Staatstheater Augsburg Thomas Prazak im "Tagebuch eines Wahnsinnigen"

Thomas Prazak spielt sich aus einem Probenraum in Augsburg in die virtuelle Realität der Zuschauer. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Das Augsburger Staatstheater bietet eine Erzählung von Nikolai Gogol als digitales Theatererlebnis

 

Alles muss seine Ordnung haben – für einen Angestellten, der sich mit einiger Leidenschaft seinen bürokratischen Aufgaben hingibt, sowieso. Aksenti Iwanow Propristschin hat sein Arbeitsterritorium präzise durchstrukturiert: Alle Dinge haben fein säuberlich ihren Platz, befinden sich in Kästchen, die Propristschin oder eine andere, höhere (Regie-) Macht per Tape auf dem Boden abgeklebt hat.

Neben dem Arbeitstisch gehören dazu auch exotische Phänomene wie ein ausgestopfter Dachs, den Propristschin gelegentlich böse anfaucht – an dem toten Tier kann er sich angstfrei abreagieren. Beim Anziehen schreitet er eine Kleidungs-Etappe nach der anderen ab, ohne Scham, obwohl seine Unterwäsche wenig ansehnlich ist und er weiß, dass er beobachtet wird. Sein Blick wandert hin und wieder zum Zuschauer, der in der Mitte des Raumes thront – in luftiger Höhe. Schaut man an sich selbst herab, sieht man den Boden in einigem Abstand, jedoch keinen Unterleib. Stattdessen: nichts.

Die Welt durch das Fenster

Denn während der hochanständige Propristschin eine Hornbrille trägt und so die Welt durch ein gar altmodisches Fenster sieht, trägt der Zuschauer dieser Performance eine topmoderne VR-Brille. Nicht in einem Theaterraum befindet man sich, sondern in den eigenen vier Wänden daheim und kann dank dem klobigen Virtual-Reality-Zauberwerk auf der Nase in einen digitalen Raum blicken, kann sogar den Kopf drehen und wenden und sich Propristschins Kosmos im 360-Grad-Modus anschauen.

Der Schauspieler Thomas Prazak wiederum musste sein Solo Ende April mutterseelenallein in einem Proberaum des Staatstheaters Augsburg spielen, vor einer in der Raummitte platzierten Kamera, die laut Programmblatt „sechs rundum angeordnete Objektive mit einem Öffnungswinkel von je 200 Grad hat.“ Nachdem der Film final bearbeitet wurde, „tourt“ er nun herum. Sprich: Man kann sich die VR-Brille nach Hause bestellen und sich Prazaks einstündige Performance in aller Ruhe anschauen.

So sieht also immersives Theater in Reinkultur aus. Dass das Staatstheater Augsburg seit einiger Zeit mit den Möglichkeiten der Virtual Reality spielt, hat natürlich der Corona-Virus bewirkt. Mittlerweile haben die Augsburger nun einige solche virtuelle Erlebnisse anzubieten, unter dem Titel „shifting_perspective“ Ballett (die AZ berichtete) oder eben auch klassisches Sprechtheater.

Kopfgeburten eines Beamten

Wobei, er spricht gar nicht ständig, der gute Propristschin, den Nikolai Gogol bereits 1835 erdachte, sondern wuselt viel durch den Raum, so dass man sich daheim mit dem Bürostuhl drehen muss, um ihm folgen zu können. Oder man lässt ihn einfach mal außer Acht und schaut für sich in die Leere des Raums. In dem sich manchmal doch etwas bewegt: Wie von unsichtbarer Hand gemalt bilden sich schwarze Formen an der Wand – Kopfgeburten des Beamten?

André Bücker hat den auf Gogols Erzählung basierenden Monolog „Der Mitarbeiter – Tagebuch eines Wahnsinnigen“ mit starkem Hang zum 360-Grad-Aktionismus inszeniert und zeichnet auch für die Ausstattung verantwortlich. Dass dabei jedes Ding seinen Platz hat, ist letztlich eine Steilvorlage für den wendigen Mimen Prazak, der als Propristschin titelgerecht wahnsinnig wird und auch außen ein ziemliches Chaos veranstaltet.

So schmeißt Propristschin Zeitschriften durch die Gegend, rupft immer impulsiver die Blätter von einem Kalender, sucht auf den dort vermerkten Kalendersprüchen nach einer Daseins-Anleitung. Schuld an seinem Irrewerden ist die Tochter seines Chefs, aber vor allem sein Job: Mehr als Bleistifte spitzen darf er nicht. Es wundert daher nicht, dass er sich wilde Dinge imaginiert, zum Beispiel, dass der Hund seiner Angebeteten Briefe schreibt.

Als die Stelle des Königs von Spanien vakant wird, füllt Propristschin die Lücke aus, stellt sich auf den Tisch und macht einen auf groß, schrumpft am Ende aber wieder zum kleinen, selbstentfremdeten Angestellten in einer Welt der Akten und Post-Its. Auf Dauer wird dieser virtuelle Solo-Trip etwas redundant – eine Stunde VR macht zwar Spaß, aber auch mürbe.

Ja, man kann schon irrewerden, so ohne Boden unter den Füßen beziehungsweise ohne Füße auf dem Boden. Mit Propristschin fühlt man mit. Und sehnt sich nach dem guten alten Theater.

Bestellung der VR-Brille über www.staatstheater-augsburg.de/vr_brille_at_home

 

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