Skigebiet der USA Abgehoben in Vail

Pistenzauber und Pulverschnee: In Vail kommen Brettl-Fans voll auf ihre Kosten. Foto: Vail Ressorts

Die Geschichte von Vail beginnt mit einer Szene aus einem Western. Okay, sagen wir aus einem Spätwestern. An einem winterlichen Märztag im Jahr 1957 montierten Earl Eaton und Pete Seibert Klebefelle an ihre Skier und schnürten einen namenlosen Berg in den Rocky Mountains von Colorado hinauf. In sieben Stunden machten sie knapp 1000 Höhenmeter. Oben angelangt schauten sie umher, und sie sahen, dass sie den richtigen Weg gewählt hatten. Das hier war ihr gelobtes Land — ein „baumloses Universum von grenzenlosem Pulverschnee“, wie Seibert später schrieb. Der namenlose Berg wurde zum Vail Mountain und das karge Land zum gleichnamigen Skigebiet.

 

Pulverschneehänge — zu herrlich, um anzuhalten

Seibert und Eaton waren Weltkriegsveteranen. Sie gehörten der in Amerika legendären 10th Mountain Division an, eine Einheit vergleichbar den deutschen Gebirgsjägern. Nach dem Krieg gingen sie nach Aspen. Dort lief schon der erste Skilift. Seibert und Eaton aber wollten ihr eigenes Skigebiet gründen. An diesem Märztag hatten sie das perfekte Terrain dafür gefunden: Sechs Jahre später fuhr der erste Lift. Nach einem halben Jahrhundert gehören zu den Vail-Resorts Keystone, Breckenridge, Beaver Creek und Vail selbst, ein Verbund von Skigebieten, Hotels und Restaurants.

Pete Seibert jr., 58 Jahre alt, erinnert sich gut an die Zeiten, als hier alles begann, als sein Vater und ein paar Kumpels, Geschäftsfreunde und Skiverrückte aus Schafweiden ein Skigebiet machten. Die Aufbruchsstimmung nach dem gewonnenen Krieg muss beispiellos gewesen sein. Skibegeisterte und Geldgeber strömten in die Region, als hätte ein weiterer Goldrausch eingesetzt. 1887 war in einem Tal hinter Breckenridge der größte Goldklumpen Colorados gefunden worden — ein sechs Kilo schwerer Nugget. Nun sollte der Schnee für Geldsegen sorgen — e i n e wahrlich gewagte Idee. Doch sie ging auf

. Zwei Stunden dauert die Autofahrt vom Flughafen in Denver bis nach Vail. In den Rocky Mountains liegen die Orte bereits höher als der Gipfel der Zugspitze. Doch Jetlag und dünne Luft können dem Hunger nach Skifahren nichts anhaben. Die frisch Angekommenen folgen ab dem frühen Morgen den Skilehrern, stürzen steile Pulverschnee- Hänge hinab, carven über weite, präparierte Hänge, um schon bald hechelnd über den Skistöcken zu hängen. Tief einatmen, weiterfahren. Zu herrlich, um anzuhalten. „I hob a jedem gsogt, you must buy land“, sagt Pepi Gramshammer, 80 Jahre alt, von jedem hier nur Pepi genannt. Gramshammer, Tiroler von Geburt, ist in keiner Sprache mehr richtig zu Hause. Er mischt Tirolerisch und Englisch mitten im Satz.

Das Potenzial sofort erkannt

Aber in Vail, da ist er „dahoam“. Das Skifahren hat Gramshammer schon als Bub gelernt. Er war einer der Schnellsten. Aber es hat halt nicht ganz gereicht. 1960 war er in der österreichischen Nationalmannschaft, er fuhr supergut — aber da war die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele in Squaw Valley schon durch. „Aussigworfen hams mi ausm Team, i hob ois gwonna ghabt — Chamonix, Kandahar“, sagt der alte Mann in aufloderndem Zorn. Die Schmach quittierte der junge Gramshammer, indem er in die USA auswanderte. Er wurde Skilehrer, Profi-Skifahrer und gewann vieles — auch viel Geld.

Jemand lockte ihn 1961 nach Vail, er blieb. Er habe das Potenzial sofort gesehen: „This is a great skiing place. I bin ja in dera Zeit viel ummadum gfahrn.“ Nur einmal hoch auf den Berg, „da hab i gwusst, des wird wos“. Er kaufte, ganz Tiroler Bub, „vui Grund“ und eröffnete mit seiner Frau Sheika den Gasthof Gramshammer, der heute mitten in der Fußgängerzone von Vail liegt und an dessen Fassade ein roter Tiroler Adler prangt. Sheika stammte aus Villach in Kärnten, also aus Österreich so wie Pepi, auch wenn ihr Name recht exotisch anmutet. „Zammen hamma ois derrissen“, sagt er.

Dem Vail von damals scheint eine magnetische Anziehungskraft eigen gewesen zu sein. Viele, die kamen, sind dort geblieben. Viele würden vielleicht auch heute bleiben. Aber zu Pepis und Petes Zeiten kostete ein kleines Haus 45 000 Dollar. Heute werden Einfamilienhäuser in Vail für neun Millionen Dollar verkauft. Auch Stefan J. Schmid blieb. Der Allgäuer ist Manager des Hotels Sonnenalp, das ebenfalls so aussieht, als sei das Gebäude aus den Alpen rübergebeamt worden. Schmid kam für einen Winterurlaub her und unterhielt sich gerade mit der Rezeptionistin, die er von zu Hause kannte, als der Chef Karlheinz Fäßler dazukam: „Was redschn du fürn Dialekt?“ Er sei halt aus dem Allgäu, sagte Schmid. „Suchsch du a Arrbeit?“ Eigentlich nicht.

„Kannsch du a Schwarzwälder Kirschtorte macha?“ Ja, das konnte er. „Kannsch glei afanga“, sagte der Chef. Schmid bekam einen Skipass und backte bis zum Ende des Winters Torten. Das ist 22 Jahre her. In den Back Bowls „könnt ich grad jodeln vor Freude, da geht mir das Herz auf“. Die Back Bowls sind die Rückseite des Skigebiets — nicht präpariert. Hier sei immer noch alles so, „wie mein Vater es damals gesehen hat“, sagt Pete Siebert, „ein baumloses Universum von grenzenlosem Pulverschnee“. Ganz hinten oben, in Belle’s Camp, einem Picknickplatz, der aussieht wie eine Goldgräbersiedlung, gibt es nichts als Hänge, endlos lange Buckelpisten, Waldabfahrten, Schneisen, Couloirs. Hier könnte man weinen vor Glück. Und vor Schmerz in den Oberschenkeln.

 

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