Staatstheater am Gärtnerplatz Durch Sex in den Widerstand

Carl Orffs "Die Kluge" im Gärtnerplatztheater. Foto: Christian P. Zach

Carl Orffs Oper „Die Kluge“ als verspätetes Geschenk zum 125. Geburtstag des Komponisten im Gärtnerplatztheater

 

Vor gut einem halben Jahr durfte man über den Sinn und Zweck einer Kammerversion von Carl Orffs „Die Kluge“ für 15 Musiker sinnieren. Nun ermöglicht diese von der Studiobühne ins große Gärtnerplatztheater gewanderte Fassung von Wilfried Hiller und Paul Leonard Schaffer die erste ausgewachsene Opernvorstellung mit einem Orchester im Graben in München seit Anfang März.

Das allein rechtfertigt ihre Existenz. Aber mehr noch: Wer nicht weiß, dass es sich um eine Bearbeitung handelt, könnte die Version von Hiller und Schaffer für das Original halten. Die pure Lautstärke verdichtet sich zu einem intensiven Dreigroschentonfall, der zu diesem chorlosen Zweipersonenstück mit ein paar Chargen viel besser passt als Orffs Riesenorchester mit dreifacher Bläserbesetzung.

Eigentlich hätte die „Kluge“ im Februar zum letzten Mal gespielt werden sollen. Nun bekam sie der Komponist als nachträgliches Geschenk zu seinem 125. Geburtstag überreicht, der wunderlicherweise – von einer Kranzniederlegung am Grab in Andechts einmal abgesehen – weitgehend ignoriert wurde. Das rechtfertigt, ein wenig über diesen Umstrittenen zu sinnieren.

Der Weltkreis spaltete sich seit jeher scharf in himmelhoch jauchzende Verehrer, ins Halleluja einstimmende Lokalpatrioten und andere, die den frühen Strawinsky der „Les Noces“ im Original und nicht in der bayerischen Verwässerung hören wollen. Dazu kommt der fatale Drang der Anhänger, ihren Meister zum Widerstandskämpfer gegen die Nazis stilisieren wollen, wofür das Programmheft des Gärtnerplatztheaters ein eher bizarres Beispiel liefert. Dort wird herausgestellt, dass Orff einmal mit der Schwester eines Mitglieds der Weißen Rose eine Affäre hatte und diese Frau das Vorbild der Klugen gewesen sein soll.

Dazu muss man wissen, dass sich Orff unmittelbar nach Kriegsende gegenüber den Amerikanern als Mitglied dieser Widerstandsgruppe ausgegeben hat, um einem Berufsverbot als Günstling des Regimes zu entgehen. Dieser vom kanadischen Historiker Michael Kater aufgedeckte Schwindel erregte vor 20 Jahren die Orffianer, und offenbar ist diese Wunde bis heute nicht verheilt.

Orff war kein Nazi, aber auch kein Widerstandskämpfer. Er hatte Ärger mit einigen Funktionären, stand am Ende der NS-Zeit aber auf der „Gottbegnadeten“-Liste für das Regime wichtiger und vom Kriegsdienst befreiter Künstler. Aus Opportunismus schrieb er einen Ersatz für Mendelssohn Bartholys verbotene „Sommernachtstraum“-Musik. Und die meiste Zeit fürchtete er wohl, jemand bekäme davon Wind, dass er nach den NS-Gesetzen „Vierteljude“ sei.

Während der NS-Zeit mit Erfolg aufgeführte Werke wie „Carmina burana“ und „Die Kluge“ lassen sich kaum unbefangen hören, und Orffs suggestive Kompositionen wirken bisweilen unangenehm zeitgebunden. Davon hat natürlich auch Regisseur Lukas Wachernigg schon gehört, weshalb er den König und die Strolche in schwarzem Plastik auf dem weiten Feld zwischen Gestapo und „Matrix“ herumlaufen lässt.

Zusammen mit gelegentlichen Schlägen auf Metallroste sorgt das für eine gepflegte Geisterbahnatmosphäre. Nur wozu? Wachernigg schafft es auch nicht, die Geschichte des Königs und der klugen Frau psychologisch zu differenzieren, weil Orff die Figuren sehr holzschnittartig angelegt und pseudomittelalterliche Blasen sprechen lässt.

Orffs Kalenderspüche-Rap geht nicht allen Sängern gleich locker von der Zunge. Matija Meic garniert den König als phlegmatischen Brutalo mit ein paar inneren Widersprüchen. Die Premieren-Kluge Sophie Mitterhuber genießt derzeit Mutterschutz, Jennifer O’Loughlin vertritt sie mehr als würdig und betont vor allem die lyrischen Seiten der Partie.

Dem Ensemble und dem Orchester unter Leitung von Oleg Ptashnikov war spürbar die Freude daran anzumerken, nun vor 200 Leuten spielen zu dürfen. Wer Orff mag, dem wird’s gefallen haben. Wer ihn nicht mag, den wird zusätzlich stören, dass „Die Kluge“ sehr deutlich in zwei unverbundene Akte zerfällt und dass die vielen Sprechszenen lähmend wirken. Und so kommt man um die Einsicht kaum herum, dass der Alterungsprozess mancher Werke auch durch schöne, kluge und handwerklich sauberste Bearbeitungsschminke nicht aufzuhalten ist.

Am 21. und 22. Juli bringt das Gärtnerplatztheater vier konzerante Aufführungen der „Dreigroschenoper“. Restkarten unter www.gaertnerplatztheater.de

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