Staatsttheater am Gärtnerplatz Josef E. Köpplinger will Energien im Ensemble nutzen

Daniel Prohaska, der die Titelpartie von „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ singen wird, mit der Komponistin Johanna Doderer in Schloss Atzenbrugg bei Wien. Foto: Franz Gleiß

Der Intendant des Gärtnerplatztheaters über die verschobene Uraufführung und die Gefühle eines Regisseurs in Corona-Zeiten

 

Am heutigen Donnerstag wäre ohne Corona um 19.30 Uhr „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ im Gärtnerplatztheater uraufgeführt worden. Josef Köpplinger, der Hausherr, wollte selbst inszenieren. Er hatte die Idee zu dieser Oper, die Johanna Doderer auf einen Text des österreichischen Dramatikers Peter Turrini komponierte. „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ wird auf die kommende Spielzeit verschoben, ein neuer Termin für die Uraufführung steht noch nicht fest.

AZ: Wie sieht Ihr Tag aus, Herr Köpplinger?
JOSEF E. KÖPPLINGER: Ich werde sehr früh wach, dann lese ich und erledige die künstlerische Arbeit der Vorbereitung auf Inszenierungen. Nur am Morgen und in der Nacht habe ich die Ruhe dafür. Ab 10 Uhr oder teilweise auch erst nachmittags bin ich im Theater.

Ihr Kollege Matthias Lilienthal von den Kammerspielen sagt, er würde eine Videokonferenz nach der anderen abhalten.
Ich hatte erst eine einzige, innerhalb der Abteilungen des Hauses gibt es aber natürlich regelmäßig Videokonferenzen. Ich telefoniere viel und treffe Mitarbeiter – mit Sicherheitsabstand. Außerdem gibt es Besprechungen in der geschlossenen Kantine, weil der Raum sehr groß ist. Da diskutieren wir in der Leitungsrunde mit dem Personalrat die Lage, um auf alle Entscheidungen, die das Ministerium uns abverlangt, vorbereitet zu sein. Wir sprechen auch viel über künstlerische Projekte.

Wie sehen die nächsten Wochen und Monate für das Gärtnerplatztheater aus?
Wenn wir heute das Go kriegen, dass morgen geöffnet wird, könnten wir aus dem Stand das Programm „Herzensbrecher“ mit unseren fünf großartigen Tenören, einen Liederabend oder Kammermusik machen. Solange der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht aufgehoben wird, ist mehr nicht drin. Ich ziehe aber Vorstellungen vor 170 Besuchern einem komplett geschlossenen Haus eindeutig vor. Außerdem möchte ich eine Plattform für die Energie im Ensemble bieten.

Die Staatsoper hat ihre Saison bereits für beendet erklärt.
Jedes Haus muss das individuell regeln. Die Opernfestspiele mit internationalen Gästen sind derzeit unmöglich. Aber ich bin so weit, dass ich mich in den leeren Zuschauerraum setze und die Zeit herbeisehne, in der unser Vorhang wieder aufgeht. Kunst und Kultur sind ein Grundnahrungsmittel einer zivilisierten Gesellschaft. Die Schönheit und Poesie jeglichen Theaters heilt die schwarzen Löcher in unserer Seele. Und ich werde, wenn ich über den Viktualienmarkt gehe, sehr oft darauf angesprochen, wann wir wieder aufmachen.

Sie müssten rein formal den Gast-Künstlern Ihres Hauses für nun ausfallende Vorstellungen nichts bezahlen. Das wird als ungerecht empfunden – die Künstler sind ja an der Krise unschuldig.
Ich bin absolut dafür, den Gastkünstlern, die ein wesentlicher Teil unseres Ensembles sind, den größten Teil ihrer Gage auszubezahlen. Ohne sie wäre das Gärtnerplatztheater nicht was es ist. Eine klare Regelung aus dem Ministerium gibt es dafür bisher nicht, aber offene Ohren bei Minister Sibler. Leider ist erst eine Krise notwendig, um zu zeigen, dass Künstler sozial besser geschützt werden müssen.

Am heutigen Donnerstag wäre die Uraufführung von „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ gewesen. Wie weit sind Sie damit gekommen?
Die Oper war, was die Solisten angeht, musikalisch fertig probiert. Mein Regiekonzept stand, Bühnenbild und Kostüme waren zu 70 bis 80 Prozent fertig. Alles war im Plan. Aber wir holen diese Oper auf jeden Fall nach.

Der Text von Peter Turrini liegt bereits als Buch vor. Dort lese ich, dass die Idee einer Oper über Schubert von Ihnen kam.
Mich beschäftigt Schuberts reiches und bahnbrechendes, aber auch sehr kurzes Künstlerleben schon lange. Seine Musik nimmt vielfach den Expressionismus vorweg. Als Mensch war er mit sich unzufrieden, und dieser Widerspruch beschäftigt mich.

Die Oper zeigt den Komponisten unglücklich in eine Frau verliebt. In jedem neueren Schubert-Buch kann man aber nachlesen, dass vieles dafür spricht, dass er bisexuell oder schwul war. Warum kommt das nicht vor?
Schuberts sexuelle Orientiertung finde ich irrelevant, auch wenn sie das im Biedermeier nicht war. Mir geht es ganz grundlegend um die Passion, die von einem Gegenüber nicht beantwortet wird. In „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ verpfuffen seine Gefühle, weil er den Mund nicht aufbringt. Vielleicht ist diese Sprachlosigkeit der Grund dafür, dass Schubert ein so hochkreativer Mensch gewesen ist.

Nach der Premiere hätte Adam Cooper mit den Proben für Leonard Bernsteins Musiktheater „Mass“ begonnen. Was wird daraus?
„Mass“ ist ein Riesenspektakel mit großer Besetzung. Adam Cooper kann aus momentaner Sicht weder diese Inszenierung noch die Wiederaufnahme von „Candide“ probieren. Und eigentlich war das Ganze als Trilogie zusammen mit „Messias“ und „Jesus Christ Superstar“ geplant. Das neue Musical, das Cooper in der nächsten Saison herausbringen wollte, wird wahrscheinlich aufgrund der notwendigen Spielplanänderungen wegfallen.

Wollten Sie selbst nicht bald Verdis „Un ballo in maschera“ in Wien inszenieren?
Ich weiß noch nicht, was aus dieser Produktion wird, obwohl die Ausstattung und die Kostüme fertig sind. Niemand kann das sagen. Im Anschluss wollte ich Rossinis „Barbiere di Siviglia“ inszenieren – eine Koproduktion des Gärtnerplatztheaters mit Toulouse und dem Gran Teatre del Liceu Barcelona. Jetzt ist das alles noch ungewiss. Ähnliche Konstellationen gibt es auch an anderen Häusern: Denn der Opernbetrieb ist ein kompliziertes Uhrwerk.  

Peter Turrini: „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ (Suhrkamp, 67 Seiten, 16 Euro)

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading