Staatstheater am Gärtnerplatz So ist "Das Lächeln einer Sommernacht" von Stephen Sondheim - die AZ-Kritik

 Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Gärtnerplatztheater: Stephen Sondheims Musical „Das Lächeln einer Sommernacht“ in der Regie von Josef Köpplinger im Cuvilliéstheater

 

Immer beschwören Kenner, dass die Musicals von Stephen Sondheim was ganz Besonderes wären. Nichts für Zuschauer, die mit dem Bus anreisen, fast so menschenkennerisch und abgründig wie Mozart. Und dann sieht man das „Lächeln einer Sommernacht“. Und denkt: Naja.

An den Darstellern liegt es nicht. Gärtnerplatz-Hausherr Josef E. Köpplinger bietet sein bewährtes Operetten- und Musical-All-Star-Ensemble im Cuvilliéstheater auf. Sigrid Hauser spielt eine leicht verwelkte Provinz-Diva, die ihre Beziehung zu ihrer alten Liebe Egermann (Erwin Windegger) aufwärmt. Daniel Prohaska überrascht als hinreißend dämlicher Dragoner. Und die unvergleichliche Gisela Ehrensperger verkörpert die Großmutter mit Kurtisanen-Hintergrund so liebenswürdig wie zynisch.

Wunderbar altmodisches Durchbrennen

Die neuen Gesichter im Ad-Hoc-Ensemble nicht minder schön als die bekannten: Das altkluge Kind ist dankenswerterweise auch mit einem eher herb-süßen Mädchen besetzt (Amelie Spielmann). Auch Christof Messner (Henrik), Beate Korntner (Anne) und Julia Klotz (Charlotte) unterlegen den Figuren jene Widersprüche, die in dieser – einem frühen Film von Ingmar Bergman entlehnten – Geschichte für sanften Tiefgang sorgen.

Das ist alles mehr Sprechtheater als Musical. Die komplizierte Handlung entzieht sich der Nacherzählung. Nur so viel: Altersmäßig schiefe Paarbeziehungen werden liebevoll zurechtgerückt. Ein von Hormonen gebeutelter Theologiestudent hängt sich nicht auf, sondern brennt mit der 18-jährigen, jungfräulichen Zweit-Ehefrau seines Vaters durch.

Die Geschichte spielt um 1900, und man freut sich gerührt, dass es so etwas Altmodisches wie Durchbrennen auf der Bühne noch geben darf.

Auch Köpplingers Inszenierung macht fast alles richtig. Abgesehen davon vielleicht, dass sie allzu brüsk auf das Tempo drückt und den Figuren die Nachdenklichkeit verweigert. Rainer Sinells Bühnenbild zitiert im zweiten Teil ohne jede Peinlichkeit das Birkenwäldchen aus Peter Steins legendären „Sommergästen“. Davor glitten die Szenen Dank der Drehbühne und eines wunderbaren roten Quervorhangs mit eleganter Virtuosität am Zuschauer vorbei: Noch eine Anspielung – diesmal auf Schnitzlers „Reigen“, die zur dicht erzählten, von Liebesliedersängern kommentierten Handlung passt.

Die Musik ist zu einförmig

Die erotischen Szenen gelingen Köpplinger ohne Fummelei und Peinlichkeit. Am Ende strahlt ein kalter Wintersternenhimmel, den man in der schwedischen Mittsommernacht nicht unbedingt erwartet. Aber es sieht einfach gut aus. Und die Großmutter stirbt ganz still und fast so abgebrüht, wie sie davor gelebt hat.

Warum also das Naja? Die Aufführung ist nicht schuld, ebenso wenig das sanft entstaubte Buch von Hugh Weeler. Das Problem ist Sondheims Musik. Sein Hit „Send in the Clowns“ schielt unverfroren wie nur Andrew Lloyd-Webbers Schmonzetten nach Puccini. Der Rest rauscht durch die Ohren – handwerklich seriöse, aber auch graue Konversationsmusik im Dreivierteltakt. Wie „Intermezzo“ von Richard Strauss, upgedatet zum Musical. Für die Bösartigkeit der sadomasochistischen Beziehung zwischen Malcolm und seiner Frau (Julia Klotz) hat Sondheim keinen eigenen Tonfall, für die Melancholie des Alters noch weniger.

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Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz spielt die von John Owen Edwards frisch arrangierte Musik unter Andreas Kowalewitz in Zweifel laut, was auch an der gefährlichen Akustik des Hauses liegen könnte. Echtes Sound-Design könnte dem entgegenwirken. Aber leider wird nur grob verstärkt. Einige Stimmen halten das aus, andere klingen unangemessen hart, jeder Versuch feinerer Zwischentöne bleibt da auf der Strecke.

Das sind allerdings mehr Details für Experten. Und es ist entschuldbar bei einem Theater, das sich umbaubedingt auf Wanderschaft befindet. Und: Die Stärken des Abends überwiegen die kleineren Schwächen.

Sondheims Musik hat die angenehme Eigenschaft nicht zu stören. Und eine pointierte, temporeiche und auch ein bisschen abgründige Beziehungskomödie mit lauter exzellenten Darstellern sieht man auch nicht alle Tage.    

Cuvilliéstheater, fast täglich bis 14. 2., 19.30 Uhr (14. 2., 18 Uhr)

 

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