Staatstheater am Gärtnerplatz Anthony Bramall über die Premiere von "Tosca"

"Tosca" ist im Gärtnerplatztheater eine sehr finstere Oper. Foto: Christian POGO Zach

Der Chefdirigent des Gärtnerplatztheaters über Puccinis "Tosca" und seine Pläne nach der Verlängerung seines Vertrags

 

Ende Oktober wurde der Vertrag von von Anthony Bramall als Chefdirigent des Gärtnerplatztheaters bis 2023 verlängert. Der Brite sorgt dort seit einiger Zeit auch mit bestens einstudierten symphonischen Programmen für Aufsehen. Als nächstes wird Bramall die musikalische Leitung der "Tosca"-Produktion übernehmen. Premiere ist am Donnerstag um 19.30 Uhr.

AZ: Herr Bramall, was reizt Sie an Puccinis "Tosca"? Das ist doch keine typische Oper für das Gärtnerplatztheater.
ANTHONY BRAMALL: Heute morgen beim Zähneputzen habe ich überlegt: "Tosca" ist so unglaublich aktuell. Die Heuchelei von Scarpia gegenüber Tosca ist in Hinsicht auf die heutige #Metoo-Debatte eindeutig. Scarpia ist auf der einen Seite absoluter Machtmensch, aber gleichzeitig auch ein Opfer von Fake News – denn die Information, dass Napoleon besiegt wurde, ist ja falsch. Tosca hingegen lässt sich total von ihren Gefühlen leiten und verrät sich somit an Scarpia.

Sie verliert einen Moment die Kontrolle über sich.
Ich weiß nicht, wie klug Tosca ist, ehrlich gesagt. Bei all diesen Aspekten wechselt Puccini schnell von einer Stimmung zur anderen, ähnlich, wie das Schnitte im Film tun. Das ist extrem interessant, aber macht es sehr kompliziert. "Tosca" ist viel schwerer zu dirigieren als etwa "La Bohème". Bei "Tosca" muss man alles vorher verabreden mit den Sängern, etwa, wann man die Einsätze gibt. Es hat sozusagen keinen bedienerfreundlichen Fluss. Und das Orchester ist extrem symphonisch eingesetzt.

Diese Inszenierung der "Tosca" wurde bereits vor einigen Jahren in Klagenfurt und Wuppertal gezeigt. Was ist der Grund, sie nun auch nach München zu holen?
Diese Produktion von Stefano Poda ist eng mit unserem Staatsintendanten Josef E. Köpplinger verbunden. Aufgrund ihres großen Erfolges kommt sie nun auch ans Gärtnerplatztheater.

Vor der Arie "E lucevan le stelle" spielen vier Solo-Celli . Geht dieser Kontrast von Soli und Tutti nicht verloren, wenn im Graben ohnehin nur vier Celli Platz haben?
Das passt doch gut! Den fehlenden Kontrast bemerkt man nicht so stark. Ich habe das Stück in Leipzig einstudiert, wo es einen sehr großen Graben gibt, und wir hatten vielleicht fünf oder sechs Celli, das war auch nicht ein so großer Unterschied. In der Besetzung, in der wir immer spielen, kriegen wir alle Musiker im Graben unter, wir müssen die Besetzung nicht verkleinern, so dass die Musiker nicht sagen würden, es ist so eng, wir können uns nicht bewegen.

Es gibt in München drei Symphonieorchester. Warum spielen nun auch noch Ihre Musiker "Sinfonische Lyrik"?
Wir haben ein fantastisches Orchester, ein A-Orchester, mit vierfachen Bläsern! Nur: Weil wir diesen kleinen Graben haben, erscheint es nie in voller Stärke. Das hat mich betrübt, und ich wollte auch dem Publikum einmal die Möglichkeit geben, zu sehen, was hier für ein großer Klangkörper existiert. So wurde diese Idee der "Sinfonischen Lyrik" geboren, die Idee nämlich, der Musik einen geistigen Kontext zu geben; wohlgemerkt nicht etwa einen bloß analytischen, etwa über eine Konzerteinführung, sondern eher so, wie manche Museen ein einzelnes Gemälde in den Kontext mit anderen Künsten seiner Zeit stellen.

