Starker Fall im Ersten! Die TV-Kritik zum Berlin-"Tatort: Das Leben nach dem Tod"

Karows Nachbar ist tot. Das bedrückt den Kommissar, obwohl er den Mann nicht kannte. Foto: rbb / Marcus Glahn

Gesellschaftlich relevante Themen, starke Charakterzeichnung, Spannung. Der Berliner "Tatort: Das Leben nach dem Tod" ist in jeglicher Hinsicht ein starker Fernsehfilm. Die TV-Kritik. 

 

Achtung, Spoiler! Diese TV-Kritik gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung und den Ausgang des Berliner "Tatort: Das Leben nach dem Tod". Wenn nichts verraten bekommen wollen, warten Sie mit der Lektüre des Textes bis Sie den Film gesehen haben (Das Erste, 10.11.2019, 20.15 - 21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek).


Zum Mauerfall-Jubiläum natürlich ein "Berlin-Tatort". Und der greift – völlig AfD-frei – elegant gleich mehrere wunde Gesellschaftspunkte auf, in einem großartigen Mix aus Ostalgie-Befragung, Großstadteinsamkeit und aktueller Multikulti-Problematik sowie Miethai-Gentrifizierung (Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Sarah Schnier).

Darum geht es im Berliner "Tatort: Das leben nach dem Tod"

Ein Mann liegt acht Wochen tot in seiner 70er-Jahre-Wohnblockwohnung. Was die persönliche Frage aufwirft, wie viel man in der Anonymität der Großstadt von seinen Nächsten weiß? Denn es passierte in der Nachbarwohnung von Robert Karow (Mark Waschke). Der hat nun uneingestanden ein schlechtes Gewissen, weil jemand ausgerechnet neben ihm als Mordkommissar so lange unbemerkt vor sich hinmodern konnte (eine wunderbar drastische, hier aber fast zynisch-komische Ekelkulisse mit Maden und Schmeißfliegen). Gleichzeitig wird sich Waschke durch diesen nachbarschaftlichen Todesfall auch noch seiner eigenen Einsamkeit bewusst.

Beides macht ihn übersensibel, wodurch er herausfindet, dass der tote Nachbar ermordet wurde. Doch es gibt weder einen Täter, noch ein Motiv. Handelt es sich womöglich um eine Entmietung der ganz bösen Art, um aus einem "zu billigen" Vertrag raus zu kommen? Die Richtung weist dann allerdings immer mehr in die DDR-Vergangenheit des Opfers und eines alten Ex-DDR-Richters (Otto Mellies), die auf makabere Weise erstaunlich viel miteinander zu tun hatten.

Die DDR als Unrechtsstaat? Im Gegenteil! Sein "gesundes Rechtsempfinden" sagt dem DDR-Juristen im heutigen, von Banden-Kriminalität geprägten Berlin: Das hätte es unter Honecker nie gegeben! Der ehemalige Richter hatte bis zur offiziellen Abschaffung 1987 noch voller Überzeugung Todesurteile gefällt. Die "lasche Siegerjustiz" der BRD zwingt ihn jetzt – noch als Greis – zur Selbstjustiz.

So muss ein "Tatort" sein!

In dieser lebendigen Vergangenheitsschau blitzt zudem das nicht ganz atheistische Jüdischsein von Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) auf. Und in Waschke, der sich nach außen ebenfalls betont säkular gibt, kommt die christliche Grundbildung wieder nach oben. So wird kurz nach den Feiertagen auch das Religiöse dezent verwoben.

Dadurch bekommt dieses einst amouröse, mittlerweile bissig verkeilte, aber sich dennoch tief schätzende Ermittlerteam weitere persönliche Facetten, die berühren. So muss ein "Tatort" sein: intelligent, spannend, psychologisch tief – und auch gesellschaftlich auf vielen Ebenen realistisch und relevant. 

 

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