So lief die Jungfernfahrt Neuer Nachtzug nach Sylt: Abends Pasing, mittags Strand

Paul Nöllke.
Der Nachtzug bei seinem Halt in Pasing. Foto: Daniel von Loeper

Ein neuer Nachtzug verbindet Deutschlands nördlichste Insel mit München. Nur Nostalgie oder Öko-Konzept mit Zukunft? Die AZ macht sich auf die 18-stündige Reise durch Deutschland.

 

München - Irgendwo zwischen Frankfurt und Hamburg werde ich von Kohlen geweckt. Zumindest glaube ich, dass es Kohlen sind, die auf den Waggons nur wenige Meter neben meinem Bett vorbeirauschen. Nun bereue ich es, keine Ohrstöpsel mitgenommen zu haben, und presse mir mein kleines Kissen aufs Ohr. Doch mit dem Schaukeln der Waggons und dem Rattern der Schienen unter mir schlafe ich schnell wieder ein und wache erst kurz vor Hamburg wieder auf.

So ist die Fahrt im Alpen-Sylt-Nachtzug

Der Alpen-Sylt-Nachtexpress ist eigentlich eine recht altmodische Idee: Mehrere Schlafwagen, die früher der Deutschen Bahn gehört haben, fahren mit einem neuen Betreiber viermal die Woche von Salzburg nach Sylt und wieder zurück. Ein Abteil für sechs Personen kostet pro Fahrt 399 Euro.

Nach 164 Jahren Betrieb hatte die Deutsche Bahn 2016 die Nachtzüge eingestellt: zu unrentabel. Seitdem fahren nur noch einzelne Züge, die die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) anbietet in Deutschland durch die Nacht.

Nachtzug: Von Pasing an den Strand

Davon merkt man auf der Jungfernfahrt aber nichts: Die Abteile sind zu 80 Prozent ausgebucht, an der Strecke stehen begeisterte Menschen mit Kameras, die unbedingt ein Foto des Zuges bekommen wollen, und sogar die britische "Times" schreibt über den Alpen-Sylt-Nachtexpress als "den grünen Traum für Deutsche". Ist der Nachtzug im Angesicht von Klimanotstand und Corona vielleicht sogar die Zukunft des Reisens? Ich habe mich für die AZ auf große Fahrt gemacht.

Mit 20-minütiger Verspätung erreicht der Nachtzug um 18.50 Uhr München-Pasing. Doch schlechte Laune hat deswegen niemand, ganz im Gegenteil: In einem Zugabteil prosten sich mehrere ältere Damen mit Sektgläsern zu, in einem anderen spielen drei junge Männer Karten. In meinem Abteil finde ich eine Flasche Desinfektionsmittel und zwei versiegelte Wasserbecher auf dem Tisch. "Zum Zähneputzen", erklärt die Zugbegleiterin Sarah Köhn. "Das Wasser in den Waschräumen sollten Sie nicht trinken."

Ein bisschen weiter vorne im Zug sitzt Markus Hunkel. Er ist Geschäftsführer der RDC-Gruppe, die den Nachtzug betreibt und selbst begeisterter Nachtzugfahrer. "Ich werde in ein paar Wochen mit meinen Kindern von Frankfurt nach Sylt fahren", erzählt Hunkel. "Beim Nachtzug fängt der Urlaub schon im Zug an, das ist doch toll!"

Corona war treibend für Nachtzugangebot

Die Idee, in Deutschland wieder einen Nachtzug fahren zu lassen, gab es im Unternehmen schon länger, erklärt er. Deswegen hatte RDC bereits mehrere Nachtzugwaggons eingekauft. Konkret wurde der Plan aber erst vor sechs Wochen. "Die Coronakrise hat das beschleunigt", sagt Hunkel. Plötzlich ging es in den Ferien nicht mehr nach Tunesien oder Mexiko, sondern wieder in die Alpen, den Bayerischen Wald oder eben nach Sylt.

