Staatstheater am Gärtnerplatz Puccinis "Tosca" am Gärtnerplatz - die AZ-Kritik

Vollweib non stop – bis zum verzweifelten Sturz von der Engelsburg: Toska (Oksana Sekerina) ist von Scarpias (Noel Bouley) erpresserischen Annäherungen mächtig angewidert. Foto: Christian P. Zach

Giacomo Puccinis "Tosca", dirigiert von Anthony Bramall und inszeniert von Stefano Poda im Gärtnerplatztheater. Die AZ-Kritik.

 

München - Man kann Puccinis Thriller durchaus am Gärtnerplatz machen. "Tosca" ist trotz des Sprungs der Heldin von der Engelsburg und eines "Te Deums" in der römischen Kirche Sant’Andrea della Valle ein Kammerkrimi. Das Publikum ist in einem kleineren Haus näher dran und versteht die Dreiecksgeschichte zwischen der Sängerin, dem Maler und dem lüsternen Polizeichef trotz der italienischen Originalsprache besser. Und nur an wenigen Stellen wären ein paar Streicher mehr im Orchester wünschenswert.

Aber muss man auch? Ein künstlerisches Müssen bleibt letztendlich nur bei Anthony Bramall und seinen Leuten im Graben erkennbar. Der Chefdirigent des Gärtnerplatztheaters hat ein untrügliches Gespür für das richtige Tempo und die dramatischen Wechselbäder der Musik. Bei aller Hitze vermeidet er die knallige Theatralik, die sich bei Puccini leicht einmal einstellt.

"Tosca" im Gärtnerplatztheater: Gäste in den Hauptrollen

Nur die impressionistische Morgenstimmung am Beginn des dritten Akts spielt das Orchester – bei aller Sorgfalt um den näheren und ferneren Glockenklang – zu handfest. Den Rest macht derzeit allenfalls Kirill Petrenko besser, der allerdings "Tosca" im Nationaltheater nicht mehr dirigiert.

Weil sich diese Oper nicht aus dem Ensemble besetzen lässt, wurden eigens und nur für "Tosca" Gäste engagiert. Oksana Sekerina agiert durchwegs als Vollweib mit blonder Mähne und rotem Mantel. Die Entwicklung vom naiven Mädchen zur Heroin wider Willen darf sie nicht spielen. Sie singt – mit nicht allzugroßer Stimme – angemessen souverän, klar und ohne divenhafte Mätzchen.

"Ein paar Zwischentöne und Nuancen hätten nicht geschadet"

Bei "Vissi d’arte" dringt sie im zweiten Akt auch zum Herz des Zuhörers durch, und wenn sie dann, nach dem Mord an Scarpia, heftig atmend und erschöpft auf der Bühne liegt, macht das mächtig Eindruck.

Der Rest ist mittleres Stadttheater. Levente Páll verwandelt "Recondia armonia" in eine Szene des Mesners. Der über nur matten Höhen-Glanz und wenig Schmelz gebietende Cavaradossi von Artem Golubev kommt kaum dagegen an. Auch später wirkt er wenig souverän. Noel Bouley passt als Typ zwar zur Inszenierung, die dem Scarpia alles Aristokratische raubt und den römischen Polizeichef in eine Art Kosakenhauptmann oder Westernsheriff verwandelt, der seine Lüste auf einem Tisch voller Akten zu befriedigen gedenkt. Seine Stimme ist für die Rolle viel zu hell, und ein paar Zwischentöne und Nuancen hätten auch nicht geschadet.

Handwerk mit Knalleffekt

Warum durfte Stefano Poda nach Klagenfurt und Wuppertal nun den dritten Aufguss seiner "Tosca"-Deutung auf die Bühne bringen? Alle Figuren wirft er – in der Art eines verbrauchten Theater-Expressionismus – in eine Welt des brutalstmöglichen Düsterissimo, vom bösartigen Mesner bis zum fiesen Schließer, der Cavaradossi immer wieder das Briefpapier wegzieht. Ehe der dritte Akt etwas ins Surreale abhebt, bevölkern viele Schurken in Koppeln und langen schwarzen Mänteln die Bühne. Alles gemahnt an Harry Kupfers Arbeiten aus den 1990er Jahren, einschließlich des häufigen Wälzens auf der schwarz spiegelnden Bühne, die sich gerne dreht und im zweiten Akt einen Folterkeller freigibt.

Da erweist es sich doch wieder als ziemlich gute Idee, dass Puccini die Brutalität der Imagination des Zuschauers überlassen wollte. Die Erschießung Cavaradossis bleibt dafür – sehr überzeugend – unsichtbar. Auch sonst weiß Poda manches besser als Puccini, was bei dieser szenisch so bis ins letzte Detail vertonter Gesten und Gänge durchkomponierten Oper, kaum restlos überzeugt.

Wieso eine zweite "Tosca" in München?

Dazu gibt es Figurenführungshandwerk und Machtkritik-Routine, gekrönt von einem sehr visuell gedachten Knalleffekt am Schluss. Was die Hauptfrage nicht beantwortet: Wieso eine zweite "Tosca" für München, in der mehr oder weniger die gleichen Bischofs-Mumien auftreten wie in Luc Bondys fader Inszenierung am Nationaltheater?

Dass Poda keinen Gegenentwurf liefern würde, hätte man nach Klagenfurt und Wuppertal wissen müssen. Nun haben wir statt einer Alternative zwei halbgare und halbpsychologische Inszenierungen der gleichen Oper in einer Stadt. Die Welt wird es aushalten, ebenso wie die nächste Premiere am Gärtnerplatz, die uns einen weiteren "Rigoletto" beschert. Danach kehrt hoffentlich mehr Risikofreude am Gärtnerplatz ein, der an sich über Nachfrage beim Publikum nicht klagen kann.

Wieder am 21., 23. und 25. November sowie im Februar und März. Karten online, unter Telefon 2185-1960 oder an der Kasse der Staatstheater am Marstallplatz

Lesen Sie auch unser Interview mit dem Dirigenten Anthony Bramall
 


 
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