Start der Vierschanzentournee Sven Hannawald: "Kobayashi springt wie ich"

Verfolgt die Vierschanzentournee für Eurosport: Sven Hannawald. Foto: dpa

Zum Start der Vierschanzentournee spricht Sven Hannawald in der AZ über die Favoriten, die deutschen Springer und seine eigene Zukunft: "Ich kann mir eine Funktion wie Bierhoff vorstellen."

 

AZ-Interview mit Sven Hannawald. Der 44-Jährige ist einer der erfolgreichsten deutschen Skispringer der Historie. 2001/02 gewann er als Erster die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben. Die Tournee begleitet er als Experte
für Eurosport.

AZ: Herr Hannawald, Skispringer und Experten sind ja traditionell nach Weihnachten stark gefordert, wenn die Vierschanzentournee beginnt. Wie haben Sie die Feiertage verbracht?
SVEN HANNAWALD: Wir waren wie in den vergangenen beiden Jahren mit dem Kleinen (Sohn Glen wurde im Februar 2017 geboren, d.Red.) bei den Eltern meiner Frau Melissa in Nordrhein-Westfalen. Gestern bin ich dann zurückgeflogen, Melissa ist mit Glen bei ihren Eltern geblieben. Im nächsten Jahr wird sowieso alles anders, weil dann unser Haus fertig ist und unsere Eltern uns besuchen kommen.

Sie bauen in Gauting. Warum haben Sie sich für den Großraum München entschieden?
Das ist wie ein kleines Paradies für uns. Ich bin schnell in München, aber auch am Starnberger See. Auch die Zentrale des Deutschen Skiverbandes in Planegg wäre übrigens gleich in der Nähe. Früher war ich ein bisschen gebrandmarkt von Großstädten – meine Zeit in Berlin hatte mich total überrollt –, ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass der Spruch vom Millionendorf in München irgendwie zutrifft. Und die Nähe zu den Bergen hat mir in Berlin total gefehlt.

Sie haben kürzlich Ihren Vertrag bei Eurosport um vier Jahre verlängert. Wie sieht Ihr Leben im Sommer aus?
Das ist das Schöne an dieser Tätigkeit, dass ich im Sommer auch Zeit habe, andere Dinge zu machen. Ich habe zusammen mit einem Partner eine Unternehmensberatung gegründet, die Firmen bei Gesundheitsthemen, corporate health und der Bewältigung von Stress berät oder bei Vorträgen den Menschen das Thema Stress näherbringt. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Das sind ja die Themen, die mich mit dem Skispringen aufhören lassen haben.

Sie waren an Burnout erkrankt. Wie gehen Sie heute mit Stress um?
Heute ist alles okay. Zum einen hilft mir der Gedanke, dass sich alles Reinhängen, alles Reinstressen durch meinen historischen Tourneesieg ja auch gelohnt hat. Und ich habe Wege gefunden, dem Körper trotz allem Stress das zurückzugeben, was er braucht.

Wie zum Beispiel?
Wenn wir als Kind auf die Welt kommen, haben wir ein Gefühl, was uns guttut und was nicht. Dieses Gefühl verlieren wir im Lauf des Lebens, weil das Denken überhandnimmt. Mir ist mittlerweile bewusst, dass ich Phasen, in denen ich dem Körper zu viel zugemutet habe, ausgleichen muss, weil ich ein Typ bin, der Aufgaben nicht ruhiger angehen kann – ich mache alles zu 100 Prozent oder gar nicht. Für mich spielt dabei Bewegung eine wichtige Rolle. Seit einigen Jahren spiele ich Fußball bei den Alten Herren des TSV Neuried.

Auf welcher Position?
Da meine Mitspieler wissen, dass ich laufen kann, stellen sie mich meistens rechts oder links raus. Dort kann auch nicht so viel passieren, denn für die Mitte war ich immer etwas zu ungestüm und habe den einen oder anderen Elfmeter verursacht (lacht).

"Wenn es passt, können Wellinger und Eisenbichler zuschlagen"

Kommen wir zum Skispringen. Könnten Sie sich vorstellen wie Noriaki Kasai, der mit 46 Jahren noch dabei ist, noch einmal zu springen?
Mein letzter offizieller Sprung war in Salt Lake City im Februar 2004. Ich habe dann Anfang des folgenden Winters in Hinterzarten noch ein bisschen getestet, das hat sich auch gar nicht verkehrt angefühlt. Aber als dann der Alltag wiederkam, habe ich schnell gemerkt, dass dieses negative, beunruhigende Gefühl wiederkam und dass der Körper mir das Signal gibt, dass sich dieses Thema erledigt hat. Das war eine schwere Zeit für mich. Ich bin fasziniert von Noriaki, dass er so lange springen konnte und hätte gerne selber ein paar Jahre weitergemacht. Wobei bei mir immer das Thema Erfolg dranhängt. Ich müsste das Gefühl haben, vorwärts zu kommen. Deshalb genieße ich nun lieber die Sprünge der Jungen.