Der Nachtzug soll auch nach Corona attraktiv bleiben. "Beim Reisen im Nachtzug spart man das Hotel, spart CO2, und man kommt in der Mitte der Stadt an – spart also Zeit", meint Hunkel. Gerade das zunehmende Umweltbewusstsein soll ein entscheidender Faktor sein. "Corona geht vorbei, die Klimakrise bleibt." Eine Fahrt im Zug sei da attraktiver als ein Flug. Hunkel freut sich auf die Reise "Eine Fahrt ist ein Abenteuer", sagt er. Und gibt noch einen Tipp: "Auf dem mittleren Bett schlafen Sie am besten."

Der Nachtzug ist klimaschonend unterwegs

Zurück in meinem Abteil erklärt die Zugbegleiterin, wie man das Bett aufklappt und wie man das Fenster öffnen kann. "Jeder sollte mal Nachtzug gefahren sein", findet sie. "Man kann da wirklich viel erleben."  Bis nach Frankfurt nutze ich die Zeit, um zu lesen, auch das Wlan im Zug funktioniert tadellos.

In Frankfurt höre ich plötzlich ein Bellen auf dem Gang. Neugierig trete ich aus meinem Abteil und treffe Mechthild Hammel und ihren Hund Yuki. Sie betreibt ein Weingut in der Pfalz und fährt für zwei Wochen nach Sylt. "Ich fahre sehr gerne Zug und Yuki auch", sagt sie. Der Nachtzug sei das perfekte Transportmittel. "Ganz stressfrei".

Zwischen Orientexpress und Landschulheim – so fühlt es sich an

Als es anfängt zu dämmern, ändert sich die Stimmung im Zug. Ich treffe einen Mann mit Zahnbürste und Bademantel vor meinem Abteil, und ich fühle mich irgendwo zwischen Orientexpress und Landschulheim. Während ich meine mitgebrachte Brezn esse (es gibt kein warmes Essen im Zug), kommt ein Presse-Kollege vorbei und wir trinken ein Bier aus dem Bordrestaurant, während durch das offene Fenster die warme Sommerluft hereinweht. Langsam verstehe ich die Nachtzug-Begeisterung.

Als es ans Schlafen geht, ist das Bett schnell aufgebaut. Es liegen Bettlaken und Kissen bereit, die Klimaanlage brummt und aus dem Nebenabteil dringen leise Gesprächsfetzen. Der Zug ruckelt unter mir, ich freue mich auf Sylt und schlafe schnell ein. Doch so angenehm wird die Nacht dann doch nicht: Zuerst werde ich von einem vorbeifahrenden Güterzug geweckt, später scheint die Sonne dann doch sehr hell durch die Vorhänge. Wahrscheinlich hätte ich tatsächlich Ohrstöpsel (und eine Schlafmaske!) mitnehmen sollen. So bringt mir die Nacht nur wenige Stunden Schlaf.

Haare waschen im Waschbecken

Bei den anderen Passagieren scheint das besser gelaufen zu sein. Hammel und ihren Hund treffe ich auf dem Bahnsteig in Lüneburg, wo der Zug kurzen Aufenthalt hat und Yuki ein bisschen Auslauf bekommt. "Ich habe sehr gut geschlafen", erzählt die Pfälzerin. Ähnlich geht es auch dem Ehepaar Oexle.

Sie treffe ich, nachdem ich es geschafft habe, mir in dem kleinen Waschbecken im Waschraum die Haare zu waschen, und zurück in mein Abteil gehe. "Wir schlafen auf dem unteren Bett", alles andere ist uns zu viel Klettern", sagen sie. Gerade zu Coronazeiten sei der Nachtzug eine gute Art zu reisen, "auch ohne Maskenpflicht im Abteil".

Endstation Sylt: Sonne am Strand

Auf Sylt angekommen scheint die Sonne, es weht ein starker Wind. Ich mache mich auf den Weg zu "Fisch Blum" für eine Dorade – eine Empfehlung, die ich im Zug bekommen habe. Ich bin müde, aber zufrieden. Vor 18 Stunden bin ich in Pasing in den Zug gestiegen, jetzt bin ich am Strand.

In der Zwischenzeit habe ich nette Leute kennengelernt, Hunde gestreichelt und gute Urlaubstipps bekommen. Es ist schön, dass es den Nachtzug wieder gibt!

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