architekt Paolo Nestler, der damals an der Münchner Kunstakademie lehrte, mit seinem temporären Stahl- und Glas-Anbau auf der Rückseite des Hauses gemacht hatte.

Das fanden Sie nicht gut.

Ich sagte dann, bevor man das Haus der Kunst umbaut, solle man es doch lieber sprengen und an seiner Stelle ein ganz neues Museum errichten. Offenbar kam dann die Bayerische Staatsregierung noch mal ins Grübeln und stoppte schließlich die Pläne der Münchner Universitäten zu mehreren Institutsneubauten auf dem Gelände der früheren Türkenkaserne. Dass ich dort später die Pinakothek der Moderne realisieren konnte, war eine Ironie der Geschichte.

Was halten Sie von den Plänen Ihres britischen Kollegen Sir David Chipperfield, das Haus der Kunst wieder freizustellen und innen wie außen an den Originalzustand von 1937 anzunähern?

Das finde ich absolut richtig. Wissen Sie, Paul Ludwig Troost war ein guter Architekt, ganz im Gegensatz zu Speer. Speer hatte kein Proportionsgefühl, der baute wirklich gigantomanisch ohne Bezug zum Menschen, was ja auch ideologische Gründe hatte. Troost ist damit überhaupt nicht zu vergleichen. Das Haus der Kunst wie auch das heutige Gebäude der Musikhochschule und der Staatlichen Graphischen Sammlung am Königsplatz sind großartige Architektur. So gut wird in München schon lange nicht mehr gebaut.

Ist das nicht etwas viel Ehre für einen Nazi-Baumeister?

Kein Geringerer als Joseph Beuys hat mal gesagt, das Haus der Kunst sei weltweit das beste Ausstellungsgebäude, das er kenne. Damit hat er es sozusagen heiliggesprochen.

Also keine Sprengung mehr?

Nachdem Beuys seinen berühmten Satz geprägt hatte, habe ich mich eingehender mit Nazi-Architektur beschäftigt. Und ich habe meine Meinung dazu geändert. Klar, der Ungeist der Nazizeit bleibt ein Ungeist. Das darf man nicht verdrängen, damit muss man sich beschäftigen. Ich bin aber am Ende immer dagegen, schlechte Nazi-Architektur vielleicht nicht abzureißen, weil sie ein Geschichtsdokument ist und gleichzeitig gute Architektur aus dieser Epoche an den Pranger zu stellen. Für mich gibt es nur gute und schlechte Architektur.

Chipperfield will die Bäume vor und hinter dem Haus der Kunst fällen und das Gebäude nach allen Seiten wieder sichtbar machen. Da werden nicht nur Umweltschützer auf die Barrikaden gehen…

Wenn man in München nicht mehr weiter weiß, pflanzt man immer Bäume. Da kann man auch mal welche fällen. Um dem Baumschutz zu genügen, lassen sich sicher Ersatzpflanzungen im Englischen Garten realisieren.

Und dann will er die große Freitreppe zur Prinzregentenstraße wiederherstellen.

Hitler hatte aus der Prinzregentenstraße, die ja mal eine der vier Königsachsen war, eine Aufmarschallee gemacht. Nach dem Krieg setzte man diese Zerstörung durch den Bau des Altstadtringtunnels unter der Ludwigstraße fort. Für die östliche Tunneleinfahrt musste die Treppe vor dem Haus der Kunst abgerissen werden, was den Gesamteindruck völlig veränderte. Um das zu verdecken, wurden dann Bäume gepflanzt. Diese Sünde sollte man in der Tat wieder rückgängig machen.

Aber der Tunnel wird nicht so schnell verschwinden…

Ich wäre mir da nicht so sicher, denn der Tunnel hat ja eigentlich keine wichtige Funktion, außer dass man dort unten auf sechs Spuren mal kurz Gas geben kann. Ich würde ihn aber nicht zuschütten, sondern zur größten Tiefgarage Münchens umbauen. Dann würde man auch das Prinz-Carl-Palais wiedergewinnen, das heute praktisch über dem Tunnel schwebt. Eine Schande.

Was hielten Sie von immer mal wieder geforderten architektonischen Interventionen in das Haus der Kunst, um die historischen Brüche sichtbar zu machen?

Daniel Libeskind ist das ja mit seinem dekonstruktivistischen Einbau im Dresdner Militärhistorischen Museum grandios gelungen. Einmal kann so etwas funktionieren, aber ein zweites Mal schon nicht mehr. Wie ein Witz, den man mehrmals erzählt und über den niemand mehr lachen kann.

Also ist auch in Ihren Augen die Zeit reif dafür, das Haus der Kunst, wie Chipperfield und Museumschef Okwui Enwezor sagen, den Münchnern zurückzugeben?

Absolut. Es ist durch seine Jahrzehnte lange Nutzung als Hort der modernen Kunst ja längst entnazifiziert.

Gibt es in München ein Gebäude aus der Nazizeit, das Ihnen nicht gefällt und dass sie vielleicht wirklich gerne sprengen oder abreißen würden?

Gibt es – das Landwirtschaftsministerium am Odeonsplatz. Dort standen früher mehrere wohlproportionierte Klenze-Palais, bis die Nazis dort ihr Zentralministerium errichteten. Das sprengt völlig den Maßstab der Ludwigstraße. Weg damit!

Und was sollte dort gebaut werden?

Der neue Konzertsaal…

Mein Gott, dieses Fass wollen Sie jetzt wieder öffnen?

Warum nicht? Ich glaube zwar, dass man auf dem früheren Pfanni-Gelände hinter dem Ostbahnhof den besten Konzertsaal der Welt bauen könnte. Aber der Standort ist für mich der schlechteste der Welt. Ein Konzertsaal an der Peripherie funktioniert nicht, wie man jetzt in Paris sehen kann. Eine Schnapsidee.

 

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