Staatstheater am Gärtnerplatz „Salome Tanz“ von Eyal Dadon

Inspiriert von Videospielen: Das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz in Eyal Dadons Ballett „Salome Tanz“. Foto: Marie-Laure Briane

Wie aus Ballett ein Spiel der Entscheidungen werden kann, zeigt der israelische Choreograf Eyal Dadon mit „Salome Tanz“ im Gärtnerplatztheater

 

Sieger oder Verlierer? Opfer oder Täter? Das ist in „Salome Tanz“ von Eyal Dadon nicht von Belang. Auch die Frage nach gut oder böse bleibt in seinem stimmungsschwangeren 80-Minüter nebensächlich. Womöglich genau deshalb gelingt es dem aus Israel stammenden Choreografen so spielerisch-unverkrampft, seine Vision von Salome als Störfaktor eines abstrakten Gesellschaftssystems auf die Bühne zu übertragen – mit zeitgenössischem Drive.

In seiner prononciert durchchoreografierten Videospiel-Adaption von Oscar Wildes symbolistischem Dekadenz-Drama „Salome“ sind alle – das Publikum eingeschlossen – (Mit-)Spieler. War die kurze Verzögerung nach Abdunkelung des Saals bei der Premiere etwa Absicht? Jedenfalls kam Unruhe auf. Mehrfach wurde „psst“ gezischt, und Nachbarn resolut zum Still-Sein aufgefordert. Pikanterweise kannte da noch niemand den Zwischentitel von „Level 4“ des nun folgenden Stücks: „Bring ihn zum Schweigen!“

Beschauliche Grausamkeit

Im Fokus von Dadons Spielanordnung steht kein linearer Handlungsverlauf. Noch weniger geht es um das in der Vorlage beschriebene Verhalten Salomes, ihrer Mutter Herodias, ihres Stiefvaters Herodes, von dessen gefangenem Propheten Jochanaan, der Soldaten oder der sich ständig streitenden Juden. Stattdessen wird die Szenerie von Achtlosigkeit, Starrsinn und Willkür beherrscht. Ins Gewicht fallen prompte Gefühlswechsel im Fluss von (Selbst-) Vernichtungsdrang und stereotypen Jubel-Allüren. Eine beschaulich schön dahinrollende Grausamkeitsphantasie.

Das Figurenarsenal der 20 Tänzerinnen und Tänzer – ganz im Sinn der ästhetischen Stückidee von Bregje van Balen eingekleidet – ist jederzeit offen für Assoziationen. Tatsächlich hat sich der 31-Jährige Dadon mit seiner großen Affinität für Computerspiele und Comics in ein durchweg schlüssiges Live-on-stage-Adventure hineingedacht.

Was bei Wilde Nebenhandlungen beziehungsweise Subtexte sind, kehrt er dezidiert hervor. Eingeblendete Verbal-Attacken zum Mitlesen und ein „Lass-uns-tanzen“-Duell auf drehbarem Plateau – voll dynamisch auf Zeitlupenmodus gedimmter Martial-Art-Zitate – konterkarieren den süffig-zarten, melodischen Schmelz von Franz Schrekers „Kammersinfonie“ aus dem Jahr 1916. Auch die weitere, kluge Musikauswahl des Dirigenten Michael Brandstätter – Kompositionen von John Cage, Franz Schubert und Caroline Shaw – trägt den Abend. Atmosphärisch top vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz begleitet.

Johannes der Täufer gönnt sich Pommes

Pixelkachel für Pixelkachel baut sich vor geschlossener Bühne das Porträt eines Mannes auf. Sein Hals ist reichlich blutrot verschmiert. Satzprojektionen verraten, was ihn bewegt. Joel Di Stefano – seit dieser Spielzeit mit sieben anderen beeindruckenden Tänzern neu im Gärtnerplatz-Ensemble – startet als Johannes der Täufer durch: Cool verdrückt er zwei Pommes, die er ins Ketchup unter seinem Gesicht tunkt.

Als sich der Vorhang hebt, sehen wir ihn einer Avatar-Figur im Gitternetz-Bodysuit die Hand schütteln. Zugleich kommuniziert er über deren geschulterte Live-Kamera weiter mit dem Publikum. Höflich-charmant werden wir zur Hilfe im Entscheidungsfall aufgefordert. Und schon sind die Zuschauer per Abstimmkarte mit Kreis oder Kreuz mittendrin im multimedialen Salome-Game.

Auf rot abmarkierter Spielfläche wird reihenweise erschossen, erstochen und Köpfe vom Rumpf mit Handkanten getrennt. Vor Angriffen kribbeln den Kontrahenten die Finger. Wiederholt laufen Tänzer auf die vorgestreckte, zum Revolver geformte Hand des Kameraträgers zu. (Selbst-)Zerstörerische Fatalität, die wir dank optischer Linse aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen bekommen.

Stimmig bis zum Kick

Der Bühnenerlebniswert überzeugt bis zum Schluss – ganz ohne aufwendige, mächtig um sich greifende VR-Brillen-Manie. Die Leuchtintensität eines gigantischen Mondes im Hintergrund erkaltet am Ende zu silbrigem Schimmer. Eine rhythmisch immer heftiger schnaufende Masse bewegt sich unaufhaltsam Richtung Publikum.

Musik, Videos, Raum-Inszenierung und ein ausgefeiltes Schrittvokabular fügen sich stimmig zum Kick, interaktiv beteiligt zu sein. Hitverdächtig-originell. Nur daran, Bewegung, Sound, Texteinblendungen auf Englisch mitsamt deutschen Übertiteln zeitgleich zu verarbeiten, muss man sich gewöhnen. Vesna Mlakar

Nächste Vorstellungen am 3., 6., 12., 13. März und am 3. und 22. April im Gärtnerplatztheater. Karten unter Telefon 2185 1960

 

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