Solln Bemerkenswerte Besuche(r)

Ein bisschen Spaß darf sein: Nielab, eine junge Münchnerin mit afghanischen Wurzeln, albert mit Frau Kleinert herum. Foto: Gregor Feindt

Junge Münchner mit Migrationshintergrund gehen in ihrer Freizeit in ein Seniorenzentrum, um dort mit den Bewohnern zu spielen und zu ratschen.

 

Solln - Plötzlich weint Frau Kleinert (Name geändert). Dicke Tränen kullern über ihr runzliges Gesicht, immer mehr, bis ihre Wangen ganz nass sind. Gerade hatte die alte Dame noch gelacht und sich von Nielab mit einem großen Rouge-Pinsel schminken lassen, zum Spaß. Nun legt die 20-Jährige die Schminktasche beiseite und nimmt die alte Frau liebevoll in den Arm. „Sie müssen nicht weinen. Ich bin bei Ihnen, alles ist gut“, sagt sie leise und wiegt Frau Kleinert vorsichtig hin und her, doch die alte Frau scheint sie nicht zu hören. Erst als Nielab ihr ihre langen braunen Haare in die Hand legt, erhellt ein Lachen Frau Kleinerts tränennasses Gesicht.

Gedankenverloren streicht sie über Nielabs Haare und blickt lächelnd in die Ferne. Warum sie geweint hat, behält sie für sich. Die Seniorin leidet an Demenz, genau wie 34 weitere Patientinnen und Patienten in der zweiten Etage des Seniorenzentrums Martha-Maria in Solln. Hierher kommen Nielab, Fatih, Fatima (alle 20) und Alan (24) jeden Sonntagnachmittag zum Besuchsdienst. Heute haben sie außerdem Mahboob (30) mitgebracht, der zum ersten Mal dabei ist.

Im Projekt „Starke Helfer. Einer für Alle – Alle für Einen“ engagieren die Studenten mit Migrationshintergrund sich regelmäßig ehrenamtlich in Waisenhäusern, Asylheimen und eben im Seniorenzentrum Martha-Maria. „Hilfsbereitschaft ist einer der wichtigsten Werte in unserer Gesellschaft“, erklärt Nielab, die die Initiative im Mai 2012 ins Leben gerufen hat. „Dafür sollte man kein Geld nehmen. Im Gegenteil: Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man für andere da ist.“

Schon während ihrer Schulzeit engagierte die Psychologie-Studentin sich ehrenamtlich, nach dem Tod ihres Großvaters wollte sie noch mehr tun und gründete „Starke Helfer“. Über Facebook begeisterte sie Freunde und Bekannte von ihrem Projekt. Seitdem besucht sie mit einer kleinen Gruppe regelmäßig die Diakonie-Station in der Wolfratshauser Straße.

Angeschrieben hatte Nielab damals insgesamt drei Seniorenheime in München, Antwort bekam sie nur aus Solln. „Als wir das erste Mal hier reingekommen sind, waren die Senioren ziemlich überrascht“, erinnert sich die 20-Jährige. Einige hätten auch abweisend reagiert, als die jungen Menschen plötzlich in ihrem Gemeinschaftszimmer standen. Entmutigen lassen haben sich die vier davon nicht – im Gegenteil: Mit ihrer offenen, herzlichen Art gehen Nielab, Fatima, Alan und Fatih seitdem jeden Sonntag aufs Neue ohne Berührungsängste auf die Bewohner des Seniorenzentrums zu, unterhalten sich mit ihnen, spielen Brettspiele, halten ihre Hand.

Aus den zunächst vorsichtigen Annäherungsversuchen sind über die Zeit sogar generationsübergreifende Freundschaften entstanden. Frau Schubert (Name geändert) hat von Fatih, der aus der Türkei stammt, erste türkische Worte gelernt. Lachend zählt sie mit ihm bis fünf, immer und immer wieder, hört gespannt zu, wenn er aus der Heimat seiner Familie erzählt. Während Fatima und Mahboob mit zwei Bewohnerinnen „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen, setzt sich Alan zu einer Dame, die nur zuschauen will. „Wollen Sie heute nicht doch mitmachen?“, fragt er höflich, doch die alte Frau verneint. Viel lieber möchte sie mit Alan plaudern. Immer wieder schießt ihr ausgestreckter Zeigefinger in die Luft, die Worte sprudeln dabei nur so aus ihr heraus, als sie sich an ihre eigene Jugend erinnert.

„Viele der Menschen hier bekommen nur selten Besuch“, sagt Nielab und streicht Frau Kleinert eine letzte Träne von der Wange, „da brauchen sie manchmal jemanden, der ihnen etwas Nähe und Geborgenheit gibt.“

Im Januar sind die „Starken Helfer“ für ihr ehrenamtliches Engagement von der Landeshauptstadt München ausgezeichnet worden. Im Wettbewerb „Jung und alt – gemeinsam geht es besser“ verlieh das Sozialreferat ihnen den zweiten Platz. Mit den 3000 Euro Preisgeld wollen die vier in den Heimatländern ihrer Familien nun neue ehrenamtliche Projekte anstoßen – Nielab in Afghanistan, Alan in Russland, Fatima in Ghana und Fatih in der Türkei.

Kontakt zu den „Starken Helfern per Mail über: starkehelfer@gmail.com

 

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