Staatsoper: La Calisto Mehr Barock wagen: Cavallis "La Calisto"

Die Nymphe Calisto (Christiane Karg) ist als Anhängerin der Jagdgöttin Diana mit Pfeil und Bogen ausgestattet. Keuschheit hat die Schöne gelobt – und wird doch von einem betrügerischen Liebespfeil getroffen. Foto: Winfried Hösl

Bayerische Staatsoper:  Cavallis „La Calisto“ ist mit neuer Besetzung wieder ein absoluter Barockstern am Münchner Opernhimmel

Der stürmische Applaus mit drei Vorhängen war ein Statement: Mehr Barock wagen! Die Ära Jonas ist zwar lange vorbei und die gegenwärtige neigt sich ja ebenfalls dem Ende zu. Aber das, was vor fast 13 Jahren unter Regisseur David Alden und mit Ivor Bolton am Pult über die Bühne gegangen war, vereinte eben alles, was Oper kann: Geist und Amüsement, hohen musikalischen Anspruch und intelligentes Inszenierungskönnen.
Nikolaus Bachler hatte 2005 scheinbar einträchtig neben Sir Peter eben diese Inszenierung von der Intendantenloge erlebt und das Werk – gegen seinen klassischeren Geschmack – unter seiner Intendanz im Repertoire gelassen. 2014 wurde es dann sogar noch einmal aufgenommen – und jetzt eben noch einmal in neuer Besetzung.

Wunderbar obszöne Inszenierung

In „La Calisto“ geht es auch um die Götter, die eben nicht immer die Hausgötter des Nationaltheaters Strauss, Wagner und Mozart sein müssen! Francesco Cavallis „Dramma per musica“ von 1651 ist ein frühes Opernwerk, an das sich das leicht barock-entwöhnte Münchner Publikum jetzt erst wieder gewöhnen muss. Aber das gesamte Publikum hielt gebannt zweieinhalb Stunden still, auch weil das Originalklangorchester kompakt und unaufgeblasen, wie es hier ist, nur bei großer Stille im großen Haus wirkt. Auch ließ man keine der Arien in einen Zwischenapplaus münden. Das lag sicher auch daran, dass in diesem „Dramma per musica“ die Arien nicht gewohnt bravourös mit viel Da capo herausragen. Hier sind die Arien Emotionsstücke, die eher einer gesteigerten Innerlichkeit folgen als Showeffekten. Und genau diese subtilen Empfindsamkeits-Linien der Figuren verlangen große Schauspielkunst von den Sängern – wie auch die Inszenierung von Alden, weil hier über Himmels-Showbühnentreppen stolziert wird, Whirlpool-Bäder genommen werden, man erotisiert über Couch-Lehnen stakst.

Bocksprünge und große Themen wie die Willensfreiheit

In einem elysischen, psychodelischen Art-Deco-Hotel mit Lobby, Bar und Nachtclub-Bühne geht es zur Sache: Jupiter kann’s nicht lassen und verführt die keusche Nymphe Calisto in Gestalt ihrer Herrin Diana. Göttergattin Juno tobt wegen der notorischen Ehebrecherei Jupiters und verwandelt ihre Rivalin Calisto in eine Bärin. Jupiter will das wieder gut machen und erhöht seine Ex zum Sternbild. Eine zweite brisante Liebesgeschichte wird da elegant hineinmontiert: Die ebenfalls eigentlich keusche Göttin Diana hat Pan abgewiesen für einen Sterblichen. Daneben treiben weitere Nymphen und Satyre obszöne Spiele. Überhaupt geht es in Aldens Inszenierung originell und wild zu – bis zu Handanlegen, Onanie und Bocksprüngen.

In diesem Getümmel aber werden große Themen verhandelt: Die Willensfreiheit des Menschen auch Göttern gegenüber, die also Klassen-Über- und Unterordnung überwindet. Und auch die Macht der Götter endet vor den Mächten des Schicksals, der Natur und der Zeit als allen und allem übergeordneten Prinzipien.
Die überwältigende Kunst der neuen Besetzung bestand darin, das alles spannend zusammenzuspannen und dabei ging man weit über Gängiges hinaus: Luca Tittoto ist als mächtiger, göttlicher Verführer ein schlanker satter Bass, der auch – in seiner koketten Verführungs-Travestie als Diana – ins volle Falsett fallen kann.

Verführungstravestie des Luca Tittoto und viele quecksilbrig-wendige Sänger

Die „echte“ Diana, Anna Bonitatibus, ist als Mezzosopranistin ohnehin göttlich: Denn ihr gelingt es, die im Keuschheitsgelübde unterdrückte Lust unter aller Oberschichts-Contenance-Lyrik frech durchlodern zu lassen. Und Georg Nigl ist als goldener Handlungsreisender in Sachen Jupiter-Umtriebe ein quecksilbrig-wendiger und hoher Bariton. Tim Mead ist als sterblicher Hirte ein wunderbarer Altus, der anfangs unglücklich in Diana verliebt zum Schmelzen schön leiden darf. Dafür ist die Nymphe Linfea frech männlich tenoral mit Guy de Mey besetzt, der schon 2005 diese nymphomane Gouvernante spielte. Und Counter Dominique Visse darf – auch seit 2005 – satyrhaft meckernd beim Akt mit Linfea auch mal in männliche Stimmlagen-Bocksgesänge fallen. Es geht also androgyn und über alle Klassen und Rassen und Lebenwesensarten hinweg promisk zu.

Eine schaulustige, intelligente Inszenierung mit Christiane Karg als große Schauspielsängerin

Und unsere Calisto? Die ist mit Christiane Karg nicht nur schön, sondern auch stimmlich wunderbar klar besetzt und bringt uns den Bogen von der liebesscheuen Nymphe zur verwirrt Liebenden und als Sternbild verklärten Frau berührend nahe.
Als am Ende der Applaus nicht enden will, galt dies vor allem den elegant-mühelosen Sänger-Schauspielern in dieser schaulustigen, intelligenten Inszenierung. Mehr Barock wagen! Und mit Christopher Moulds am Pult hat man dafür ja auch ein glückliches Händchen.    

Wieder am , 6. und 9. April, Restkarten,  Tel: 2185 1920
 

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