Wie wichtig ist es für ein Opernorchester, auch symphonische Musik zu spielen?
Es ist wichtig für die innere Hygiene. Beim Symphoniekonzert gibt es, anders als bei der Opernaufführung, eine feste Besetzung. Wenn bei jedem Dienst eine andere Konstellation von Musikern im Graben sitzt, kann man kaum an Einzelaspekten arbeiten wie zum Beispiel an der Intonation, etwa, um einen schiefen Akkord zu verbessern. Tut man das nie, kann das Gehör verkommen.

Dirigieren Sie ein symphonisches Werk denn wesentlich anders als eine Opernaufführung?
Beim Bühnenwerk hat man klare inhaltliche geistige Anhaltspunkte: Jemand ist sauer, jemand ist glücklich, es passiert ein Unglück und so weiter. Bei einem abstrakten Werk ist es anders. Die Werke, die wir machen, haben aber einen klaren Bezug auf außermusikalische Umstände, etwa die Symphonie Nr. 5 von Dmitri Schostakowitsch, die wir am 8. Februar spielen werden, die im Kontext mit dem Stalinismus steht. Das führt zu Ideen, die ich dann versuche, dem Orchester zu vermitteln, und das kann dann auch das Publikum überzeugen.

Besteht der Auftrag des Gärtnerplatztheaters nicht primär darin, Spieloper, Operette und Musical zu spielen?
Da bin ich absolut dafür. Das ist auch ein Grund, warum ich an diesem Haus so glücklich bin, dass das hier wirklich ernstgenommen wird. Bei einem Staatsintendanten wie Josef E. Köpplinger, der ja auf diesem Gebiet ein Experte ist, wäre das auch gar nicht anders möglich. Wenn zum Beispiel das richtige Musical kommt, zum Beispiel "Hello, Dolly!" von Jerry Herman oder "Follies" von Stephen Sondheim, würde ich das sofort machen, das sind Lieblingsstücke von mir.

Ist Ihre Amtszeit mit der des Intendanten synchronisiert?
Ja, das wäre auch anders nicht möglich. Mein Vertrag ist verlängert bis zum Ende seines Vertrages.

Was haben Sie in Ihrer musikalischen Arbeit mit dem Orchester noch vor?
Was ich unheimlich wichtig finde, gerade bei klassischer und frühromantischer Musik: Seit 30, 40 Jahren wird von allen Dirigenten größter Wert auf Artikulation gelegt. Das ist auch schön. Doch die Fähigkeit zu einem wirklich authentischen Legato, wo man nicht jede Mikrokurve heraushört, sondern wo eine Melodie über acht Takte geht, ohne dass sich eine Lücke ergibt, gerät in den Hintergrund. Das muss man wirklich trainieren, weil es so aus der Mode gekommen ist. Selbst bei Puccini ist jeder zweite Satz von mir: Achtung, dieses Tenuto heißt nicht automatisch, den Ton länger auszuhalten, sondern das ist ein Akzent! Das haben die Musiker nicht unbedingt auf dem Schirm, weil es ungewohnt ist.

Ist es nicht auch ein Resultat der historisierenden Aufführungspraxis, dass die Kunst des Legatospiels vielerorts verlorengegangen ist?
Ganz genau! Das kann ich nur unterschreiben. Die Idee, der Musik Richtung und Linie zu geben, gerät in Vergessenheit, weil man ausschließlich damit beschäftigt ist, die Artikulation korrekt zu verwirklichen. Manchmal aber müssen die Bläser chorisch atmen, also nicht alle auf einmal, sodass lange Phrasen entstehen können. Ich komme vom Gesang, und diese Idee vom Atmen als Ausdrucksmittel ist meine zweite Natur. Ich gehe damit nicht missionarisch um, aber ich versuche, das Legato-Spiel, diese romantische Linie, immer weiter ausbauen. Denn dieses Orchester kann alles. Wenn man immer wieder nur eine bestimmte Art von Musik macht, sind gewisse Techniken unterbelichtet, und die möchte ich ans Licht holen.

"Tosca" am 14. November (19.30 Uhr), weitere Aufführungen am 16., 21., 23., 25. November sowie wieder ab Februar 2020. Das nächste symphonische Konzert findet am 8. Februar 2020 statt, zur Symphonie Nr. 5 von Schostakowitsch rezitiert Julia Stemberger. Karten: 089 2185 1960 sowie unter www.staatstheater-tickets.bayern.de


 
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