Gibt es einen Skispringer, der Sie beeindruckt?
Ryoyu Kobayashi fasziniert mich, weil er so springt wie ich früher: Wenn mal einer richtig weit geht, macht er nicht die Ski auf und jammert, dass zu viel Anlauf war, sondern er zieht die Sprünge durch. Das sieht bei ihm so leicht aus, das war mein Leben damals auch.

Ist Kobayashi der Tournee-Favorit?
Der klare! Natürlich zocken manche Nationen noch und bringen zur Tournee neues Material, aber wenn alles so bleibt, wird keiner an Kobayashi vorbeikommen.

Wie schätzen Sie die deutsche Mannschaft ein?
Dahingehend unglaublich positiv, dass wir nicht nur einen Springer haben, der eventuell die Kohlen aus dem Feuer holt, sondern mit Stephan Leyhe und Karl Geiger zwei stabile Springer, die auch unter die Top Ten kommen, wenn sie patzen. Und wir haben mit Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler zwei, die, wenn’s passt, komplett zuschlagen können. Eigentlich würde auch Richard Freitag dazugehören, aber leider ist nun seine alte Verletzung aufgebrochen. Das ist typisch für ihn. Immer wenn er reif für einen großen Einzeltitel wäre, passiert irgendwas Blödes, wo du dich fragst: Muss das jetzt schon wieder sein?

Wie weit nach vorne kann es für die Deutschen gehen?
Die genannten vier Springer können auf jeden Fall vorne mitreden, ich spreche jetzt nicht vom Sieg, aber vom Podium. Ich sehe gute Chancen, dass wieder ein Deutscher unter den besten Drei der Gesamtwertung steht.

Severin Freund tut sich nach seinen zwei Kreuzbandrissen schwer, wieder Anschluss zu finden.
Severin war schon immer ein Arbeiter. Das Wichtigste ist, dass er jetzt gesund bleibt. Ich sehe schon an seinen Reaktionen, dass er unglaublich ehrgeizig ist. Aber auch er muss sich hinten anstellen und Dinge wieder erarbeiten. Aber bei einem bin ich mir sicher: Dass er die Motivation hat, es sich selbst zu beweisen und wieder ganz nach oben zu kommen.

Der Vertrag von Bundestrainer Werner Schuster läuft im März aus und es ist offen, ob er noch einmal verlängert. Wie sehen Sie diese Personalie?
Es ist keine einfache Entscheidung, weil es nicht um ein Jahr geht, sondern um den ganzen Olympiazyklus bis 2022. Ich bin natürlich dafür, dass Werner Bundestrainer bleibt, weil es offensichtlich ist, welche Erfolge er über Jahre mit dem Team eingefahren hat. Allerdings sieht er auch, dass seine Kinder immer größer werden, und möchte vielleicht mehr Zeit für die Familie haben.

"Ich kann die Tournee diese Saison entspannter verfolgen"

War der Trainerjob auch für Sie mal ein Thema?
Ich hatte nie das Gefühl, dass es mich dort hinzieht. Im Nachgang betrachtet weiß ich auch, warum: Weil ich als Trainer Schwierigkeiten hätte, mir selber die nötigen Pausen zu geben. Was ich mir vorstellen kann, ist eine Funktion im Hintergrund, wie sie Oliver Bierhoff bei der deutschen Nationalmannschaft hat.

Im vergangenen Jahr hat Kamil Stoch Ihr Kunststück von 2002 nachgemacht und alle vier Tournee-Springen gewonnen. Wie haben Sie das erlebt?
Ich habe ja immer zugegeben, dass ich zu jeder Tournee gefahren bin und gehofft habe, dass ich der Einzige bleibe, aber auch gesagt, dass ich am besten weiß, was dazugehört, wenn es einer schafft. Das sind unerträgliche Dinge, die im Kopf stattfinden. Und ich habe gesagt, dass ich der Erste bin, der gratuliert, wenn es Kamil schafft. Ich war zwar dann der Zweite, weil das polnische Team schneller war, aber ich habe das ehrlich gemeint. Ich musste den Rekord ja nicht abgeben, sondern nur teilen. Insofern kann ich die Tournee in dieser Saison entspannter verfolgen.

Lesen Sie hier: DSV-Springer wollen endlich den Tourneesieg

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading