Skandal bei Müller-Brot Lebensmittelkontrolle: 500 Betriebe für einen Prüfer!

Die Zentralbäckerei von Müller-Brot steht im Visier der Lebensmittelkontrolleure - die werden wiederum jetzt für ihr langes Schweigen kritisiert. Foto: dpa

Die Lebensmittelprüfer in Bayern arbeiten am Anschlag – klagt der Chef des Landesverbands, Michael Förtsch, im Interview mit der AZ. Der Mann muss es wissen: Seit 20 Jahren prüft der Inzeller Betriebe im Freistaat.

 

MÜNCHEN - Zu lax, zu nachsichtig, zu verschwiegen: Die Opposition im Landtag kritisiert Bayerns Lebensmittelkontrolleure nach dem Hygiene-Skandal bei Müller-Brot hart. Jetzt packt ein Prüfer in der AZ aus – und geißelt Personalmangel und ständige Überlastung.

AZ: Herr Förtsch, wie viele Kontrolleure hat der Landkreis Freising, in dem die Müller-Brot-Bäckerei sitzt?
MICHAEL FÖRTSCH: Drei oder vier – wobei einer für Müller-Brot zuständig ist.

Einer? Ganz schön wenig.
Stimmt. Aber der Kollege wird schon Unterstützung geholt haben. Bei so großen Betrieben gehen mindestens zwei Kollegen rein, und man kann sich ja Hilfe von der Spezialeinheit des Landesamts für Gesundheit holen – wie das in dem Fall auch passiert ist.

Wie geht ein Kontrolleur bei seinen Prüfungen vor?
Er führt erstmal eine Eingangsbewertung durch, eine Art Bestandsaufnahme: Er bewertet die Größe, die Betriebsart, die Hygiene, die Zusammenarbeit mit den Behörden, bauliche Voraussetzungen und die Arbeit der internen Kontrollen. Wichtig ist auch, ob das Unternehmen stark risikobehaftete Lebensmittel produziert – also Speiseeis oder Käse...

...oder Brot?
Brot nicht unbedingt. Das wird ja bei über 200 Grad gebacken, mikrobiologisch gesehen ist da nicht mehr viel los.

Wie viele Kontrolleure gibt es in Bayern?
Etwa 500.

Reicht das aus?
Nein. Das ist bei weitem zu wenig. Wir haben in den vergangenen Jahren zunehmende Aufgaben – dadurch werden wir zunehmend an den Schreibtisch gebunden, weil wir alles dokumentieren müssen. Wir müssen im Computer jede Kontrolle minutiös eintragen. Das dauert länger als die Kontrollen. Ist zwar wichtig, aber es frisst Zeit.

Und Sie schaffen es weniger oft zu Kontrollen?
Genau. Ein Beispiel: Die Kontrollen sind von 2004 bis 2009 bundesweit um 21 Prozent gesunken – also um ein Fünftel. Die Betriebszahlen sind in der selben Zeit um fast zehn Prozent gestiegen. Das bedeutet am Schluss: Jeder Kontrolleur macht im Schnitt 100 Kontrollen weniger im Jahr als früher.

Was würden Sie sagen: Für wie viele Betriebe ist ein Prüfer zuständig?
Für 500 bis 600 Betriebe – je nach Region. In großen Landkreisen gibt es Kollegen, die 900 Betriebe kontrollieren sollen.

Wie kann das sein?
Das liegt an den Sparmaßnahmen der Staatsregierung. Die hat uns im letzten Jahr einiges aufs Auge gedrückt.

Zum Beispiel?
Neue, junge Kontrolleure kriegen erstmal weniger Geld – 100 Euro weniger für das erste Eineinvierteljahr. Unserer Ansicht nach ist das kein Anreiz für qualifizierte Fachkräfte wie Meister oder Techniker. Auch die Wiederbesetzungssperre von einem Jahr für ausscheidende Kollegen spielt eine Rolle.

Wie viele Prüfer bräuchten Sie, um Ihren Job richtig zu machen?
Ein Mann mehr pro Behörde – also 96 mehr. Das hat die Staatsregierung schon einmal geschafft – nach dem BSE-Skandal im Jahr 2000. Da wurden auf einen Schlag 71 Neue eingestellt.

 

 

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