Staatstheater Nürnberg "Les Indes galantes" von Rameau, inszeniert von Laura Scozzi - die AZ-Kritik

Die glücklichen Menschen des Goldenen Zeitalters in Laura Scozzis Inszenierung von „Les Indes galantes“ am Staatstheater Nürnberg. Foto: Ludwig Olah

Vorglühen auf Französisch: Ein knappes halbes Jahr vor den Münchner Festspielen zeigt das Staatstheater Nürnberg die Oper „Les Indes galantes“ von Jean-Philippe Rameau

 

Eine Oper von Händel bietet im Vergleich zu einem Bühnenwerk seines französischen Zeitgenossen Jean-Philippe Rameau nur ein Spartheater. Der beschäftigt in „Les Indes galantes“ von 1735 den ganz großen Apparat: Das Orchester ist opulent besetzt, Chor wie Ballett werden aufgeboten und vier Geschichten nacheinander erzählt.

Das Staatstheater Nürnberg zeigt derzeit dieses Werk, das heuer auch als zweite Premiere der Münchner Opernfestspiele im Prinzregententheater herauskommt. Die Inszenierung von Laura Scozzi war bereits in Toulouse und Bordeaux zu sehen. Auch eine DVD gibt es bereits, aber das mindert durchaus nicht das Vergnügen am Richard-Wagner-Platz nahe dem Nürnberger Hauptbahnhof.

Der Prolog spielt im mythischen Arkadien des Goldenen Zeitalters. Laura Scozzi lässt die Tänzer in aller Unschuld so herumlaufen, wie Gott sie geschaffen hat. Dann brechen Krieg und Konsum ein. Drei Amoretten erhalten den Auftrag, die verlorene Liebe auf der ganzen Welt zu suchen: in der Türkei, in Peru, Persien und Nordamerika. Das ist ganz und gar geprägt vom fremdenfreundlichen Geist der Aufklärung, der Sonnenpriester als Betrüger entlarvt und am Ende im Indianer den Edlen Wilden verklärt.

Die Regisseurin versetzt diese Geschichte eins zu eins in die Gegenwart. Das funktioniert erstaunlich gut. Der edle Türke, der wie später in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ seine europäische Geliebte freigibt, ist in dieser Inszenierung ein Schlepper, der Flüchtlingen ihr letztes Bargeld abknöpft, ehe er sie ins Schlauchboot setzt. Da muss Laura Scozzi nicht viel an der Vorlage und den Chören der Schiffbrüchigen drehen.

Die peruanische Episode spielt bei einem Koksbaron. In Persien zieht die Regisseurin das muslimische Frauenbild durch den Kakao, nicht ohne auf ungute Geschlechterverhältnisse in anderen Weltgegenden hinzuweisen. Die nordamerikanischen Indianer verkaufen ein Naturschutzgebiet an Investoren, ehe ganz zwanglos am Ende das Goldene Zeitalter und die Nackten wiederkehren.

Eine Herausforderung

Das ist durchaus rührend, wenn am Ende nicht nur jüngere Menschen, sondern auch ein glückliches älteres Paar im Adamskostüm über die Bühne marschiert. Laura Scozzi glaubt wie das aufklärerisch geprägte Textbuch der Oper an die Macht der Liebe und das Gute. Und alles allzu Platte wird in der Inszenierung durch Ironie gebrochen: Zwei schlanke und eine hinreißend alberne dicke Amorette halten die virtuos erzählte Geschichte zusammen.

Die Nürnberger Ensemblemitglieder Michaela Maria Mayer, Hrachuhí Bassénz, Martin Platz singen ihre ziemlich schwierigen Partien nicht mit letzter stilistischer Perfektion, aber rundum ordentlich. Aus dem Orchestergraben erklingen zauberhafte Flötensoli, den Rest spielt die Staatsphilharmonie Nürnberg unter Paul Agnew etwas zu gerade heraus, aber insgesamt ansprechend.

Französische Musik des 18. Jahrhunderts ist nicht einfach zum Klingen zu bringen. Auch die vielen Ballette, der zeremoniöse Gestus und die bisweilen steifen Geschichten fordern die Regie heraus. Deshalb werden diese Opern selten gespielt, obwohl die reizvolle, letztlich süchtig machende Musik die Mühe wert ist. Und vieles ist vorhanden, was bei Händel mühsam hinzuerfunden werden muss. Es lohnt sich, in Nürnberg ein wenig auf die Münchner Aufführung von Sidi Larbi Cherkaoui (Inszenierung und Choreografie) und Ivor Bolton (Musikalische Leitung) für die Opernfestspiele vorzuglühen.

Wieder am 3., 5. und 8. Mai sowie am 1., 3. und 5. Juni im Staatstheater Nürnberg, Telefon 0180 5 231 600. In München wird „Les Indes galantes“ ab 24. 7. gespielt, Infos unter www.staatsoper.de

 

0 Kommentare