Stalker von Trudering Psychotherapeut: "Stalker suchen Opfer"

In der Wohnsiedlung Bajuwarenpark ist der Spanner verstärkt unterwegs - aber er streift auch durch andere Wohnsiedlungen im Münchner Osten. Foto: Daniel von Loeper

Ein Unbekannter versetzt Frauen in Trudering in Angst und Schrecken. Um genau das geht es ihm, sagt Psychotherapeut Christian Lüdke: „Stalkern geht es um ein Allmachtsgefühl“

 

Trudering - Er steht nachts im Garten, filmt die Bewohner in ihren Wohnungen - der unheimliche Stalker von Trudering ängstigt die Bewohner am Bajuwarenpark. Bisher konnte er nicht geschnappt werden. (AZ berichtete).

„Wenn man jemanden Unbefugten im eigenen Garten oder dem des Nachbarn sieht, sollte man keine Konfrontation suchen, sondern sich zurückziehen und sofort die 110 rufen“, rät Arno Helfrich vom Kommissariat für Prävention und Opferschutz.

Aber wie tickt so ein Mensch überhaupt und was treibt ihn an? Die AZ hat einen Experten gefragt.

Der Psychotherapeut Christian Lüdke ist im Fachbeirat Medizin und Psychologie des Opferhilfe-Vereins Weisser Ring und betreut Opfer traumatischer Ereignisse, wie Gewalt, Kriminalität und auch Stalking. 

AZ: Herr Dr. Lüdke, was sind das für Menschen, die andere stalken?

CHRISTIAN LÜDKE: Stalker sind meistens Männer, mit ganz geringem Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich als Versager, sei es beruflich, familiär oder sexuell. Sie haben gestörte Beziehungen zu anderen Menschen und zu sich selbst. Viele haben auch keinen gesunden Umgang mit der eigenen Aggressivität. Sie empfinden eine Art Ohnmacht. Indem sie Gewalt ausüben – auch Stalking – verwandeln sie das Ohnmachts- in ein Allmachtsgefühl. Es ist auch ein primitiver Versuch sich selbst zu therapieren.

Einem Stalker geht es um Macht?

Ja, Stalking ist Machtdemonstration. Stalker wollen Angst und Schrecken verbreiten. Die Opfer sind völlig austauschbar.
Oft erfüllt Stalking auch die Kriterien einer Übersprungshandlung. Man hat einen Konflikt, den man nicht lösen kann, deshalb muss jemand anders dafür herhalten. Stalker suchen Opfer, keine Gegner. Deshalb ist es ganz wichtig, sich zu wehren.

Und wie wehrt man sich?

Man sollte schnell ganz deutliche Stopp-Signale senden. Auf Mails, SMS oder Anrufe nur ein Mal reagieren. Und man muss Öffentlichkeit herstellen, Familie, Nachbarn, Freunde informieren. Die Polizei verständigen und Anzeige erstatten. Stalker wissen, dass ihr Verhalten falsch ist, sind aber meist unbelehrbar. Sie verstehen nur diese ganz harte Sprache. Sie nehmen die Konfrontation in Kauf, das ist immer noch einfacher, als sich mit dem eigenen Problem auseinander zu setzen. Deshalb ist Stalking teilweise auch mit einer kriminellen Energie verbunden.

Wie gefährlich sind Stalker?

Nicht pauschal alle. Aber man muss das sehr ernst nehmen. Das Stalken gibt dem Täter eine Befriedigung, wie in einem Rauschzustand. Oft muss die Dosis gesteigert werden. Es beginnt vielleicht mit SMS, dann werden es immer mehr, dann taucht er persönlich irgendwo auf. Irgendwann kommt es vielleicht zu Übergriffen. Es geht um das Allmachtsgefühl.

Ist es richtig, über solche Fälle zu berichten?

Ich finde das absolut richtig, Opferschutz geht vor Täterschutz. Je mehr Menschen dafür sensibilisiert werden, desto besser. Von der Täterpsychologie her stabilisiert das den Täter in seinem Verhalten. Er empfindet das als Beifall. Irgendwann wird er übermütig, deshalb man wird ihn erwischen. Die Frage ist nur, wann.

 

2 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading