So verändert sich Giesing Uhrmacherhäusl: Symbolkraft für den Wandel im Viertel

Emily Engels ist Rathaus-Reporterin der Abendzeitung.
Ein fies grinsender Miethai, dessen Bagger das Uhrmacherhäusl auffrisst – im Hintergrund traurig dreinschauende Hochhäuser. Dieses Graffiti am Kolumbusplatz zeigt, wie groß die Wut der Obergiesinger ist über das, was in ihrem Viertel passiert ist. Foto: Daniel von Loeper

Die Anwohner rund um das Uhrmacherhäusl halten noch immer monatlich Mahnwache. Es ist der Kampf um den Wandel eines Viertels.

 

Untergiesing - An den 1. September 2017, es war ein Freitag, erinnert Stephanie Dilba (43) sich noch genau. Die Münchnerin, die als OB-Kandidatin für die Partei Mut antritt und dafür derzeit noch Unterstützerunterschriften sammelt, gab an dem Tag eine Stadtführung durch ihr Viertel, in dem sie seit 13 Jahren wohnt.

Dabei ging sie auch entlang des Uhrmacherhäusls in der Oberen Grasstraße. Dass es das letzte Mal sein würde, dass sie das Häusl auf ihrer Tour zeigen würde, wusste sie da noch nicht. "Etwa eine Stunde später kam der Bagger", sagt sie. Heute hängt an der Hausfassade hinter dem Grundstück, auf dem das Häusl einst stand, ein großer schwarzer Banner. "Illegaler Abriss – kriminelles Vorgehen" steht dort. Und: "Obere Grasstraße 1 – R.I.P.".

1854 wurde Giesing nach München eingemeindet

Das Uhrmacherhäusl war bis zum illegalen Abriss Bestandteil der um 1845 erbauten Feldmüllersiedlung – die in die Bayerische Denkmalliste eingetragen ist. Wenig später, im Jahr 1854, wurde Giesing als eines der ersten Dörfer nach München eingemeindet.

Die Geschichte dahinter: Therese Feldmüller, der Tochter eines Wirts aus Schliersee, gehörte der Grund, den sie Stück für Stück an Handwerker, zuziehende Tagelöhner und Kleingewerbetreibende verkaufte. Stephanie Dilba erzählt: "Damals gab es einen Regierungserlass, der unter anderem besagte, dass die Häuser nur ein Stockwerk hoch sein durften."

In den 1870er Jahren kamen die sogenannten Vorstadthäuser hinzu, die schon zwei Stockwerke hoch sein durften. Um 1900 kamen die vierstöckigen "Mietskasernen" – Wohnhäuser mit schicker Jugendstilfassade – hinzu. Schon damals herrschte in München Wohnungsnot. Dilba erzählt: "Es soll schonmal vorgekommen sein, dass man sich Betten teilen musste."

"Immer schicker": So verändert sich Giesing

Geschlafen wurde dann in Schichten. In den 1920er Jahren entstand ein Gebäude an der Tegernseer Landstraße, mit einem prägenden Charakter für das Viertel: die Post. Heute gehören modernere Gebäude rund um die Tegernseer Landstraße längst zu dem Viertel dazu.

Heraus sticht etwa das Ärztehaus am Tegernseer Platz. "Einst stand hier das jüdische Kaufhaus Leiter", erzählt Dilba. Einen Straßenblock weiter verlor Giesing 2010 ein weiteres Wahrzeichen: das Hertie-Kaufhaus. 2014/2015 entstand hier ein Neubau, in dem sich heute DM und Woolworth befinden.

"Giesing verändert sich immer mehr, es wird immer schicker", findet auch Angelika Luible vom Bündnis "HeimatGiesing". Sie und ihr Bündnis haben die Wut und Trauer über den illegalen Abriss des Uhrmacherhäusls in etwas Produktives gesteckt. "So etwas schweißt zusammen", sagt Luible.

Obergiesing: Uhrmacherhäusl erlangt Symbolkraft

Mehr als zwei Jahre nach dem Abriss des Uhrmacherhäusls hält ihr Bündnis monatlich eine Mahnwache an der Oberen Grasstraße 1 ab. "Gentrifizierung – die sieht man in großem Umfang nicht weit von hier – etwa am Nockherberg", sagt Luible.

Nahe des alten Paulaner-Geländes baut an der Franziskanerstraße jetzt auch noch ein Hamburger Investor Luxus-Eigentumswohnungen, die bis zu 20.000 Euro pro Quadratmeter kosten sollen. "Genauso gefährlich", warnt Luible, "ist die schleichende Gentrifizierung, die weniger Sichtbare."

Das Uhrmacherhäusl hat gerade deshalb für sie eine so große Symbolkraft bekommen, erklärt sie. Luible ist davon überzeugt: "Wenn wir nicht monatlich gegen das Verbrechen, das hier passiert ist, protestieren würden, dann stünde hier längst ein weiterer nichtssagender Betonblock." Mit Mietpreisen, die sich nur Reiche leisten können.

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